Gesundheit : Vom Mensch zum Monster

Abu Ghraib ist überall: In psychologischen Experimenten werden Testpersonen leicht zu Folterern

Bas Kast

Sie fesselten die Gefangenen. Steckten Papiertüten über ihre Köpfe. Zwangen sie, sich auszuziehen. Beschimpften, beleidigten, demütigten sie. Am Ende mussten sich die demoralisierten Männer übereinander legen – und sexuelle Handlungen vornehmen.

Bilder, die die Banalität des Bösen dokumentieren. Es sind aber nicht die Folterfotos aus dem Gefängnis von Abu Ghraib im Irak, wie man meinen könnte. Die Fotos stammen aus dem Keller des Psychologiegebäudes der Uni Stanford in Kalifornien. Sie sind über 30 Jahre alt: 1971 hatte ein Psychologe namens Philip Zimbardo den Unikeller kurzerhand in ein provisorisches Gefängnis verwandelt. 24 Studenten wurden per Münzwurf in Wärter und Gefangene unterteilt. Nun sollten sie zwei Wochen lang eine simulierte Haftsituation erleben. Bereits nach sechs Tagen jedoch brach der Versuchsleiter Zimbardo das Experiment ab: „Es war außer Kontrolle geraten.“

Abu Ghraib – für George W. Bush sind die Misshandlungen das Werk Einzelner. Manche Menschen – sprich: manche Soldaten – sind einfach schlecht. Der Psychologe Zimbardo hat da auf Grund seines Versuchs, der später in Deutschland unter dem Titel „Das Experiment“ verfilmt wurde, eine andere Meinung. „Ich war überhaupt nicht überrascht, was da passiert ist“, sagte er der „New York Times“. „Ich habe ganz ähnliche Bilder von Gefangenen mit Tüten über ihren Köpfen.“ Kein Zufall, wie der Psychologe meint. Aus seiner Sicht gibt es nicht den Bösewicht und den Guten, sondern Situationen, in denen normale Menschen zu Monstern werden.

Wie in einem Krieg. „Ich wette“, sagt Zimbardo über Abu Ghraib, „dass es wie in meiner Studie war, wo die Lage jeden Tag weiter eskalierte, es wurde schlimmer und schlimmer und schlimmer. Allmählich wird die Hölle zur normalen Situation.“ So „normal“, dass man auch keine Bedenken hat, das eigene Verbrechen zu fotografieren.

Christina Maslach – die Mitarbeiterin Zimbardos, die dafür sorgte, dass man den Versuch vorzeitig abbrach – schildert, wie sie Zeugin dieser Metamorphose vom Mensch zum Monster wurde. Unten im Keller sprach sie mit einem der Wärter, der ihr „charmant, witzig, intelligent“ vorkam. Später, als sie und ihre Kollegen die Situation im Keller über eine Videokamera beobachteten, traute sie ihren Augen nicht: „Dieser Mann war wie verwandelt. Plötzlich sprach er mit dem Akzent eines Südländers. Doch nicht nur die Art, wie er sprach, auch wie er sich bewegte, war anders.“ Dann sagten ihr die Kollegen, dass sowohl die Gefangenen als auch die Wärter diesem scheinbar so netten Mann bereits den Spitznamen „John Wayne“ gegeben hatten: weil er eine besonders sadistische Ader an den Tag legte.

Man braucht nur wenige Ingredienzien, meint Zimbardo, um aus einem netten Menschen einen Verbrecher zu machen, zum Beispiel: Anonymität, Dehumanisierung, Kollegen, die einem das Verbrechen vormachen – und niemanden, der eingreift. „So gab es in unserer Studie zwar auch gute Wärter“, die sich nicht an den Quälereien beteiligten, wie Zimbardo sagt. „Sie setzten sich aber auch nicht gegen die bösen Wärter zur Wehr.“

Nur die wenigsten von uns erweisen sich, unter Druck gestellt, als Helden – zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt auch einer der wohl bekanntesten Versuche der Psychologie: das „Milgram-Experiment“. 1963 lud Stanley Milgram Dutzende von Probanden dazu ein, an einem Versuch teilzunehmen, in dem es angeblich um die Rolle der Strafe beim Lernen ging. In Wahrheit wollte Milgram herausfinden, wie bereitwillig Menschen sich einer Autorität beugen.

Die Probanden wurden scheinbar per Los in „Lehrer“ und „Schüler“ geteilt, wobei der Lehrer dem Schüler Stromstöße von 15 bis 450 Volt verabreichen sollte, wenn er einen Fehler bei der Lernaufgabe machte. Der Schüler wurde verkabelt, und hinter den Lehrer setzte sich der Experimentator im weißen Kittel. Er gab die Instruktionen und übernahm die Verantwortung.

Die Situation war fingiert: Der Schüler war ein Mitarbeiter des Versuchsleiters – bei 150 Volt bat er den Lehrer stets, den Versuch abzubrechen, bei 180 schrie er, er würde den Schmerz nicht mehr aushalten. Trotzdem gingen zwei Drittel der Probanden bis zum Äußersten, das heißt Spannungsstärken bis zu 450 Volt, einem Wert, der als lebensgefährlich gekennzeichnet war.

Wie viel anders fällt da das Ergebnis von Umfragen aus: Fragt man Menschen, wie weit sie meinen, in einer Milgram-Situation zu gehen, glaubt kaum einer, sich der Autorität zu beugen.

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