Gesundheit : Ungerechtigkeit: Die heile Welt im Hinterkopf

Rolf Degen

Kein Tag vergeht, ohne dass man in seiner näheren Umgebung oder durch die Medien mit himmelschreienden Ungerechtigkeiten konfrontiert wird. Immer wieder leiden die "Guten", während sich die "Bösen" an Glück und Erfolg erfreuen. Trotzdem gibt es eine tiefverwurzelte Tendenz im Menschen, wider allen Augenschein die Illusion einer gerechten Welt aufrechtzuerhalten, in der ein jeder bekommt, was er verdient. Nach der üblichen Einschätzung ist der Glaube an eine heile und gerechte Welt eine naive Kinderphantasie, die bei geistig Gesunden sehr rasch einer gründlichen Ernüchterung weicht.

Die meisten Menschen würden bei direkter Befragung unterschreiben, dass es in der Wirklichkeit launisch und ungerecht zugeht, sagt der Psychologe Melvin J. Lerner von der kanadischen University of Waterloo. Die Konfrontation mit Ungerechtigkeit, sei es als Betroffener oder als Beobachter, geht jedoch mit schmerzhaften Gefühlen einher. Das Schlimmste an dieser Erfahrung ist wahrscheinlich die überwältigende Erkenntnis, dass die Welt nicht nach einem gerechten Plan funktioniert.

Schmied des eigenen Glücks

Um diese desolate Einsicht abzuwenden, wird die erfahrene Ungerechtigkeit quasi "im Hinterkopf" entschärft. Am deutlichsten drückt sich diese Schönfärberei in der allgemeinen Neigung aus, den Unglücksraben des Lebens die Verantwortung für ihr eigenes Los aufzubürden, während man den vom Schicksal Begünstigten auch ohne Anlass besonderen Einsatz zugesteht. Ohne einen Schuss dieser illusionären Tatsachenverdrehung, so glauben Psychologen, müsste man jede Hoffnung fallen lassen, Schmied seines eigenen Glückes zu sein und würde in tiefe Depressionen verfallen. Die Illusion der gerechten Welt ermöglicht es den Menschen, ihrer Umgebung so zu begegnen, als sei sie stabil und geordnet. Sie stattet sie mit der Überzeugung aus, auch selbst gerecht behandelt zu werden.

Studenten, die bei einer rein zufallsabhängigen Lotterie das große Los gezogen hatten, wurden von ihren Kommilitonen im Nachhinein als arbeitsamer eingeschätzt als die, die leer ausgingen, fiel amerikanischen Wissenschaftlern bereits vor einigen Jahren auf. Umgekehrt schob man imaginären Personen, die mit einem Auto verunglückt waren, um so mehr Schuld in die Schuhe, je größer der angerichtete Schaden war. Das Eingeständnis, dass auch Unschuldigen großes Leid zustoßen kann, beschwört offenbar automatisch die Schlussfolgerung herauf, dass man selbst eines Tages Pech haben könnte, und wird daher umgedeutet.

Schaden bedeutet Schuld

Ein starker Drang hingegen, das Opfer anzuschwärzen, taucht auf, wenn es auch nur den leiseste Verdacht gibt, dass man an dessen Unglück (mit-)schuldig ist. Die Verunglimpfung des Geschädigten stellt in diesem Fall sowohl den Glauben an die gerechte Welt als auch den an die eigene Rechtschaffenheit wieder her. Manche Opfer beschwören stärkere Beschönigungen herauf, zeigt eine Studie, deren Versuchspersonen über die Täter und Opfer von fingierten Notzuchtverbrechen urteilen sollten.

Dem Peiniger einer Jungfrau wurde, erwartungsgemäß, ein besonders hohes Strafmaß aufgedonnert. Andererseits unterstellten die Juroren der Jungfrau aber auch viel mehr Mitverantwortlichkeit als einer Geschiedenen, die gleichfalls vergewaltigt worden war. Dass einer "hochrespektablen" Jungfrau solches widerfährt, kommt, so jedenfalls die Theorie vom Glauben an der gerechten Welt, offenbar stärker mit unserem Gerechtigkeitsdenken in Konflikt.

Hinfällig wird das Bedürfnis nach Beschuldigung des Opfers anscheinend, wenn man dieses für sein Unheil entschädigen und so den Riss in den eigenen Illusionen wiedergutmachen kann. Dies zeigte sich, als Studenten der (scheinbaren) Elektroschock-Bestrafung von Kommilitonen beiwohnten, die angeblich in einem Test versagt hatten. Ein Teil der Zuschauer wurde in die Lage versetzt, den Gepeinigten durch die Zuweisung in ein anderes Labor, in dem es nur (finanziellen) Lohn, aber keine Strafe gab, Schadensersatz zuzuschustern. Fazit: Ohne Möglichkeit der Wiedergutmachung äußerten sich die Studenten viel eher abfällig über ihre traktierten Studienkollegen als im anderen Fall.

Arme Schlucker, denen nicht zu helfen ist, ziehen offenbar obendrein noch die Schmach der Diffamierung auf sich. Wohl nicht zuletzt wegen ihrer Neigung, den eigenen Lebenslauf als im großen und ganzen gerecht zu rekonstruieren, sind Menschen mit einem ausgeprägten Glauben an eine gerechte Welt auch allgemein mit ihrem Leben zufriedener, hebt Claudia Dalbert von der Abteilung für pädagogische Psychologie an der Universität Tübingen hervor. "Dieser Zusammenhang konnte zwischenzeitlich für Studierende, querschnittgelähmte Unfallopfer, Väter und Mütter von Risikokindern, Arbeitslose und für Töchter, die ihre pflegebedürftigen Mütter versorgen, belegt werden."

Glauben hilft zu helfen

Es ist auch keineswegs zutreffend, dass ein intensiver Glaube an eine gerechte Welt zur Passivität verführt. Wunschdenken, Zögerlichkeit und selbstschädigendes Verhalten sind bei den Betreffenden sogar geringer ausgeprägt. Haben diese Menschen die Möglichkeit, das Leiden eines vermeintlichen Opfers zu beenden und das Opfer zu entschädigen, nehmen sie diese Chance durchaus wahr.

So zeichneten sich etwa Helfer von Autounfallopfern im Vergleich zu Kontrollpersonen durch einen ausgeprägteren Glauben an eine gerechte Welt aus. "Neuere Forschung verweist sogar darauf, dass der Glaube an eine gerechte Welt zu den zentralen Merkmalen einer sozial verantwortlichen Persönlichkeit gehört", meint Dalbert. Aber dies alles gilt nur, wenn die Menschen, die eine Ungerechtigkeit, eine Benachteiligung beobachten, davon überzeugt sind, dass ihnen eine erfolgversprechende Handlungsmöglichkeit zur Verfügung steht.

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