Gesundheit : UNESCO: "Wir müssen alle Kulturexperten werden"

Tom Heithoff

Gestern vor fünfzig Jahren begann für Deutschland ein neues Kapitel. Am 11. Juli 1951 wurde es als Mitglied in die UNESCO, die Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation, aufgenommen und spielt seitdem in den internationalen Beziehungen eine zentrale Rolle. Auf der Festveranstaltung zum 50. Jubiläum, die gestern im Haus der Kulturen der Welt stattfand, gingen dem Anlass entsprechend auch viele Redner auf diesen Tag ein und sparten nicht mit Dankesworten an die 1945 gegründete Mutterorganisation, die ihren Sitz in Paris hat. Denn selbstverständlich war es wohl nicht, ein Land aufzunehmen, das erst wenige Jahre zuvor Terror und Zerstörung über die Welt gebracht hatte. "Der Beitritt war auch eine Vertrauenserklärung", ließ der Generaldirektor der Unesco Koichiro Matsuura durch seinen Beigeordneten Walter Rudolf Erdelen übermitteln. Man habe damals Toleranz und Dialogbereitschaft signalisieren wollen. Und dieser Vertrauensvorschuss habe sich auch ausgezahlt; inzwischen sei Deutschland nämlich eine "Hauptstütze der Unesco".

Dankbar ist man der Organisation, die sich laut Verfassung der "geistigen und moralischen Verbundenheit der Menschheit" verpflichtet fühlt und durch Bildungs- und Kulturdialog die Achtung vor Recht, Gerechtigkeit und Menschenrechten fördern will, auch für ihre Bemühungen, das Zusammenwachsen des wiedervereinigten Deutschland zu unterstützen, indem Bauwerke und Stadtteile aus den neuen Ländern ins Welterbe aufgenommen wurden. Dessau, Weimar, Wittenberge sind Beispiele nicht nur für ein kulturelles Engagement. Die "Würdigung durch die Weltgemeinschaft", so Jürgen Chrobog, Staatssekretär des Auswärtigen Amts, wirke auch als moralische Stütze für die Bevölkerung in den Neuen Ländern.

Wolf Lepenies, Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, betonte in seiner Festrede dagegen eher den Blick in die Zukunft. In seiner nachdenklichen Rede mahnte er Veränderungen an, die den gesellschaftlichen Entwicklungen geschuldet sind. "Wir befinden uns am Rande einer erdgeschichtlichen Katastrophe", sagte Lepenies. Ein Hauptproblem unserer Zeit, das allerdings völlig aus den Augen der Öffentlichkeit geraten sei, sei die zunehmende "Fremdzerstörung der Natur". In diesem Punkt sei weltweit eine eklatante Lernverweigerung festzustellen. Dass die USA kürzlich aus dem Klimaschutzabkommen ausgestiegen ist, sei ein "Akt demonstrativen Eigensinns" und nicht hinzunehmen. Die Unesco solle alle möglichen Anstrengungen unternehmen, dem "Misserfolg im Bereich des Umweltlernens" entgegenzutreten. Denn eines sei klar: "Die Ärmsten werden darunter am stärksten leiden." Die Unesco müsse stärker Stellung beziehen und eine "Mobilisierung der Weltöffentlichkeit" in Gang setzen.

Auch die Bekämpfung der Armut, der ökonomischen Ungleichheiten sollte nach Lepenies dringend vorangetrieben werden. "Wir leben in einer Welt der aneinanderstoßenden Ungleichzeitigkeiten - so übersetze ich Globalisierung". Die Armut und die damit zuammenhängenden Lernbedingungen und -chancen seien dafür verantwortlich, dass wir, obwohl zur gleichen Zeit, in ganz unterschiedlichen Lebenswelten leben. Da wir in Zukunft mit Sicherheit eine ""Einwanderer- und Auswanderergesellschaft" haben werden, sei es aber nötig, uns zu "Kulturexperten" zu entwicklen. Wer die Sprache des fremden Landes beherrscht, wer die Gesetze und Spielregeln des allgemeinen Umgangs akzeptiert, könne auch "der Herkunftskultur treu bleiben". Anstatt unter Grenzen zu leiden, könne man so von ihnen profitieren. In unserer modernen "Kompromisskultur" habe ansonsten nur derjenige Aufstiegschancen, der sich Bildung leisten kann oder in sehr hohem Maße lernbereit sei.

Die Unesco müsse versuchen, verstärkt "das gemeinsame Lernen" zu ermöglichen. Was heißt das? Nicht lernen von jemandem, sondern lernen mit den anderen. Während das klassische Lernen einen Wissenden voraussetzt, der den Unwissenden etwas beibringen kann, sei in der heutigen Zeit ein anderes Wissenskonzept zu entwickeln. Wer könne denn heute noch von dem autoritären Wissenden ausgehen? "Es ist heute unklar, wer eigentlich von wem lernen sollte", sagte Lepenies. Es gebe kaum Kompetenzvorsprünge. Darum heiße das neue Lernvokabular Kooperation und Gleichberechtigung und nicht mehr Autoritätsausübung. Wir lebten heute in Zeiten geteilter Unsicherheit, und in diesen Zeiten sei der herkömmliche Lernstruktur nicht mehr zu gebrauchen. "Es gibt eine ganze Reihe von Fragen, auf die wir Antworten nur gemeinsam finden können."

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