Gesundheit : Warten

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Zur Ferienzeit gehört das Warten. Möchte man meinen und annehmen, dass Menschen gefasst darauf reagieren, wenn sie in diesen Tagen warten müssen. Beispielsweise, weil es im Meldeamt eines Berliner Bezirkes nur unter großen Mühen und nach der Konsultation von zwei weiteren Beamten gelingt, die von eins bis vier bezifferten Klassen eines deutschen Führerscheins in die mit den Buchstaben A bis E bezeichneten Kategorien eines internationalen Führerscheins umzuwandeln und das in graue Pappe gebundene Dokument auszustellen.

Nach längeren Debatten wird eine Umrechnungstabelle geholt, und plötzlich scheinen alle Fragen gelöst. Aber dann vermutet einer der Beamten, dass die Tabelle fehlerhaft ist, und kann das auch überzeugend demonstrieren. Die mit der Sache eigentlich befasste Kollegin verzweifelt: „Wie soll man denn hier mit fehlerhaften Tabellen korrekt arbeiten?“. Der Antragsteller vermittelt: „Ich will ja auch gar keine Lastwagen fahren.“ Reaktion der Beamten (unisono): „Darauf kommt es nun wirklich nicht an.“

Hat man sich den internationalen Führerschein erwartet, kann man auf den Flughafen stürzen. Dort wird man darauf hingewiesen, dass das vorgesehen Flugzeug in der Luft umkehren musste und nicht in Berlin landen wird. Und gebeten, zwanzig Minuten auf weitere Nachrichten zu warten. Um dann zu hören, dass nach einer Ersatzmaschine gesucht würde und man in fünfzehn Minuten weitere Informationen erhalten werde.

Natürlich kam nie eine Ersatzmaschine; ein ganzer Airbus nach Frankfurt wurde auf die weitgehend ausgebuchten Maschinen des Tages verteilt. Schreckliche Szenen am Rande, wüste Beschimpfungen des armen Personals der Fluglinie. Offenbar wartet in Wahrheit niemand gern, obwohl in diesen Urlaubstagen jeder praktisch ständig warten muss.

Nun bedeutet „warten“ ursprünglich, sich um etwas zu kümmern – und wir hoffen ja auch, dass beispielsweise Aufzüge und Rolltreppen in Meldeämtern und auf Flughäfen gewartet werden. Und so ist es vielleicht eine Anregung, sich – um beim Warten nicht aggressiv oder depressiv zu werden – derweilen um etwas anderes zu kümmern. Um die Bezahlung des Führerscheins an der Kasse des Bezirksamtes, um sommerlich kurze Haare beim Flughafenfriseur und so weiter. Wie heißt das schöne Sprichwort? „Wer bis an den Jüngsten Tag warten kann, der wird leicht ein Herr der ganzen Welt.“

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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