Unfallchirurgie : Zwischen Ästhetik und Kosmetik

Die Klinik für Chirurgie an Kiefer und Gesicht

Heiko Schwarzburger

Wer zu Jürgen Bier kommt, sucht besondere Hilfe: Der Chef des Zentrums für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Charité gilt als Experte für Gesichter. Rund 15 000 Patienten kommen im Jahr in Biers Klinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie auf dem Charité-Campus in Wedding. Darunter sind Unfallopfer oder Opfer von Gewalttaten. Menschen mit Tumoren oder angeborenen Fehlbildungen suchen den Rat seiner Ärzte. Über 11 000 Stunden operieren die spezialisierten Teams im Jahr, vier Tage in der Woche sind für kleine Patienten reserviert. Insgesamt 36 ärztliche Mitarbeiter gehören zur Klinik, die 65 Betten hat. Die Hälfte der Patienten wird ambulant behandelt.

Die Charité verfügt heute über die größte medizinische Abteilung dieser Art in Europa. Als Jürgen Bier 1989 den Posten des Chefarztes der Klinik übernahm, hatte er gerade vier Ärzte und sechs Betten unter sich. „Heute haben wir unter anderem die größte Laserabteilung in Deutschland.“, berichtet er. Neben den medizinisch akuten Fällen übernehmen die Mediziner auch kosmetische Operationen: Höckernasen, Tränensäcke oder abstehende Ohren beispielsweise. Sie transplantieren Körperfett der Patienten in Gesichtspartien, um eingefallene Wangen oder auch Hängebacken zu straffen. Der Übergang zwischen medizinisch notwendigem und kosmetischem Eingriff ist oft fließend: So haben viele Patienten mit HIV aufgrund ihrer Therapie eingefallene Wangen und Schläfen. Auch junge Frauen, die an einer seltenen Krankheit leiden, bei der das Fettgewebe unter der Haut schwindet, finden in der Klinik Hilfe. Insgesamt acht Operationssäle stehen den Ärzten dafür zur Verfügung, ausgestattet mit moderner Technik. Allein das Laser-OP-Gerät kostete rund zwei Millionen Euro. In einen anderen Operationssaal, ausgestattet mit Hightech-Geräten, flossen rund drei Millionen Euro.

Das menschliche Gesicht ist der einzige Körperteil, der sich nicht dauerhaft verbergen lässt. Deshalb müssen die Ärzte besonders behutsam bei ihren Eingriffen sein, keine Narbe soll den Patienten entstellen. Zehn Ingenieure forschen auf dem Gebiet der Navigation und Robotik, bei denen moderne Bildverarbeitung und schnelle Software dem Mediziner helfen, seine Arbeit punktgenau zu erledigen. „Wir haben zum Beispiel ein System für die Zahnimplantation entwickelt, das die Setzung von Implantate unterstützt“, erläutert Jürgen Bier. „Dabei geht es vor allem darum, dass die Implantate achsenparallel stehen und nicht zu tief in den Kiefer greifen, damit der Nerv nicht beschädigt wird. Unser System zeigt dem Arzt auf einem Bildschirm, wann er den Bohrer am richtigen Punkt und im richtigen Winkel aufsetzt. Ist die notwendige Bohrtiefe erreicht, schaltet sich der Bohrer automatisch ab. So stehen die Implantate immer korrekt an der geplanten Stelle. Das ist ein enormer Genauigkeits- und Sicherheitsgewinn.“ Jede Operation wird per Computer aufgezeichnet.

Das als „Robodent“ bezeichnete Navigationssystem entstand in gemeinsamer Forschung mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik in Charlottenburg. Beide Partner gründeten vor sechs Jahren das Berliner Zentrum für mechatronische Medizintechnik, das inzwischen Forschungsgelder von über mehr als acht Millionen Euro eingeworben hat. Die Fraunhofer-Gesellschaft richtete an der Klinik eine Stiftungsprofessur ein. Robodent ist mittlerweile in einer ausgegründeten Firma erfolgreich, sie mauserte sich zum Weltmarktführer für dentale Navigationsgeräte.

„Robodent“ bringt medizinische Bilder, schnelle Software zur Operationsplanung und die ruhige Hand des Chirurgen zusammen. „Es geht nicht um Roboter, die den Eingriff übernehmen, sondern darum, dass der Arzt in seinen Entscheidungen durch moderne Verfahren unterstützt und geführt wird“, betont Bier. "Wir haben dieses erfolgreiche System inzwischen auch in der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde umgesetzt und entwickeln zurzeit Navigationsgeräte für die Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie". Ein Forschungsthema ist derzeit die Sondenlegung für Herzschrittmacher mit Hilfe der computergestützten Navigation. Denn am Herzen, im Gehirn oder an der Wirbelsäule müssen die Chirurgen eine besonders ruhige Hand beweisen. Dort geht es um Zehntelmillimeter, um unnötige Verletzungen mit möglicherweise dramatischen Folgen zu vermeiden. Einer Robotermedizin jedoch erteilt Jürgen Bier eine klare Absage: „Der Arzt muss das Instrument immer in der Hand haben. Die letzte Entscheidung liegt bei ihm.“ Heiko Schwarzburger

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