Gesundheit : Von da an war die Welt ganz groß

Lehren aus Pisa und Iglu: Ab wann können, sollen, dürfen Kinder lesen und schreiben lernen? Über die Chancen der frühkindlichen Bildung

Dorothee Nolte

Vom Ehrgeiz zerfressen. Eislauf-Mutter! Gönnt ihrem Kind seine Kindheit nicht! Paukt mit einer Vierjährigen Buchstaben! „Ich kriege von den Erzieherinnen eins auf den Deckel, wenn meine Kleine im Kindergarten was schreibt“, erzählt Susanne Brinkmann, Mutter zweier Töchter aus Lankwitz. „Die zeigen mir dann das Blatt mit spitzen Fingern.“ Andere Erzieherinnen mögen toleranter reagieren, aber fest steht: In den meisten deutschen Kindergärten ist Schrift kein Thema, in manchen sogar unerwünscht.

Im Kindergarten, so die verbreitete Auffassung, sollen Kinder spielen und soziale Kompetenz erwerben; die Begegnung mit der Schrift bleibt der Schule vorbehalten – ganz so, als sei die Schrift gleichbedeutend mit dem Ernst des Lebens und dem Ende der Kindheit. Dabei stellen viele Eltern fest, dass ihr Kind mit drei, vier Jahren kleine Wörter schreibt oder Embleme wie AEG oder Cola erkennt. Und einige reagieren verunsichert: „Meine Tochter hat sich sehr früh für Buchstaben interessiert“, erzählt Annette Vowinckel aus Kreuzberg. „Ihr Vater, der Amerikaner ist, ist darauf eingegangen. Ich habe nicht mit ihr geübt, weil ich nicht wollte, dass sie sich in der Schule langweilt. Trotzdem hat sie am Tag vor Schulbeginn ihr erstes Buch von Anfang bis Ende durchgelesen.“

Im Zuge der Debatten um die Aufwertung frühkindlicher Bildung stellt sich eine Frage neu: Ab wann sollen – oder dürfen – Kinder lesen und schreiben lernen? Ein heikles Thema, finden auch viele Pädagogen. Zum einen steht fest, dass man nicht alle Kinder über einen Kamm scheren kann: So wie einige schon laufen können, wenn andere noch krabbeln, entwickelt sich auch das Interesse für Schrift und die Fähigkeit, Laute in Buchstaben umzusetzen, sehr unterschiedlich. Die Iglu-Studie hat jedoch gezeigt: In Ländern wie England oder Griechenland kennen bereits bis zu siebzig Prozent der Kinder bei Schuleintritt die meisten Buchstaben und können einige Wörter und Sätze schreiben und lesen. Deutschland und die Niederlande bilden in Europa das Schlusslicht.

Die deutschen Erzieherinnen sind dafür auch nicht ausgebildet. Und die Eltern seien „von den Experten eingeschüchtert“, schreibt Donata Elschenbroich, Autorin des Bestsellers „Weltwissen der Siebenjährigen“: „Noch bis in die jüngste Zeit galt die Einführung in die Schrift als ein höchst prekärer Prozess, bei dem der Laie so viel falsch machen kann, dass ein bestimmter Zeitpunkt, der ausgebildete Pädagoge, der offizielle Ort gewahrt bleiben muss. Dilettanten wie Eltern oder Erzieherinnen sollen am besten ganz die Finger davon lassen.“

Maus, Motte, Marmelade

Wird hier ein Bildungspotenzial verschenkt? Kleinkindpädagoge Jürgen Tietze (Freie Universität), der einen Kriterienkatalog für die Qualität von Tageseinrichtungen erstellt hat, plädiert nicht dafür, bereits in Kindergärten und Vorschulen systematisch Schreiben und Lesen zu vermitteln. Frühleseprogramme, wie es sie in den siebziger Jahren gab, lehnt er ab. „Das sollte Aufgabe der Grundschule bleiben. Mit sechs Jahren lernen die meisten Kinder das Schreiben und Lesen mühelos, das ist ein guter Zeitpunkt.“ Kindergärten sollten aber „eine Umgebung bieten, in der das geschriebene Wort eine Rolle spielt, etwa auf Plakaten, durch Vorlesen. Die Kinder sollen merken, dass die Schrift für Erwachsene wichtig ist.“

Gerheid Scheerer-Neumann, Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam, wünscht sich, dass die Erzieherinnen Kinder spielerisch dazu anregen, auf den Klang und nicht nur auf die Bedeutung von Wörtern zu achten – indem man zum Beispiel Wörter sammelt, die mit M beginnen. So lernen die Kinder, dass Wörter aus einzelnen Lauten, aus mehreren Silben bestehen. Scheerer-Neumann fände es auch gut, wenn Kinder mit Buchstaben vertraut gemacht würden. „Aber die Tendenz ist immer noch stark, Lesen und Schreiben rauszuhalten und der Schule nicht vorzugreifen.“ Wenn Kinder Interesse zeigten, solle man sie aber „auf keinen Fall bremsen“. Damit diese Kinder sich später nicht langweilten, empfiehlt Scheerer-Neumann, eine Grundschule auszusuchen, die differenzierten Unterricht macht – also nicht „nach einer Fibel vorgeht, bei der alle gemeinsam auf Seite 10 sind“.

„Ostahsfastedinest“

Ein Besuch in der ersten Klasse der Johann-Peter-Hebel-Grundschule in Wilmersdorf zeigt, wie differenzierter Unterricht aussehen kann. Lehrerin Monika da Silva stellt „von Jahr zu Jahr fest, dass die Unterschiede größer werden“. Am letzten Schultag vor Ostern hat sie ihren Erstklässlern Papiere mitgebracht, die man zu einem „Osterbuch“ zusammenheften und in die jedes Kind Gedanken zu Ostern eintragen kann. Alle sind mit Begeisterung dabei. Doch die Werke der Sechs- bis Achtjährigen könnten unterschiedlicher nicht sein: Viele Kinder schreiben noch Skelettwörter (HS für Hase) oder endlose Reihen (Ostahsfastedinest, für Osterhase versteckt die Nester). Einer dagegen, sechs Jahre alt, schreibt eine ganze kleine Geschichte in vollständigen Sätzen, mit Nebensätzen, in Schreibschrift.

„Differenzierung ist das A und O“, sagt da Silva. Ein Mittel dazu ist die Anlauttabelle, die der Pädagoge Jürgen Reichen Ende der achtziger Jahre entwickelte (siehe Abbildung). Jeder Buchstabe ist auf der Anlauttabelle mit einem Bild verknüpft, E etwa mit Esel, so dass das Kind ein Wort selbstständig schreiben kann, sofern es es zunächst in die einzelnen Laute zerlegt hat. Alle Buchstaben sind von Anfang an da. Ein geübtes Kind kann also ganze Sätze schreiben, während ein schwächeres in derselben Zeit einzelne Wörter übt. Da Silva verwendet auch andere Methoden, etwa Schreiblehrgänge, in denen die einzelnen Buchstaben auf Linien geübt werden. Auf Rechtschreibung wird zunächst nicht geachtet, da Silva schreibt nur gelegentlich hinzu, „wie die Erwachsenen das schreiben würden“.

Auch Annette Vowinckels Tochter, die bei Schuleintritt schon lesen konnte, lernt in einer Grundschule mit offenem Unterricht und Anlauttabelle. Und entgegen der Befürchtung ihrer Mutter langweilt sich die Siebenjährige nicht: „Das Problem hat sich in Luft aufgelöst.“ Für ihre Tochter sei Lesen etwas „total Spannendes“, sie habe sich dadurch eine eigene Welt erschlossen und einen großen Schritt zur Unabhängigkeit getan. Vowinckels Fazit: „Ich hätte es ihr ruhig schon früher beibringen können.“

Wie kommt das Kind zum Buch? In den nächsten Wochen bringen wir in lockerer Folge Artikel zum Thema Leseförderung.

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