Gesundheit : Unter dem neuen Anstrich

Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial baut im Ural ein Lagermuseum auf

Moritz Gathmann

Mehrere Stunden Autofahrt entfernt von der russischen Millionenstadt Perm im Ural befindet sich ein Unikat des heutigen Russlands: die Gedenkstätte Perm-36, benannt nach dem Straflager, das hier 1992 seine Pforten schloss und seine letzten sowjetischen politischen Gefangenen in die russische Freiheit entließ. Aufgebaut und betreut wird das Museum von der Permer Abteilung der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, die jetzt den Alternativen Nobelpreis erhielt – dafür, „dass sie, unter sehr schwierigen Verhältnissen und mit großem persönlichen Mut, zeigt, dass Geschichte dokumentiert werden muss und Menschenrechte überall respektiert werden müssen, wenn nachhaltige Lösungen für das Vermächtnis der Vergangenheit gefunden werden sollen“. Der prominenteste Kopf von Memorial, Sergej Kowaljow, saß selbst mehrere Jahre in Perm-36.

Beide Völker, Russen wie Deutsche, hatten im 20. Jahrhundert ihre eigene totalitäre Diktatur. Soweit die Gemeinsamkeiten. Wie sehr sich diese Diktaturen unterschieden und wie sehr sich Russen in ihrer Erinnerungskultur von der so oft beschworenen deutschen Vergangenheitbewältigung unterscheiden, konnte jetzt eine Gruppe von Studenten der Berliner Humboldt-Universität bei einer Exkursion nach Perm erfahren. Zusammen mit Studenten der Staatlichen Universität Woronesch und der Permer Pädagogischen Universität bereisten sie zehn Tage lang ehemalige Lagerstandorte.

„Nach einer Welle von literarischen Veröffentlichungen zum Gulag in den 60er Jahren, dem russischen Tauwetter, gab es bis Ende der 80er Jahre eine kollektive Amnesie“, sagt Alexander Kalich, Direktor des Permer Memorial-Büros. Dabei hat fast jeder Russe Familienmitglieder, die auf die eine oder andere Weise unter dem Stalinismus zu leiden hatten. Aber die Erinnerung an sie stirbt zusammen mit ihnen nach und nach aus. Der Großteil der Gulag-Lager ist schon zerfallen, Friedhöfe wurden eingeebnet, und mit ihnen die Zeugen der Millionen Opfer der stalinistischen Jahrzehnte. Im Permer Gebiet hat Memorial in den letzten Jahren an den ehemaligen Lagerstandorten Holzkreuze aufgestellt.

Eine breite Diskussion über gesellschaftliche Gründe und strukturelle Bedingungen für das Entstehen des Stalinismus blieb nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus. Zu stark war die Kontinuität unter den wissenschaftlichen und politischen Eliten, zu schwach der junge, neue Staat. Auch Boris Jelzin strengte keine Prozesse gegen Kommunisten an, die an den Verbrechen des Stalinismus beteiligt waren. „Eine Öffnung der KGB-Archive, vergleichbar mit der Öffnung der Stasiarchive in Deutschland, hätte die Gesellschaft in eine Vertrauenskrise gestürzt“, ist sich Kalich sicher. So beschäftigt man sich an den Universitäten lieber mit dem ruhmreichen Großen Vaterländischen Krieg oder den parteiinternen Säuberungen Ende der 30er Jahre. Das passt besser zum Typ des patriotischen Wissenschaftlers, der in den Putin-Jahren erblüht.

Den stalinistischen Terror zu deuten, ist weitaus komplizierter. Zum Beispiel, wenn man zu Besuch ist bei Wladimir Kirillewitsch Kurguzow, Jahrgang 1941, der 30 Jahre lang politische Häftlinge im Lager Perm-35 beaufsichtigte. In den letzten Jahren hat er ein kleines Museum neben dem Lager eingerichtet, dessen zentrales Stück ein Modell des Lagers ist. An dessen Schaltpult steht der 63-jährige ehemalige Wärter und lässt verschiedene Lichter blinken. „Hier die Sicherungsanlagen, hier die Route der Arbeitskolonne“, erklärt er. Die kleinen Spielzeugwärter und -häftlinge, die sich auf dem Modell tummeln, haben heutige Insassen des benachbarten Lagers 35 aus Brot gebastelt. Wladimir Kirillewitsch steht mit leuchtenden Augen am Schaltpult seines Modell-Lagers – in der Überzeugung, gute Arbeit geleistet zu haben.

Ein paar Kilometer weiter sitzt Iwan Girschfeld, der 1941 im Alter von 15 Jahren zusammen mit Hunderttausenden weiteren Wolgadeutschen in die Arbeitsarmee deportiert wurde und auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht in seine Heimat zurückkehren durfte. Iwan Iwanowitsch, früher einmal Johann, erhält als „Repressierter“ der Stalinzeit im Monat zusätzlich zur kargen Rente etwa drei Euro Entschädigung vom russischen Staat. Was die deutschen und russischen Studenten von ihm wollen, versteht er nicht so recht. „Wem nutzt das denn noch?“, fragt Girschfeld. Den scheinbar freien Russen sei es im Krieg doch genauso schlecht gegangen wie ihnen, den Zwangsarbeitern. Das passt zu dem Urteil, das eine russische Historikerin vor kurzem gefällt hat: „In der kollektiven Erinnerung der Russen existiert der Stalinismus als eine Naturkatastrophe.“

Es ist schwer, eine Gesellschaft in eine Diskussion über Vergangenheit zu verwickeln, die sie lieber ruhen lassen will. Umso wichtiger sind die Bemühungen von Memorial trotz alledem das Wissen um die Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart zu mehren. Und so steht einer der russischen Studenten, der 22-jährige Sergej, beim Besuch der Gedenkstätte Perm-36 vor einer ehemaligen Lagerbaracke und sagt: „Unser heutiges System ist wie dieses Haus dort drüben. Neu angestrichen, aber unten drunter ist es doch noch das gleiche.“

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