Gesundheit : Von der Vertreibung erzählen

Das Europäische Forum ließ zwei Deutsche, einen Tschechen und einen Polen über ein noch immer sensibles Thema diskutieren

Amory Burchard

Stefan Chwin brach gesellschaftliche und familiäre Tabus, als er 1998 „Tod in Danzig“ veröffentlichte. Der Familienroman des polnischen Schriftstellers spielt in den Jahren nach 1945. Soeben wurden die Deutschen aus Danzig vertrieben. In ihre Häuser ziehen Polen, die von den Sowjets aus Ostpolen vertrieben wurden. Chwins Vater kam so nach Danzig. Über Vertreibungen sprach niemand in Polen, allenfalls über „Repatriierung“. Der 1949 geborene Chwin fand eine Sprache für dieses sensible deutsch-polnisch-sowjetische Thema. Er fühlte sich auch in die Schicksale der vertriebenen Deutschen ein. Sein Buch wurde hier zu Lande ein Bestseller. Der Autor allerdings leidet an seinem Erfolg. „Meine Mutter lehnt das Buch ab“, sagte Chwin beim Europäischen Forum in Berlin.

Das Europäische Forum kommt seit September vierteljährlich in Berlin zusammen, um am Vorabend der Osterweiterung der EU sensible Themen öffentlich zu diskutieren. Stefan Chwin war am Mittwochabend im Leibniz-Saal der Akademie der Wissenschaften nicht der einzige Diskutant, den das Familienthema Vertreibung nie wieder losgelassen hat: Der Medienwissenschaftler und SPD-Politiker Peter Glotz wurde 1939 als Sohn einer Tschechin und eines Sudetendeutschen in Eger geboren. Heute setzt er sich gemeinsam mit der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, für die Gründung eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ in Berlin ein. Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel (Frankfurt/Oder) wuchs im Allgäu mit einquartierten Familien auf, die aus Karlsbad und Breslau vertrieben worden waren. Diese Menschen seien es gewesen, sagte Schlögel, die ihm eine erste Idee vom „Zauber des deutschen Ostens“ gaben. Heute gehört er zu den wenigen Hochschullehrern, die sich des Themas angenommen haben. Allein Jaroslav Kucera, Historiker an der Karlsuniversität in Prag, bekannte sich zu einem pragmatischen Zugang. Für ihn ist die Vertreibung einfach ein interessantes Forschungsgebiet.

Kronzeuge für die Benes-Dekrete

Für die Initiatorin des Europäischen Forums, Ulrike Ackermann, war er Kronzeuge für den Umgang mit den Benes-Dekreten. Die Verordnungen, die der tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Benes 1945 erließ, regelten Entrechtung, Enteignung und Vertreibung der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei. Mit der Diskussion über die bis heute nicht annullierten Dekrete kamen die Vertreibungen wieder auf die Agenda der EU-Erweiterung. Zumindest im Leibniz-Saal konnte man sich einigen: Jaroslaw Kucera nannte es ein „Versäumnis“ der tschechischen Politik, „nicht zu bekennen, dass sie nicht mit der Menschenwürde zu vereinbaren waren“. Dazu nickte Peter Glotz, erinnerte aber auch daran, dass die tschechische Regierung davon noch weit entfernt sei. In die Europäische Union aufgenommen werden sollte Tschechien aber ohne Auflagen zu den Dekreten. Die Diskussion über die Vertreibungen sollte derweil offen und breit geführt werden. Das „Zentrum gegen Vertreibungen“, dessen Stiftung Glotz gemeinsam mit Erika Steinbach leitet, will genau das tun: „Im Dialog mit den Nachbarvölkern und im Geist der Versöhnung“ solle ein „nahezu weißer Fleck im öffentlichen Bewusstsein aufgearbeitet werden“.

Karl Schlögel schüttelte dazu den Kopf. Der Aktionismus, mit dem Glotz den Aufbau des Zentrums betreibe, gehe am eigentlichen Problem vorbei. Auch fast 60 Jahre nach Kriegsende müsse es immer noch um die traumatischen Vertreibungs-Erfahrungen eines großen Teils der Deutschen gehen. Kaltherzig und teilnahmslos sei man ihnen begegnet – seit der neuen Ostpolitik auch von offizieller Seite. Andererseits hätten die Vertriebenen ihre Verbitterung und Ablehnung nie überwunden. Bis heute verweigere der Bund der Vertriebenen „ein Wort zur Entgiftung der Atmosphäre“. Schlögel will vor allem, dass endlich „den Erzählungen zugehört wird“. Das geplante Zentrum könne dafür unmöglich ein Ort sein.

Das Potsdamer Abkommen

Der Seismograph für den richtigen Ton blieb an diesem Abend Stefan Chwin. Peter Glotz hatte – im Einverständnis mit Schlögel und Kucera – das Potsdamer Abkommen vom August 1945 als Ausgangspunkt der Vertreibungen gesehen. Churchill hielt die Aussiedlung der deutschen Minderheit nach den Grenzverschiebungen für notwendig, um die labilen Regionen zu befrieden. Deshalb akzeptierten die Westalliierten auch die Vertreibung der Ostpolen. Chwin wehrte sich nun gegen die Konsensformel „Wir sind alle Vertriebene“. Hinter dieser Oberfläche drohe der historische Kontext zu verschwinden. Zwischen seiner Mutter, die nach dem Warschauer Aufstand von den Deutschen vertrieben wurde, und den Deutschen, die von den Polen aus Danzig vertrieben wurden, bleibe durchaus ein Unterschied. „Ich muss meine Mutter verteidigen!“

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