Gesundheit : Ungewohnte Lustgefühle

Pisa II: Heute erfahren wir, wie gut Schüler rechnen können. Mal ehrlich: Wie viel Mathe braucht der Mensch?

Dorothee Nolte

Erinnern wir uns doch mal, was wir in der Schule in Mathe gelernt haben. Da gab es Logarithmen, quadratische Funktionen, Faktoren, Vektoren, allerhand Xe und Ys schwirrten umher, umklammerte (a)s und (b)s schmiegten sich aneinander, Wurzeln paarten sich mit Potenzen, es war ein lustig Zahlentreiben, das unser Schülerblut in Wallung brachte – allerdings meist vor Angst.

Und was ist von all dem nach ein paar Jahren übrig, wenn man nicht gerade einen mathematiknahen Beruf gewählt hat? Im Wesentlichen die Grundrechenarten. Mit ihnen beginnt das mathematische Denken der meisten, und mit ihnen hört es auch wieder auf – bei der Rechtsanwältin ebenso wie beim Journalisten, bei der Schauspielerin genauso wie beim Verkäufer. Plus, Minus, Mal, Geteilt durch, dazu noch ein bisschen Bruch-, Potenz- und Prozentrechnung: Das reicht, um Gehaltszettel und Mietabrechnung zu durchschauen, um Grafiken und Statistiken in Zeitungen grob zu verstehen, eine Buchhaltung zu führen und den Mehrwertsteuersatz auszutüfteln. Je nach Beruf kommt noch die eine oder andere Formel hinzu. Befund Nummer eins: Der normale Mensch braucht nicht viel Mathe.

Befund Nummer zwei: Seine Unkenntnis wird ihm nicht mal übelgenommen. Die Gefahr, bei einer Party mit einer trigonometrischen Formel konfrontiert zu werden, ist äußerst gering; und selbst die Bildungspäpste sehen über Schwächen in der Mathematik großzügig hinweg. Dietrich Schwanitz erwähnt sie in „Bildung – Alles was man wissen muss“ gar nicht eigens, für sie gilt offenbar dasselbe wie für Physik und Chemie: „Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht.“ Und in einem pragmatischeren Buch wie „Allgemeinbildung – was man heute wissen muss“ (compact verlag 2004) findet man zwar „200 intelligente Pisa-Transfer-Übungen“, auch zu „Wirtschaft & Finanzen“ oder „Naturwissenschaft & Technik“, aber keine zur Mathematik an sich.

Werner Fuld geht noch weniger respektvoll mit der Mathematik um. „Bis zum Abitur wird unseren Schülern mathematischer Müll eingetrichtert“, schreibt er in seinem Buch „Die Bildungslüge“ (Argon 2004). Die Schüler lernten „Formeln für Berechnungsfälle, die in ihrem Leben niemals vorkommen werden“, wettert er und schlägt vor, sie sollten das Fach so früh wie möglich abwählen dürfen. Die Begabten könnten sich in Leistungskursen unmittelbar auf das Studium vorbereiten.

In der Tat lernt ein Ingenieur, eine Controllerin oder Informatikerin die Mathematik, die sie brauchen, im Studium. „Ich setze bei den Erstsemestern nur die Grundrechenarten und Geometrie voraus und frage nicht mal, was sie in den Leistungskursen gelernt haben“, sagt Rainer Wüst, der an die TU Berlin Mathematik für Physiker unterrichtet. Er baue alles nochmal von vorn auf, „denn oft denken die Studenten fälschlich, sie hätten es schon verstanden“.

Trotz alledem gibt es viele Gründe, in der Schule Mathematik auch jenseits der fürs Leben nützlichen Fertigkeiten zu unterrichten. Das Ziel dabei sollte aber jene „mathematical literacy“ sein, die sich die Pisa-Forscher vorgenommen haben zu prüfen: Mathematik als eine Art von Sprache, die verstanden und funktional in einer Vielzahl von Kontexten genutzt werden kann. Rainer Wüst formuliert es so: Die Schüler sollten mit Hilfe von Mathe lernen, Strukturen zu erkennen, mit Modellen umzugehen, in Größenordnungen zu denken, Wichtiges von Unwichtigem zu scheiden, sinnvoll an Probleme heranzugehen.

Nicht jedem wird man die Lust am Umgang mit Zahlen oder die ästhetische Freude an einer eleganten Formel vermitteln können, die den Mathematiker auszeichnet. Aber jeder kann erfahren, wie sich die Mathematik für relevante Zwecke nutzen lässt – und zumindest eine Ahnung davon erhalten, was sie darüber hinaus kann. Im Unterricht zum Beispiel so: „Wenn es in der zehnten Klasse um trigonometrische Probleme geht, erklären wir Sinus und Kosinus nicht an der Tafel, sondern machen ein Vermessungspraktikum“, berichtet Enja Riegel, die ehemalige Leiterin der Wiesbadener Helene-Lange-Modellschule und Autorin des Buchs „Schule kann gelingen!“ (S. Fischer 2004). Drei Tage lang bauen die Klassen in Wiesbaden ihre Theodolite auf und vermessen das Land. Gemeinsam erstellen sie eigene Landkarten und plötzlich hat Trigonometrie einen unmittelbar überzeugenden, anschaulichen Nutzen. Der Maßstab für einen gelungenen Unterricht ist dabei: „Haben die Kinder herausgefunden, dass es um wichtige, manchmal sogar aufregende Fragen geht?“

Auch junge Kinder sind ja an Mathematik durchaus interessiert. „Kinder erleben Zahlen und Zählen als eine Methode, wie sie selbst die Welt strukturieren und erforschen können. Damit sind Zahlen und das Zählen etwas unmittelbar Attraktives für sie“, sagt Albrecht Beutelspacher, Mathematik-Professor in Gießen und Gründer des Mathematikums, des ersten „mathematischen Mitmachmuseums der Welt“ in Gießen. Nach der Mathematik im Alltag zu suchen und sie zu finden, sei eine schöne Aufgabe, findet auch die amerikanische Lehrerin Nancy Hoenisch, Ko-Autorin des Buchs „Mathe-Kings – Junge Kinder fassen Mathematik an“ (verlag das netz 2004). „Mathematik ist Rhythmus, Musik, Tanz, steckt in Blumen, Früchten und Bäumen, im Tag und in der Nacht, in der Sonne und den Sternen, in den Jahreszeiten und im ganzen Universum.“ Ein bisschen von dieser Sinnlichkeit im Unterricht täte auch älteren Schülern gut.

Hans Magnus Enzensberger hat sich in einem Vortrag vor Mathematikern einmal öffentlich darüber gewundert, wie es komme, dass „große Teile der Bevölkerung – abgesehen von den Wonnen des Dezimalsystems – nie über die griechische Mathematik hinaus gekommen sind“. Das allgemeine Bewusstsein sei hinter der Forschung um Jahrhunderte zurückgeblieben – ein kultureller „time lag“ wie auf keinem zweiten Gebiet. Lässt sich das ändern?

Es wäre, so Enzensberger, der Versuch einer Alphabetisierung – „ein langwieriges aber vielversprechendes Projekt, das im zarten Alter zu beginnen hätte und unseren viel zu trägen Gehirnen ein gewisses Fitness-Training und ganz ungewohnte Lustgefühle verschaffen könnte.“

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