Gesundheit : Vaterschaft-Tests: Auf Nummer sicher gehen

Adelheid Müller-Lissner

"Mütter lieben ihre Kinder mehr als Väter es tun, weil sie sicher sein können, dass es ihre sind", stellte schon Aristoteles fest. Will ein Mann diese Sicherheit erhöhen, kann er die Dienstleistung heute für unter 1000 Mark und bequem von zu Hause aus in Anspruch nehmen: Er lässt sich ein Testset mit sterilen Wattestäbchen schicken, nimmt sich und dem Kind ein wenig Mundschleimhaut von der Innenwand der Wangen ab, schickt die Probe zurück - und wartet nur ein paar Werktage auf das Testergebnis.

Im Labor der Firmen, die diesen Service (auch im Internet) anbieten, wird die DNS aus bestimmten Zellen isoliert, anschließend werden mit der modernen Methode der Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) einzelne Abschnitte daraus vervielfältigt und mit Farbstoff markiert. Es ergibt sich ein Muster, das bei jedem Menschen verschieden ausfällt. Und das doch zwischen "Putativvater" - wie die Juristen den Mann nennen, um dessen Vaterschaft es geht - und Kind keine zu großen Abweichungen zeigen darf, wenn er denn der biologische Vater sein soll.

Das aber sind, einer britischen Studie zufolge, für die das Fortpflanzungsverhalten von 10 000 Europäern und Amerikanern geprüft wurde, etwa zehn Prozent aller vermeintlichen Väter nicht. Umgekehrt werden immer wieder Väter dringend gesucht oder Männer der Vaterschaft in einem konkreten Fall dringend verdächtigt. Boris Becker, Franz Beckenbauer und, als neuester Fall, Bayern-Abwehrspieler Sammy Kuffour sind nur die prominenteren Beispiele.

Wenn die Frage der Vaterschaft aber vor Gericht ausgetragen wird, reicht der Wangenabstrich auf dem Wattestäbchen für die Beweisführung nicht aus - schon weil die Identität der getesteten Person nicht zweifelsfrei feststeht, wenn die Probe per Post ins Labor kommt. "Irgendwelche eingesandten Proben sind für ein Gutachten völlig wertlos", sagt Gunter Geserick, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Charité.

Dort werden, ebenso wie an den Instituten für Humangenetik und bei den Transfusionsmedizinern, Abstammungsgutachten erstellt, die den Vorschriften genügen. Auch Mutterschaftsgutachten sind dabei, etwa wenn Asylberechtigte beantragen, dass ihre Kinder nach Deutschland nachziehen dürfen. Die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts für die Erstattung von Abstammungsgutachten aus dem Jahr 1996 verlangen dafür neben der DNS-Analyse die Untersuchung von acht bis zehn Blutgruppensystemen.

Untersucht werden dafür Merkmale auf der Oberfläche von Zellen, im Zellinneren bei bestimmten Enzymen und in der Blutflüssigkeit, wo Proteine verglichen werden. Besitzt der Mann, um dessen Vaterschaft es bei der Untersuchung geht, mindestens zwei der Merkmale nicht, die das Kind von seinem Vater geerbt haben muss, so ist er als Vater des Kindes auszuschließen.

Ein simples Beispiel für ein Ausschluss-Kriterium: Das Kind hat die Blutgruppe AB, die Mutter A. Zur Blutgruppe O zu gehören, würde einen möglichen ganz schnell zum "unmöglichen" Vater machen. Zum Kreis der Männer, die als Vater in Frage kommen, können nämlich in diesem Fall nur Männer der Blutgruppe B gehören.

Bei Übereinstimmung mehrerer wichtiger Merkmale liegt die "Vaterschaftswahrscheinlichkeit" umgekehrt bei 99,9 Prozent. Mehr als diese "praktische Sicherheit" ist auch mit Tests, die höchsten Anforderungen genügen, nicht zu erreichen.

Ein Gutachten, das den Richtlinien entspricht, kostet pro Person zwischen 1000 und 1500 DM. Doch die privaten Anträge nehmen zu, und hier reicht es manchem, nicht die höchste Genauigkeit zu erreichen. "Unter dem Druck des Marktes, aber nur nach ausführlicher Aufklärung der Antragsteller" führen auch die Rechtsmediziner deshalb inzwischen einfachere Gutachten durch, die nicht als beweiskräftig gelten. "Nach dem Baukastensystem sind sie jederzeit erweiterbar."

Umso wichtiger sind für Geserick und seine Kollegen, zusammengeschlossen in der "Arbeitsgemeinschaft der Sachverständigen für Abstammungsgutachten in der Bundesrepublik Deutschland e.V.", Zuverlässigkeit und Präzision im Rahmen des Möglichen. Dass mit der fraglichen Vaterschaft Geld verdient werden kann, findet keiner verwerflich, "auch die öffentlichen Institute tun das, und in diesem Fall profitieren auch die Einrichtungen selber davon". Wichtig ist in Gesericks Augen jedoch, dass die Qualität stimmt. In der "Interessengemeinschaft der Sachverständigen", einem freiwilligen Zusammenschluss, in dem sich auch Vertreter großer privater Institute finden, hat man sich darauf verständigt, dass die Gutachter mindestens drei Jahre in einem einschlägigen Institut gearbeitet und wissenschaftliche Qualifikation erworben haben sollten.

Auch didaktisches Geschick müsste eigentlich zur Qualifikation gehören. Denn es ist für Laien unmöglich, das rechtsmedizinische Gutachten ohne Übersetzung zu verstehen. "Wir gehen Befund für Befund mit den Betroffenen einzeln durch", sagt Geserick. Auch psychologisch ist es von Vorteil, das Ergebnis eines Vaterschaftstests nicht mutterseelenallein entgegenzunehmen. "Es handelt sich um eine so wichtige Weichenstellung, dass man die Leute mit den Ergebnissen nicht allein lassen sollte", sagt der Diplom-Psychologe Fritz Richtermeier von der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Bezirks Mitte Standort Moabit.

Wie Menschen damit umgehen, ist nach Erfahrung des Psychologen Rainer Balloff von ihrer Persönlichkeitsstruktur, aber auch von ihrer Haltung zur Elternschaft abhängig. Der Leiter der Abteilung Rechtspsychologie an der FU und Mitbegründer des Instituts Gericht und Familie in Berlin-Brandenburg, das zahlreiche Gutachten in Sachen Elternschaft erstellt, hat festgestellt: "Das Ergebnis eines solchen Tests kann auch klärend und heilend sein, vor allem, wenn Eifersucht und Misstrauen die Beziehung vergiften."

Er sieht für die Zukunft eher gesellschaftliche Gefahren des kostengünstigen und schnellen DNS-Tests: "Wenn das so einfach wird wie ein Möbelkauf, werden Väterlichkeit und Mütterlichkeit in Zukunft vielleicht wieder zu stark unter dem Aspekt der Blutsverwandtschaft gesehen." Seiner Erfahrung nach schaffen es viele Männer aber auch, sich als "faktische und soziale Väter" zu fühlen, obwohl das Kind einen anderen biologischen Vater hat: "Einem verantwortungsvollen Mann, der schon eine Beziehung zu dem Kind hat, wird das letztlich egal sein." Zumal Stiefelternschaft und Patchworkfamilien gerade in den Großstädten längst Alltag sind.

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