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Beziehungsreich: Das neue Berliner Kolleg für die Vergleichende Geschichte Europas

Amory Burchard

„Eine neues politisches Tier ist geboren: der Unionsbürger.“ John Keane, Politikwissenschaftler an der Universität Westminster, glaubt an dieses Wesen, das in Artikel 8 der neuen EU-Verfassung definiert wird: „Die Unionsbürgerschaft tritt zur nationalen Staatsbürgerschaft hinzu, ohne diese zu ersetzen.“ Aber noch sei die Stimme der neuen Spezies schwach, sagt Keane. Sie brauche Freunde, die sie stärken. Die hat es mit den vier Direktoren des neu gegründeten „Berliner Kollegs für Vergleichende Geschichte Europas“, den Historikern Jürgen Kocka und Holm Sundhaussen (Freie Universität), Hartmut Kaelble (Humboldt-Uni) und Manfred Hildermeier (Göttingen).

„Öffentlichkeit und Citizenship in Europa“ gehören zu den neuen Themenfeldern, die das Kolleg bearbeiten werde, sagte Kocka am Mittwochabend bei der Eröffnungsfeier im Deutschen Historischen Museum. Finanziert von der Hertie-Stiftung und der Gerda Henkel Stiftung ist das an FU und HU angesiedelte Kolleg mehr als eine Fortsetzung des 1998 von Kocka gegründeten „Zentrums für Vergleichende Geschichte Europas“ mit anderen Mitteln. Das von der Volkswagen-Stiftung geförderte Zentrum bemühte sich vor allem darum, westeuropäische und osteuropäische Geschichte zusammenzuführen und den historischen Vergleich methodisch mit der Verflechtungs- und Beziehungsgeschichte zu verbinden.

Das Kolleg erweitert sein auf fünf Jahre angelegtes Programm nun um das Problem der „Europäisierung Europas“. International sind auch die zehn Stipendiaten des Kollegs: Sie kommen für drei Jahre aus Deutschland, Frankreich, Tschechien, Polen, Ungarn, Rumänien und Russland.

Festredner Keane, ein ausgesprochener Euro-Optimist, empfiehlt den Nachwuchsforschern gleich ein „transeuropäisches“ Zukunftsthema: Wie kann die Union das Dilemma lösen, dass die Unionsbürgerschaft kein souveräner Status ist? Nur wer die Nationalität eines Mitgliedsstaates besitzt, kann EU-Bürger werden. „Das diskriminiert Menschen, die aus Drittstaaten außerhalb der Union zu uns gekommen sind“, sagt Keane.

Und schon beginnt eine Diskussion, die zeigt, wo Zündstoff für die künftige Arbeit des Zentrums liegen könnte. Diskriminierung? Da mache Keane es sich zu einfach, sagt Jürgen Kocka und verteidigt die Unterscheidung von Bürgerschaft und Nichtbürgerschaft: „Es muss territoriale Grenzen geben, innerhalb derer sich eine europäische Identität entwickelt.“

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