Gesundheit : Versprühtes Gift

Im Vietnam-Krieg wurde deutlich mehr Dioxin ausgebracht als bisher gedacht

Gideon Heimann

Der Vietnamkrieg wurde zwar vor mittlerweile 28 Jahren beendet, dennoch sind seine Folgen noch heute zu spüren. Ein Grund dafür ist der Einsatz von Chemikalien, die vorwiegend von Flugzeugen aus versprüht worden sind. Entlaubungsmittel wie der „Wirkstoff Orange“ haben geschätzte 20000 Quadratkilometer Wald zerstört, eine Fläche, die rund 22 Mal jener Berlins entspricht. Zudem war „agent orange“ produktionsbedingt in sehr unterschiedlichen Konzentrationen mit giftigem Dioxin kontaminiert. In einer im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichten Studie kommen Wissenschaftler von der Columbia-Universität in New York nun zu dem Schluss, dass mindestens doppelt so viel Dioxin verteilt worden ist wie bisher angenommen.

Zwischen 1961 und 1971 haben die US-Luftwaffe und die verbündete südvietnamesische Armee über Nordvietnam, ab 1965 auch über Laos und Kambodscha etliche Herbizide eingesetzt, um die Dschungel- und Mangrovewälder zu entlauben. Ziel war es, die Nachschubwege der Nordvietnamesen zu enttarnen. Auch sollten Ernten verringert werden, um den Gegner auszuhungern.

Von Weiß bis Purpur

Verwendet wurde eine ganze Palette von Substanzen und Gemischen, die der Einfachheit halber nach den Farbmarkierungen auf den 208-Liter-Fässern benannt waren. Diese Farbpalette reichte von „agent white“ über „orange“, „pink“, „green“, „blue“ zu „purple“. Am häufigsten wurde „agent orange“ eingesetzt, allein hiervon kamen von 1966 bis 1970 über 45 Millionen Liter zum Einsatz. Die von den Militärs angestrebte Dosis betrug 28 Liter pro Hektar. Die meisten dieser Wirkstoffe enthalten chlorierte organische Verbindungen. Die herbizide Wirkung der Stoffe wurde in den 40er Jahren entdeckt. Bald darauf gehörten sie zum Standard der Pflanzenbehandlung in den USA. Was man damals nicht richtig einschätzte, war die Gefahr, die bei der Herstellung drohte.

Je nach Sauberkeit des Verfahrens entstanden als Verunreinigung auch für Tiere und Menschen gefährliche Dioxine, darunter vor allem das 2,4,7,8 Tetrachlor-dibenzo-dioxin (TCDD). Es erlangte 1976 durch einen Chemieunfall in Seveso unrühmliche Bekanntheit als „Seveso-Dioxin“. In der Produktion kann es einen Anteil von 45 Millionstel Teilen der Menge des gewünschten Stoffes ausmachen. Und es wird befürchtet, dass die Verunreinigungen in den frühen 60er Jahren noch größer waren.

Dieses Dioxin gilt immer noch als die giftigste synthetische Substanz. Milliardstel Gramm pro Kilo Gewicht des Organismus reichen für „toxische Effekte“ aus. Und wenn es in geringsten Mengen über längere Zeit auf den Körper einwirkt, schädigt es Organe, zudem steigt die Krebsgefahr.

Ob Dioxin auch Feten im Mutterleib schädigt, ist umstritten. Nach dem Seveso-Unfall wurden keine erhöhten Fallzahlen festgestellt, demgegenüber wird dies aus Vietnam immer wieder berichtet. Dort wurden freilich große Landstriche über Jahre hinweg kontaminiert.

Schon mehrmals haben US-Behörden versucht, die Mengen der versprühten Gifte und die Zahl der davon am Boden betroffenen Menschen zu ermitteln. Das hat sich als schwierig erwiesen. Denn manche Sprüheinsätze wurden abgebrochen, die Fracht – irgendwo unterwegs – schnell und damit in hoher Konzentration abgelassen. Andere Flugzeuge wiederum kamen mit ihrer vollen Beladung zurück. Es ist also kaum verwunderlich, dass bisweilen selbst der Inhalt der Fässer unbekannt war. So wurde in einem Fall möglicherweise „agent purple“ in 20 Behälter gefüllt, die „orange“ markiert waren.

Weite Landstriche kontaminiert

Auch bei der Belastung der Herbizide durch TCDD sind Fachleute auf Schätzungen angewiesen. „Agent orange“ wurde mit sehr unterschiedlicher Sorgfalt hergestellt. Auf saubere Produktion wurde zwar bei den Chargen geachtet, die für den einheimischen Markt bestimmt waren. Aber was nach Vietnam ging, enthielt eine große Spannbreite der TCDD-Verunreinigungen.

Immerhin greifen die Wissenschaftler jetzt auf umfangreiches Datenmaterial zurück. Und dabei stellt sich heraus, dass der früher angenommene Durchschnittswert von 3 ppm TCDD im „agent orange“ offenbar zu niedrig ist: „Ein Anteil dichter an 13 ppm dürfte realistischer sein“, heißt es nun.

Dies wiederum erhöht die Gesamtmenge an TCDD, die verteilt wurde, von zuvor geschätzten 106 bis 163 Kilo nun auf 221. Nimmt man noch „agent purple“ und „agent pink“ hinzu, erhöht sich die Fracht des schlimmsten Giftes auf 366 Kilo. „Und das schließt immer noch nicht die Belastungen aus jenen Herbiziden ein, die von den Südvietnamesen sowie von amerikanischen Truppen per Lastwagen oder Boot ausgebracht wurden“, fügen die Forscher hinzu. Sie bedauern, dass es immer noch an einer groß angelegten Untersuchung mangelt.

Ebenso schwer ist es, die Zahl der Betroffenen zu ermitteln, die diese Frachten abbekommen haben. Aus Aufzeichnungen am Boden und aus Flugeinsatzdaten lässt sich vermuten, dass sich 4,8 Millionen Menschen im Bereich der Sprühaktionen befanden. Es könnten aber noch mehr gewesen sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben