Gesundheit : Viermal Charité in Berlin

Unimedizin soll frei über Standorte entscheiden

Uwe Schlicht

In den nächsten Wochen und Monaten wird über die Zukunft der Hochschulmedizin in Berlin entschieden. Am 27. September wird der Aufsichtsrat der Charité zunächst die Eröffnungsbilanz und den Jahresabschluss 2003 beschließen. Damit wird Klarheit über die wirtschaftliche Lage geschaffen. Noch wird nicht verraten, ob das Defizit der Charité bei eher zwölf Millionen Euro liegt oder bei bis zu 60 Millionen. Und bis Jahresende soll dann der Charité-Masterplan stehen.

Von Wissenschaftssenator Thomas Flierl konnte man gestern angesichts des unklaren Defizits vor dem Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses nur die wolkige Aussage erhalten: „Die wirtschaftliche Lage an der Charité haben wir im Griff. Die Rückführung der Defizite wird aktiv betrieben.” Weniger wolkig war der Senator hinsichtlich des Zeitplans: Anfang 2005 wird der Entwurf für ein endgültiges Strukturgesetz in der Hochschulmedizin veröffentlicht.

In diesem Strukturgesetz wird die Entscheidung getroffen, ob die Charité weiterhin öffentlich-rechtliche Gliedkörperschaft der beiden Universitäten HU und FU bleibt oder ob eine Richtungsentscheidung getroffen wird hin zur Entwicklung einer privatrechtlichen GmbH. Von Senator Flierl ist bekannt, dass er den öffentlich-rechtlichen Status nicht verändern möchte. In dieser Absicht wird er vom Vorstandsvorsitzenden der Charité, Detlev Ganten, und den beiden Personalräten der Charité unterstützt. Jede Änderung der Rechtsform würde im schwierigen Fusionsprozess zusätzlich Unruhe schaffen.

An den vier Standorten Mitte, Wedding, Steglitz und Buch möchte Ganten unbedingt festhalten. Das betonte er erneut vor dem Wissenschaftsausschuss. Die Vorsitzende des Ausschusses, die SPD-Abgeordnete Annette Fugmann-Heesing, erklärte im Namen aller Fraktionen: „Die Politik wird keine Vorgaben zu den vier Standorten machen – weder zu deren Erhaltung noch zu deren Schließung.” Aber: Die Politik wolle sehr wohl ein Auge auf die wirtschaftliche und die wissenschaftliche Entwicklung der Charité werfen, und sie erwarte, dass die Charité in ihrem Masterplan auch Auskunft darüber gebe, wie ihre Arbeit mit den städtischen Krankenhäusern der Vivantes-Gruppe abgestimmt werde.

Wenn es um die Wirtschaftlichkeit geht, kommen die ungelösten brisanten Fragen hoch, die der Masterplan beantworten soll: Wie werden die 98 Millionen Euro an Einsparungen bei Forschung und Lehre bis 2010 erbracht? Wie geht man mit dem Investitionsbedarf von 438 Millionen Euro um? Wie wird das enorme Defizit bei den Polikliniken bewältigt? Dabei lässt sich die Charité jetzt von der Unternehmensberatung Roland Berger helfen.

Zum hohen Investitionsbedarf sagte Detlev Ganten unter anderem: Die Umstellung auf die neuen Fallpauschalen (DRG) erzwinge völlig neue Betriebsabläufe. Die Verweildauer von heute durchschnittlich 9,6 Tagen im Krankenhaus werde sich auf fünf bis sechs Tage verringern. Die reine Bettenzahl verlöre so ihre Bedeutung. Jene Krankenhäuser würden am wirtschaftlichsten arbeiten, die möglichst viele Patienten gewinnen und so wirksam behandeln, dass die kurzen Liegezeiten auch umgesetzt werden könnten. Das erfordere bauliche Veränderungen. Gleichzeitig bereitet sich die Charité darauf vor, ihre 120 Institute und Kliniken in etwa 15 bis 20 Zentren neu zu ordnen. Detlev Ganten will, dass diese Zentren „möglichst effektiv und unternehmerisch“ geführt werden.

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