Gesundheit : Vertraulichkeit

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Wenn an einer Universität eine Berufungskommission zusammentritt, um eine Professur zu besetzen, und diese Kommission einen guten Vorsitzenden hat, dann erinnern solche Vorsitzende zu Beginn alle Mitglieder der Runde an die Vertraulichkeit der folgenden Beratungen. Freilich wird wohl jeder, der je einmal an einem solchen Verfahren teilgenommen hat, berichten können, dass alsbald in der halben Republik und natürlich an der eigenen Universität mehr oder weniger wörtliche Zitate aus solchen eigentlich streng vertraulichen Beratungen kursieren. Spätestens dann, wenn man das erste Mal auf einem Kongress von einem leicht indignierten Fachkollegen gefragt wird: „Stimmt es eigentlich, dass Sie im Verfahren Nachfolge Müller-Meier gesagt haben, dass meine Veröffentlichungen nichts taugen?“, weiß man: Mit der Vertraulichkeit ist es nicht sehr weit her.

Und selbstverständlich könnte man für diesen Zusammenhang auch allerlei Beispiele aus der Politik oder der Wirtschaft beibringen. Warum wird die Vertraulichkeit vertraulicher Beratungen so oft gebrochen, obwohl doch die Gerüchte meist nur heillos entstellte Sachverhalte kolportieren? Dafür sind zum einen Menschen verantwortlich, die einfach nichts für sich behalten können und gern klatschen, die, auf den Bruch der Vertraulichkeit angesprochen, beschämt zu Boden blicken, um dann sofort dieses Gespräch weiterzutratschen. Dann gibt es aber auch die armen Gestalten, die den gezielten Bruch der Vertraulichkeit für ein Mittel des politischen Kampfes oder für ein Zeichen demokratischer Offenheit halten, obwohl es in Wahrheit nur schlechter Stil ist.

Vielleicht liegt alles aber auch daran, dass Menschen, die stil- und bedenkenlos die Vertraulichkeit brechen, einfach zu wenig vertraut sind. Zu wenig vertraut mit den Problemen ihres Handelns, zu wenig vertraut aber auch mit den Menschen, denen sie durch ihre scheinbare Offenheit schaden. Denn die Vertraulichkeit, miteinander vertraut zu sein, gehört eigentlich zu einer guten Freundschaft, bezeichnet einen besonders engen, vertrauensvollen Umgang miteinander. Plump wird die Vertraulichkeit dann, wenn das Vertrauen fehlt, wie Friedrich Rückert einmal feinsinnig bemerkt hat.

Wenn man also einander herzlich fremde Mitglieder einer Kommission auffordert, Vertraulichkeit zu wahren, dann bittet man eigentlich um einen Freundschaftsdienst. Und sollte sich wahrscheinlich nicht wundern, dass längst nicht alle Zeitgenossen Kraft für einen solchen Freundschaftsdienst haben.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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