Gesundheit : Unter den Spähern ist der Farbenblinde König

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Von Rolf Degen

Im Zweiten Weltkrieg hatten die Spionageflugzeuge der Alliierten häufig farbenblinde Späher an Bord. Ihre Aufgabe bestand darin, nach getarnten Militärlagern der Nazis Ausschau zu halten. Eine richtige Strategie – wie neue Studien bestätigen: Eine verminderte Wahrnehmungsfähigkeit für Farben hilft tatsächlich, getarnte Flächen aufzudecken.

Das Farbensehen ist kein Luxus der Sinne, sondern ein Überlebensmechanismus, der vor allem bei der Suche nach Nahrung hilft. Menschen und andere Primaten haben diese Gabe entwickelt, weil unsere Vorfahren beobachten mussten, wie essbare Pflanzen heranreiften und vor welchen bunten Pflanzen und Tieren sie sich hüten mussten.

Mit seinen drei Farbpigmenten, die in der Netzhaut des Auges blaue, grüne und rote Lichtsignale auseinander halten, kann der „trichromatische“ Mensch – und sein nächster Verwandte, der Affe – mehr als zwei Millionen Farbtöne wahrnehmen. Alle anderen Säugetiere wie Hunde und Katzen besitzen als „Dichromaten“ lediglich zwei Farbpigmente, sie können nur Blau und Gelb unterscheiden. Eine Minderheit – sieben Prozent der Männer und unter ein Prozent der Frauen – leidet jedoch unter einer „Farbsehschwäche“, die der Situation bei anderen Säugetieren gleicht. Bei dieser „Dichromasie“ kann eine der drei Farbkomponenten nicht wahrgenommen werden; meist ist die Rot-Grün-Empfindung gestört.

Wenn die Farbtüchtigkeit wirklich Funktionen im Daseinskampf erfüllt, stellt sich die Frage, wieso die natürliche Auslese die Gene für Farbenblindheit nicht längst ausgemerzt hat. Ist es möglich, dass eine Farbsehschwäche den Betreffenden ausgleichende Stärken auf anderen Gebieten schenkt?

Offenbar ja, und diese Stärke könnte das Erkennen von getarnten Mustern sein. So müssen neue militärische Tarnungen auch von farbenblinden Testern begutachtet werden. Im Vietnamkrieg kamen farbenblinde US-Soldaten besser mit dem Dschungel zurecht, weil sie leichter Bewegungen vor dem Hintergrund des Laubes ausmachen konnten. Ob Farbenblindheit wirklich hilft, Tarnungen zu durchschauen, wurde von der Wissenschaft bisher allerdings nur unter Laborbedingungen geprüft. Britische Psychologen gaben vor einiger Zeit Versuchspersonen die Aufgabe, auf einem Monitor Muster zu erkennen, die durch viele winzige, teilweise gedrehte, rote und grüne Rechtecke (oder Buchstaben) gebildet wurden. Das Ergebnis: Wenn die gebildeten Muster farblich mit dem Hintergrund verschwammen, nahmen farbenblinde Probanden sie sehr viel besser wahr. Als die Forscher einfarbige Rechtecke und Buchstaben verwendeten, löste sich der Vorteil der Farbenblinden auf. Auch die bunten „Ishihara-Tafeln“, die zur Diagnose der Farbenblindheit verwendet werden, können Muster enthalten, die nur Farbenblinde sehen.

Ob aber solche abstrakten Sonderleistungen auch unter realistischen Bedingungen Bestand haben, hat die Psychologin Nancy G. Caine von der California State University in San Marcos nun bei südafrikanischen Krallenaffen untersucht. Auch bei diesen zwergwüchsigen Baumbewohnern kommen trichromatische und dichromatische Individuen vor. Im Gehege der Primaten wurden ein Zentimeter große, runde Getreideriegel verstreut. Bei einem Teil der Versuche färbte die Psychologin diese hoch begehrten Happen mit Lebensmittelfarben und brachte sie zur Tarnung in einem Meer von bunten Holzspänen unter. Tatsächlich kamen auch unter diesen lebensnahen Umständen wieder die Stärken der Farbsehschwäche ans Licht: Wenn die Leckerbissen eine farbliche Tarnung besaßen, kamen die farbenblinden Affen ihnen besser auf die Spur.

Farbenblinde trumpfen aber nicht nur beim Durchschauen von Tarnungen auf. Ihre Augen nehmen auch in der Dämmerung mehr wahr. Eine Studie der niederländischen Universität Groningen an 326 Studenten zeigte, dass Farbenblinde bei stark eingeschränkter Beleuchtung Gegenstände besser erkennen können.

Möglicherweise werden farbenblinde Individuen bereits in der Affenhorde mit speziellen Aufgaben betraut, spekuliert Caine. In bestimmten Situationen, zum Beispiel wenn sie sich für die Nachtruhe zurückziehen, stellen Krallenaffen Wachtposten auf. Es soll nun untersucht werden, ob die Wahl dabei besonders häufig auf Farbenblinde fällt. Es könnte sogar sein, dass sich Farbenblinde auch in unserer Spezies besonders gut als Nachtwächter eignen.

Damit ist vielleicht auch das evolutionäre Rätsel der Farbenblindheit gelöst. Der Nutzen einer scheinbar nachteiligen Variante kann darin liegen, dass sie einer „frequenzabhängigen Selektion“ unterliegt. Ihr Erfolg hängt davon ab, wie viele Artgenossen die gleiche Strategie verfolgen. So funktioniert die Strategie „Zechpreller“ nur in einer Gastronomie, in der viele andere brav ihre Zeche bezahlen. Der Lebenskampf ist wie eine Speisekarte, bei der jeder auf seine Kosten kommt, solange er nicht den gleichen Geschmack wie alle andern hat.

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