Gesundheit : Unis in Ungarn: Auf dem Weg nach Europa

Heiko Schwarzburger

Was gehen uns die Ungarn an? In einem zusammenwachsenden Europa sehr viel. Unvergessen ist der Beitrag der Ungarn zur Grenzöffnung für die DDR-Flüchtlinge im Sommer 1989. Auch auf der Ebene der Hochschulen gab und gibt es deutsche Studenten, die Medizin studieren wollten, aber wegen des Numerus clausus in Deutschland hierzulande keine Chancen hatten. Sie gehören seit langem zu den Ausländern, die in Ungarn willkommen sind.

Zahlreiche ungarische Hochschulen bieten jetzt englische oder deutsche Studiengänge an. Bekanntestes Beispiel ist die Semmelweis-Universität in Budapest, die Mediziner ausbildet: "Als so genannte Numerus-clausus-Flüchtlinge hat mittlerweile eine ganze Kohorte von deutschen Medizinern ihre Ausbildung in Ungarn gemacht", meinte Christian Bode, Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) jüngst auf einer Tagung in Berlin. Auf der Konferenz tauschten ungarische und deutsche Hochschulrektoren ihre Erfahrungen mit Hochschulreformen aus. Beide Länder müssen sich entsprechend der Bologna-Deklaration von 29 Wissenschaftsministern auf gemeinsame Grundzüge der Studiengestaltung in Europa vorbereiten.

Derzeit gehen dreimal mehr junge Ungarn nach Deutschland als nach Großbritannien. Aber nur wenige deutsche Studenten finden den Weg nach Süden. "Natürlich spielt die Sprachbarriere eine große Rolle. Aber wir können jedem interessierten Studenten aus Deutschland ein Stipendium bieten", versprach Christian Bode. Seine Organisation, der DAAD, achtet besonders darauf, dass Deutschland als Studienort für ausländische Studenten interessant bleibt oder wieder begehrt wird. In Mittel- und Osteuropa sind "Ungarn, Polen und Russland ganz klar unsere Schwerpunkte", erklärte Bode. Umgekehrt werden deutsche Studenten, die mit einem Erasmus-Stipendium nach Ungarn kommen, von Studiengebühren befreit, die sich sonst schnell auf 3000 Dollar pro Semester summieren können.

In Ungarn dreht sich derzeit alles um die Frage, wie sich das Land aus eigener Kraft auf einen schnellen EU-Beitritt vorbereiten kann. "Unsere Hochschule steht seit zwei Jahren in einem Prozess der Umwandlung", berichtete Tibor Klinghammer, Rektor der Eötvös Loránd Universität (ELTE) in Budapest auf der Tagung in Berlin. "Wir wollen wieder in den Kreis der führenden Universitäten Europas aufsteigen."

Bereits Mitte des 17. Jahrhundert gegründet, ist ELTE heute mit 30 000 Studenten in 116 Studiengängen die wichtigste Hochschule Ungarns. Die Ungarische Akkreditierungsagentur, vom Bildungsministerium in Budapest als unabhängiges Gutachtergremium ins Leben gerufen, bescheinigte ihr eine exzellente Ausbildung. 62 Prozent aller Studiengänge gelten als "ausgezeichnet", 34 Prozent als "stark".

ELTE schickt in diesem Jahr 400 Studenten und Doktoranden nach Westeuropa und Nordamerika, vor allem mit Mitteln aus dem Erasmus-Programm. Wichtigster Partner in Deutschland, dem Zielland Nummer Eins der ungarischen Jugend, ist die Humboldt-Universität. Darüber hinaus kooperiert ELTE eng mit den Universitäten in Hamburg, Heidelberg, Jena, Bamberg, Paderborn, aber auch mit der Freien Universität.

"Bei uns sind die Niveaus der Fachhochschule, der Universität und der Promotion unter einem Dach". Mit diesen Worten markierte Rektor Klinghammer einen wesentlichen Unterschied zu den deutschen Hochschulen. "In Zukunft werden wir die Durchlässigkeit der Studiengänge verbessern, indem wir Kreditpunkte vergeben. Dann können die Studenten auch leichter wechseln." Damit entspricht Ungarn den Anforderungen jener europäischen Länder, die sich seit der Bologna-Erklärung darauf geeinigt haben, für die wechselseitige Anerkennung der jeweiligen Studienleistungen zu sorgen. Das geht nur durch die Unterteilung des Studiums in klare Abschnitte, für die Kreditpunkte vergeben werden.

Seit Juli 1996 gilt für sämtliche Studiengänge an ungarischen Hochschulen ein einheitliches System: College-Programme, die unserem Grundstudium beziehungsweise dem Fachhochschulstudium entsprechen, dauern drei bis vier Jahre. Sie enden mit einem Bachelor. Die Masterstudien, die einem deutschen Unidiplom entsprechen, dauern in der Regel vier bis sechs Jahre. Promotionsstudien sind auf drei Jahre angelegt. Auch damit entspricht Ungarn den Vereinbarungen der Bologna-Erklärung. Wie sieht es sonst mit der Hochschulreform in Ungarn aus? "Derzeit haben wir 3000 Mitarbeiter, die auf 104 Gebäude im Stadtgebiet von Budapest verteilt sind", erläuterte ELTE-Rektor Klinghammer. "Wir brauchen eine gut erreichbare Campus-Universität, mit modernem Management für die Institute." Das ist keine leichte Aufgabe, denn in der ungarischen Hauptstadt drängen sich 21 Universitäten und Colleges. Diese Zersplitterung kostet Unsummen.

Ende der 80-er Jahre gab es im ganzen Land fast 90 staatliche Hochschulen, die meisten mit weniger als 500 Studenten. Dazu zählten auch kirchliche Hochschulen, die 1947 von den Kommunisten enteignet worden waren. Heute lernen zehn Prozent aller ungarischen Studenten wieder an kirchlichen Einrichtungen.

1993 vereinte die Regierung die bislang auf fünf Ministerien verteilte Zuständigkeit in der Hand des zentralen Bildungsministeriums. Kleine Hochschulen wurden zusammengelegt, die Verwaltung gestrafft. Heute hat Ungarn 17 staatliche Universitäten, 13 staatliche Colleges, 26 Hochschulen der Kirche und sechs Colleges.

1991 gingen nur 12 Prozent der jungen Menschen im Alter bis zu 22 Jahren an eine Hochschule, resümierte Adam Kiss, Stellvertretender Staatssekretär im Ministerium für das Bildungswesen. "Gegenwärtig sind es 28 Prozent. Unser Ziel ist es, mehr als die Hälfte aller jungen Leute Ungarns auf eine Universität zu schicken." Der Weltbank war dieses ehrgeizige Bildungsprojekt eine Anleihe von 150 Millionen Dollar wert. Die ungarische Regierung schoss weitere 120 Millionen Dollar zu.

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