Gesundheit : Viel Ehre, wenig Kohle

JOSEFINE JANERT

Sie sind preiswert, meist gut qualifiziert und hochmotiviert.Kein Zweifel, für die Berliner Hochschulen sind Lehrbeauftragte ideale Lückenbüßer.Allein an der Freien Universität wurden im Sommersemester 1998 rund 22 Prozent der Lehrveranstaltungen von Lehrbeauftragten bestritten.An der Kunsthochschule Weißensee stieg der Anteil seit 1992 von 23 auf knapp 28 Prozent.Reich werden kann man mit dieser Arbeit jedoch nicht: Je nach Aufgabe verdienen Lehrbeauftragte pro Stunde zwischen 32,20 Mark und 78,20 Mark.Oder zwischen 32,20 Mark und 55,20 Mark, sofern sie an einer Fachhochschule tätig sind.Und, was die wenigsten Studenten ahnen: Manche Lehrbeauftragte arbeiten sogar unentgeltlich - wie etwa jene Männer und Frauen, die an der Technischen Universität 431 "Lehrveranstaltungsstunden" gestalteten, wie es im Amtsdeutsch heißt.An der Freien Universität waren es 232.

"Nach dem Studium wollte ich eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen.Dafür muß ich nachweisen, daß ich in der Lehre aktiv war", sagt Gabriele Knapp.Die Erziehungswissenschaftlerin hat gerade anderthalb Jahre lang ohne Bezahlung am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Lehrveranstaltungen gegeben.Ähnlich wie Knapp suchen viele Nachwuchswissenschaftler eine Anbindung an die Uni.Sie wollen den fachlichen Austausch über ein Thema, über das sie sonst allein in der Bibliothek recherchieren müßten.Oder sie bauen darauf, daß der Hinweis auf eine Lehrtätigkeit im Lebenslauf gut aussieht und künftige Personalchefs beeindrucken wird.Der Lehrauftrag ist ein unverzichtbarer Schritt auf der steilen Stufenleiter der universitären Hierarchie.Und die Studenten profitieren davon."Ohne uns müßte das Angebot eingeschränkt werden.Aber dann wäre das Otto-Suhr-Institut nicht mehr so interessant", sagt Silvia Lange, die im Wintersemester an der FU ein Proseminar über "Protestantismus und Politik in der Weimarer Republik" geleitet hat.

Nach Angaben des Politik-Professors Peter Grottian werden am Otto-Suhr-Institut pro Semester nur ein Fünftel der rund 100 Lehraufträge bezahlt.Die anderen Dozenten kriegen nicht nur kein Geld, sie müssen oft noch selbst blechen: für Kopien, für Fachliteratur, für die Anreise aus ihrem Wohnort.Manche nehmen eine stundenlange Eisenbahnfahrt auf sich oder kaufen ein teures Flugticket, um an der FU ein Blockseminar zu gestalten."Die Studenten waren entsetzt, als sie erfuhren, daß ich ohne Geld arbeite", berichtet Gabriele Knapp.

Dabei ist das Problem keineswegs neu.Seit Jahren ziehen die Hochschulen Nutzen aus einer Regelung, die unter anderem geschaffen wurde, um den Seminarbetrieb mit interessanten Randthemen und aktuellen Zusatzangeboten zu bereichern.Während einige Lehrbeauftragte ihre Uni-Tätigkeit als Ergänzung zu ihrem Hauptberuf betrachten und folglich unter der miesen oder fehlenden Bezahlung weniger leiden, brauchen andere das Geld dringend, weil ihre Einkünfte sonst nicht ausreichen.Soziale Sicherheit kennen sie kaum."Das sind die prekärsten Beschäftigungsverhältnisse, die man sich vorstellen kann", sagt Folker Schmidt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die jetzt verschiedene Berliner Initiativen bündeln will, um eine Grundlage für gemeinsames Handeln zu finden.

Am Otto-Suhr-Institut haben sich Lehrbeauftragte zu einer Initiative zusammengeschlossen, um die Bezahlung sämtlicher Lehraufträge und zusätzliche Aufwandsentschädigungen einzufordern.Für das Sommersemester drohen sie mit einem Streik, falls ihren Forderungen nicht entsprochen wird.Doch angesichts der angespannten Finanzlage der Berliner Hochschulen scheint eine großzügige Lösung wenig wahrscheinlich.Peter Grottian schlägt daher vor, die freiwerdenden Stellen - von der Sekretärin bis zum Professor - umzuwidmen und das Geld für die Finanzierung von Lehraufträgen zu nutzen.So soll der Nachwuchs an den Fachbereich gebunden werden."Das Signal muß lauten: Wir nehmen eure Arbeit ernst.Ihr seid uns wichtig.Daher sind wir zu einer Umverteilung bereit", sagt der Wissenschaftler, der am Otto-Suhr-Institut eine Ausbildungskommission leitet.

Doch solche pragmatischen Vorschläge stoßen nicht überall auf Gegenliebe.An verschiedenen Fachbereichen scheint man über die Benachteiligung der Lehrbeauftragten nicht eben unglücklich.Bieten sie doch Außenseiter-Themen an, über die Vertreter des Kernbereichs der jeweiligen Wissenschaft nur die Nase rümpfen.

Bei vielen Studenten stehen Lehrbeauftragte aber wegen ihrer Bereitschaft zur guten Betreuung hoch im Kurs.Mit einer Fachfrage zu ihnen zu gehen, fällt gerade Erstsemestern wesentlich leichter als an die Tür eines C4-Professors zu klopfen.Für die Lehrbeauftragten kommt also zum Proseminar die Korrektur von Hausarbeiten und womöglich noch eine persönliche Auswertung mit dem Autor.Silvia Lange hat im vergangenenSemester anderthalb Tage pro Woche für die Vor- und Nachbereitung ihres zwei-Stunden-Lehrauftrages gebraucht.Ungefähr 200 Mark hat sie aus ihrer eigenen Tasche für diverse Arbeitsmaterialien draufgelegt.Soll die Universität jetzt auf ihre Arbeit verzichten, wenn sie diese partout nicht bezahlen kann? Das darf nicht die Konsequenz sein, findet Lange."Lehraufträge, für die kein Geld da ist, sollten eigentlich nicht mehr vergeben werden", sagt Folker Schmidt von der GEW."Doch das würde zu Lasten des Lehrbetriebs gehen." Es wäre weder im Sinne des wissenschaftlichen Nachwuchses, noch im Sinne der Studenten.

Die GEW lädt alle Berliner Lehrbeauftragten zu einem Treffen ins DGB-Haus ein.Es findet am 23.April, 17 Uhr, in der Keithstraße 1 - 3, Raum 40 (Erdgeschoß), statt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben