Gesundheit : Vergessene Furcht

Rolf Degen

Es gibt wenige seelische Störungen, die so viele Menschen heimsuchen wie die Phobie, die Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen. Psychologen glaubten lange, dass ein Mensch nach dem gleichen Muster an seine Phobie kommt, wie der pawlowsche Hund an seinen berühmten Speichelreflex. Neue Forschungsergebnisse aber sprechen gegen diese Theorie.

Lerntheoretiker führen Phobien, wie die Spinnen- oder Höhenangst, auf das Prinzip der " klassischen Konditionierung" nach Pawlow zurück. Der russische Physiologe läutete immer eine Glocke, bevor er seinem Hund zu fressen gab. Nach einer Weile lief dem Tier schon beim Läuten der Glocke das Wasser im Mund zusammen.

Ähnlich soll die Phobie entstehen: Ein neutraler Reiz (zum Beispiel ein enger Raum), an dem sich zufällig ein traumatischer Vorfall ereignet (jemand bezieht Prügel), wird durch die Verknüpfung zum Auslöser für die " Klaustrophobie", die Angst vor geschlossenen Räumen.

Keine Konditionierung

Wenn phobische Ängste so leicht konditionierbar wären, müsste es jedoch viel mehr Phobiker geben. Schließlich ü berstehen zahlreiche Menschen schlimme Vorkommnisse, ohne eine Neurose auszubilden. So haben die meisten Menschen Luftangriffe verwunden, ohne Angstreaktionen auf Sirenen zu entwickeln. Für jeden, der nach einer schlimmen Zahnbehandlung eine Zahnarztphobie entwickelt, gibt es einen anderen, der die gleiche Tortur ohne seelischen Schaden übersteht, gibt der kanadische Psychologe S. Rachmann im Fachblatt "Behaviour Research and Therapy" (Bd. 40, Nr. 2) zu bedenken.

Dazu kommt, dass die meisten Phobien durch ganz bestimmte Auslöser, wie Höhen, Räume oder bestimmte Tiere verursacht werden. Viel realere Gefahren, wie Schusswaffen, rufen in den seltensten Fällen eine Angststörung hervor, sagt der Londoner Psychologe Isaac Marks.

Während man früher glaubte, dass jeder beliebige Reiz zu einer Zielscheibe für phobische Ängste werden kann, glauben Evolutionsbiologen, dass nur solche Reize als Auslöser taugen, die schon in stammesgeschichtlicher Urzeit Gefahren bargen, zum Beispiel (giftige) Spinnen, freie Räume (Platzangst) oder große Höhen (Höhenangst).

Nach dieser Theorie sind wir genetisch darauf programmiert, bestimmte Signale eher mit Bedrohung zu assoziieren als andere. Wenn diese Hypothese stimmen würde, müssten Spinnen- oder Höhenphobiker trotzdem noch irgend eine unangenehme Erfahrung mit dem Objekt ihrer Angst gemacht haben, führen die beiden neuseelä ndischen Psychologen Richie Poulton und Ross. G. Menzies aus.

Mehrere neue Studien widerlegen diese Theorie. Bei den meisten Phobikern ist offenbar kein traumatisches "Konditionierungsereignis" nachzuweisen. Nur elf Prozent aller Patienten mit Höhenangst konnten sich in einer aktuellen Befragung erinnern, dass bei ihnen je etwas Unangenehmes auf einer Höhe vorgefallen war. Nur einer von 100 Patienten mit Spinnenangst hat je etwas Schlimmes mit einer Spinne erlebt.

Um dem Einwand zu begegnen, dass bei Phobikern nur das Gedächtnis streikt, haben Poulton und Menzies die Entstehung einer Wasserphobie bei drei bis 8-jährigen Kindern zurückverfolgt. Wie die Aussagen der Kinder und ihrer Eltern dokumentierten, war den Kindern kein unangenehmes Ereignis mit Wasser zugestoßen. Die Angst war nicht konditioniert, die Kinder hatten einfach schon immer Angst vor dem feuchten Element gehabt.

Umgekehrt liegt die Minderheit, die sich an ein mutmaßliches Konditionierungsereignis erinnert, mit ihrer Erinnerung oft schief, behauptet der amerikanische Psychologe Ronald A. Kleinknecht. Als der Forscher die Eltern von jugendlichen Phobikern befragte, die glaubten, sich an einen auslö senden Vorfall erinnern zu können, kam ein überraschendes Ergebnis ans Tageslicht: Der angebliche Auslöser hatte sich in den meisten Fällen zu einem Zeitpunkt ereignet, an dem die Angststörung schon längst vorhanden war. Vermutlich diente die vermeintliche Erinnerung dazu, sich einen Reim auf das eigene seelische Leiden zu machen.

Ausgerechnet in der Kontrollgruppe, in der niemand unter einer Angststörung litt hatten besonders viele Personen unangenehme Erfahrungen mit dem jeweiligen Auslöser gemacht. Personen, die keine Angst vor Höhen hatten, waren in ihrer Kindheit besonderes häufig schon einmal von einer Höhe gestürzt. Auch Schlangenängste grassieren besonders hä ufig in Großstädten, in denen es gar keine Schlangen gibt. In den ländlichen Regionen, in denen viele Schlangen leben, ist die Schlangenphobie fast gänzlich unbekannt.

Wahrscheinlich, so argumentieren Poulton und Menzies, bekommen Phobiker ihre Furcht nicht durch Lernerfahrungen "eingeimpft". Sie leiden vielmehr unter Ängsten, die ganz tief in der menschlichen Seele eingegraben sind - sie müssen nicht erlernt werden. Praktisch jeder macht als Kinder eine phobische Phase durch. Nur "verlernen" die meisten Menschen die Ängste mit der Zeit, weil sie permanent die Erfahrung machen, dass der betreffende Angstauslöser harmlos ist.

Lauernde Gefahr im Gehirn

Allerdings kann auch diese Gewöhnung den Schrecken nicht wirklich ausradieren. Er wird quasi nur "unter den Teppich" gekehrt. Da in jedem von uns angeborene Ängste lauern, schwebt über jedem die Gefahr einer Angststörung.

Bei vielen Phobikern liegt das Problem wahrscheinlich darin, dass bei ihnen aufgrund einer erblichen Anlage die Gewöhnung nicht richtig funktioniert. Dafür spricht auch die Beobachtung, dass sich ein großer Teil der Phobien schon in der Kindheit der Patienten durch einen scheuen und gehemmten Charakter ankündigt.

Manchen Patienten gelingt es vermutlich über große Strecken in ihrem Leben, den Schrecken durch seelische Techniken zu dämpfen. Doch in einer Zeit von Stress und Krisen versagen die Sicherungen, und die verbannten Ängste werden hervor gezerrt. Die neuen Ergebnisse, befindet Isaac Marks, sollte Verhaltenstherapeuten zu denken geben, die hartnäckig in der " Konditionierungsgeschichte" ihrer Angstpatienten stochern.

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