Gesundheit : Universität Halle: Aufbruch im alten Industrierevier

Heiko Schwarzburger

Hallorenkugeln und Händel: für den Durchschnittsdeutschen steht die alte Industriestadt Halle an der Saale für süße Schmeckerchen, sei es für den Gaumen oder das Trommelfell. Das Haus des berühmten Komponisten Händel steht immerhin in der Stadt an der Saale. Doch Halle, die Stadt im Schatten Leipzigs, hat sich in den letzten Jahren zu einem Zentrum der Wissenschaft gemausert. Revitalisiert heißt das korrekte Wort, denn die Martin-Luther-Universität (MLU) geht auf die 1502 gegründete Universität in Wittenberg zurück.

Mit über 13 000 Studenten ist die MLU heute die größte Universität in Sachsen-Anhalt. Vor allem für Ethnologen, Mediziner, Philosophen und Physiker entwickelt sich Halle zu einem Mekka. Vor der Wende war die Universität auf rund 8000 Studenten festgelegt, danach begann Anfang der neunziger Jahre eine stürmische Entwicklung. Die Studentenzahlen steigen stetig. "Unser Ausbauziel liegt bei rund 15 000 Studienplätzen", sagt Rektor Reinhard Kreckel. "Wann wir das schaffen, ist noch ungewiss, aber wir arbeiten daran." Dabei setzen die Dozenten der Universität in erster Linie auf traditionelle Stärken.

In Halle haben die Franckeschen Stiftungen ihren Sitz: Im 17. Jahrhundert waren hier die Schulreformer zu Hause und praktizierten eine gemeinsame Ausbildung von Waisen, Adligen und Bürgerkindern. Die Väter der Idee trieben Handel mit weitgehend unbekannten Regionen der Welt, rüsteten Expeditionen aus und unterstützten die Ostindische Missionsgesellschaft. Ihre Sammlungen bildeten den Grundstock für die Orientwissenschaften der Universität. An der Universität befinden sich auch die Nachlässe der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft; über Jahrzehnte sammelte die Uni ethnologische Kostbarkeiten aus Nordafrika und dem Vorderen Orient. Die Martin Luther Universität gehört zum Forschungsverbund "Sprach- und Kulturwissenschaften", betreibt ein eigenes Zentrum für Armenische Studien und beherbergt das Graduiertenkolleg "Regionale Systeme koexistierender Religionsgemeinschaften."

Angesichts dieser Meriten entschied sich die Max-Planck-Gesellschaft, ihr neues Institut für ethnologische Forschung in Halle anzusiedeln. "Der weitere Aufbau dieses Faches an der Universität ist im vollen Gange", lobt Gründungsdirektor Christopher Hann. "Ich sehe gute Möglichkeiten für Kooperationen in fast jedem Fachbereich." Demnächst wird die MLU gemeinsam mit der Universität in Leipzig einen neuen Studiengang zur Ethnologie auflegen - zum Diplom kommen dann Abschlüsse mit dem Bachelor oder Master hinzu. Die fachlichen Beziehungen zum nahegelegenen Leipzig haben einen guten Grund: Das Leipziger Museum für Völkerkunde gehört zu den wichtigsten ethnologischen Forschungszentren Europas.

Auch sonst sind die Beziehungen zu den Nachbaruniversitäten gut. Denn Halle-Wittenberg gehört mit der Universität Leipzig und der thüringischen Universität Jena zu einem länderübergreifenden Dreierbund, der den Studenten nicht nur die wechselseitige Anerkennung der Lehrveranstaltungen sichert, sondern auch die gemeinsame Nutzung der Bibliotheken an den drei Standorten. Das Ganze mündet in der Verabredung gemeinsamer Forschungs- und Lehrprojekte. Die Kooperation mit Leipzig ist möglich, weil beide Universitäten kaum dreißig Minuten mit der Bahn entfernt sind.

Sanierung von Altlasten

Mit dem Chemierevier Bitterfeld-Wolfen und riesigen Tagebauen für Braunkohle an der Grenze zu Sachsen erbte Sachsen-Anhalt einen der problematischsten Industriestandorte der ehemaligen DDR. Die Geowissenschaftler der MLU konzentrieren sich vor allem auf die Geoökologie und die Sanierung der Altlasten. In Halle und Leipzig sitzt das renommierte Umweltforschungszentrum (UFZ), ein gemeinsames Institut von Sachsen-Anhalt und Sachsen. Doch die Forschungen beschränken sich nicht nur auf abfallfressende Mikroben. Gemeinsam mit den Medizinern, Chemikern und Landwirten der MLU legen die Biologen einen Studiengang zur Ernährungswissenschaft auf. Um die Kompetenzen zu bündeln, entstand in kürzester Zeit ein neues Biozentrum.

In Halle unterhält die Max-Planck-Gesellschaft auch ein Institut für Mikrostrukturphysik, das eng mit Naturwissenschaften der Universität kooperiert. Die Materialwissenschaften haben in Halle gleichfalls einen ausgewiesenen Schwerpunkt.

Die neue Martin-Luther-Universität entstand nach der Wende aus der Fusion von Halle mit der kleinen Uni in Wittenberg, der Pädagogischen Hochschule in Köthen sowie Teilen der Technischen Hochschule in Merseburg. Von dort wurden die Ingenieurwissenschaften eingebracht. "Die Verfahrenstechnik bei uns beschäftigt sich mit stoffwandelnden Prozessen und Verfahren und konzentriert sich auf angewandte Naturwissenschaften", berichtet Stefan Schwendtner, Referent im Rektorat. "Biotechnologie wird dabei ganz groß geschrieben. Seit dem letzten Herbst bieten wir einen Studiengang Bioingenieurwesen an. Nächsten Herbst beginnen wir mit dem Angebot über biomedizinischen Materialien."

Ganz neu sind die juristische und die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät. Das historisch wohl einmalige Universitätsensemble in der Hallenser Altstadt schmückt jetzt ein gläserner Neubau. Das neue Juridicum birgt eine geräumige Bibliothek mit fast 200 000 Bänden. Der helle Lesesaal bietet 280 Lesern Platz, an der Fakultät sind rund 2000 Studenten eingeschrieben. Da die Fakultät erst nach der Wiedervereinigung gegründet wurde, verfügt sie über exzellente Bedingungen. Ihr PC-Pool gehört zu den modernsten, die sich an deutschen Fakultäten für Rechtswissenschaften finden. Der Zugriff auf juristische Datenbanken gehört zum Studienalltag. Seit 1997 bietet die MLU einen Studiengang für Wirtschaftsrecht.

Konzentration in einem Viertel

Für Studenten bietet die Stadt ein weitgehend intaktes Flair. Halle wurde im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört. Die Universität ist in einem dichten Viertel am Universitätsplatz konzentriert - alle Institute sind schnell erreichbar, auch zu Fuß. Demnächst beginnt der Bau des neuen Audimax. In unmittelbarer Nähe zum Campus befinden sich das Opernhaus und das neue Theater. Studenten und Kneipen gehören zusammen, auch in Halle entwickelt sich die Szene prächtig. Wem die Stadt dennoch zu wenig bietet, der kann leicht auf Leipzig ausweichen. Die Heimatstadt von Doktor Faustus, dem ältesten aller akademischen Säufer, ist als die Metropole für alternative Experimentalkunst in den neuen Ländern bekannt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben