Gesundheit : Was Magenbakterien erzählen

Aus dem Erbgut des Helicobacter erkennen Berliner Forscher die Wanderwege des modernen Menschen

Roland Knauer

Das Bakterium Helicobacter pylori verursacht Magenleiden. Das passierte bereits dem modernen Menschen Homo sapiens, als dieser aus Ostafrika auswanderte. Forscher um Mark Achtman vom Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie schließen das aus dem Erbgut der Helicobacter-Bakterien. Wie die Wissenschaftler online im Fachmagazin „Nature“ berichten, untersuchten sie dazu Helicobacter-Bakterien, die heute in den Mägen von Menschen siedeln. Anschließend verglichen sie die Erbinformationen der Erreger, die sich in Menschen verschiedener Völker befunden hatten.

Das Ergebnis: Je weiter die Völker voneinander entfernt leben, umso deutlicher unterscheidet sich das Erbgut der Magenbakterien. Wie man weiß, gilt das auch für das Genom der Menschen selbst. Für Evolutionsbiologen ist damit klar: Vor etwa 60 000 Jahren brachen die modernen Menschen aus der gemeinsamen Heimat in Ostafrika auf. Je länger die Wanderung zu ihrem neuen Zuhause dauerte, umso mehr Zeit hatte das Erbgut sich zu verändern. Daher unterscheiden sich Inder recht deutlich von Chinesen, die viel weiter und länger gewandert sind.

Helicobacter-Bakterien, die ja nur im Magen von Menschen existieren können, mussten diese Entwicklung zwangsläufig mitmachen. Sollten sie schon von Anfang an im Magen des modernen Menschen Homo sapiens gelebt haben, müssten die Bakterien heute umso unterschiedlicher sein, je weiter sie voneinander entfernt leben. Genau das ist auch der Fall.

Zudem mussten die Völker der Erde auf ihrer Wanderung mehr als einmal mit Situationen fertig werden, in denen nur wenige Individuen überlebten. Als die Vorfahren der Polynesier vor einigen Tausend Jahren aus Neuguinea oder Taiwan aufbrachen und die Inselwelt des Pazifik eroberten, erreichten jeweils nur wenige Menschen die nächste Insel in der Südsee.

Auch die gefährliche Wanderung zwischen den mächtigen Eiszeitgletschern von Ostasien nach Nordamerika haben wohl nur wenige Individuen überstanden. Da solche „Flaschenhälse“ nur das Erbgut derjenigen Individuen übrig lassen, die es tatsächlich geschafft haben, verschwindet dabei ein großer Teil der Vielfalt, die das Erbgut einer Art normalerweise hat.

Tatsächlich zeigte sich, dass die Vielfalt des Erbguts umso geringer wird, je weiter die Menschen von ihrer Wiege in Ostafrika entfernt leben. Für Helicobacter in ihren Mägen gilt genau der gleiche Zusammenhang, wie das Team um Achtman durch die Analyse des Bakterienerbguts zeigen konnte.

Damit scheint nicht nur sicher, dass die Bakterien schon vor sechzigtausend Jahren in den Mägen der Menschen lebten, als sie aus Ostafrika aufbrachen. Gleichzeitig sollten mit der Analyse des Erbguts von Helicobacter pylori verschiedener Völker auch die Wanderungsrichtung der Menschheit über den Globus rekonstruiert werden können.

Die Forscher fanden tatsächlich die gleichen Wanderwege für das Bakterium, wie sie bereits früher aus dem Erbgut der Menschen und aus Funden von Stein- und Knochenwerkzeugen rekonstruiert werden konnten.

So kamen Menschen aus dem Osten Asiens erstmals vor zehn- bis zwölftausend Jahren über die damals trocken gefallene Beringstraße nach Alaska und wanderten vor sechs- bis achttausend Jahren über Mittelamerika weiter in den Süden des Doppelkontinents. Und die Polynesier sollten vor drei- bis viertausend Jahren begonnen haben, auf ihren Auslegerkanus die Inseln der Südsee zu erobern.

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