Gesundheit : Was Raucher süchtig macht

Jeffrey Wigand ist zum Kronzeugen gegen die Tabakindustrie geworden und klagt sie der Manipulation an

Rosemarie Stein

Von Rosemarie Stein

Sie hätten seine Telefongespräche abgehört, den Müll durchwühlt und sogar mit dem Tod seiner Kinder gedroht. Klingt wie Zersetzungsmaßnahmen der DDR-Staatssicherheit. Dabei war der Mann gar kein Kritiker der Regierung; er hat im Gegenteil mit ihr zusammengearbeitet. Bei der US-Verbraucherschutzbehörde FDA führte er den Decknamen „Research“. Als ihn der amerikanische Kongress um Hilfe bei der Befragung von Tabakmanagern bat, informierte er vorher die Industrie, die ihn zum Schweigen verpflichtet hatte. Seit fast zehn Jahren bekämpft sie ihn.

Es ist ein wahrer Krimi, den der amerikanische Biochemiker Jeffrey S. Wigand beim „Forum Rauchfrei in Berlin“ – im Hause der Senatsverwaltung für Gesundheit – über die „Machenschaften der Tabakkonzerne“ berichtete. Der Sprecher des Forums, Johannes Spatz, stellte den Biochemiker und Endokrinologen als Kronzeugen vor. In Amerika wurde er durch den Kino-Thriller „The Insider“ bekannt.

Der stämmige, temperamentvolle New Yorker aus deutscher Emigrantenfamilie macht nicht gerade den Eindruck eines Mannes, der unter Verfolgungswahn leidet. Er wurde tatsächlich verfolgt – weil er aus der Schule plauderte. Vier Jahre lang leitete er die Forschungsabteilung des Tabakkonzerns Brown & Williamson in Kentucky. Dann wurde er gefeuert, weil er sich mit seinen Chefs anlegte – wegen all der Stoffe, die den Zigaretten zugesetzt wurden.

Mit Honig besser rauchen

In Berlin berichtete er aus eigener Erfahrung, wie es bei den internationalen Tabakkonzernen zugeht: „Teilweise unmoralisch, teilweise sogar kriminell.“ Etwa 600 verschiedene Substanzen würden als Additive verwendet. Einmal handelt es sich um geschmacksprägende Stoffe, die das Rauchen angenehmer machen und die Leute beim Glimmstängel halten sollen. Honig, Schokolade oder Glyzerin gehören dazu. Das klingt harmlos, aber beim Verbrennen können toxische Verbindungen entstehen; aus Glyzerin etwa Acrolein, das die Flimmerhärchen der Bronchien lahm legt. „Meines Wissens hat die Tabakindustrie diese Zusatzstoffe weder einzeln noch in ihrem Zusammenspiel untersucht“, sagte Wigand.

Als noch gefährlicher bezeichnete er eine weitere Gruppe von Zusatzstoffen, die den Effekt des Nikotins verstärken und das Suchtpotenzial erhöhen. Dass Rauchen süchtig macht und 70 bis 80 Prozent der Raucher nikotinabhängig werden, haben die Hersteller wider besseres Wissen jahrzehntelang bestritten – bis sie 1994 durch den Staat Minnesota gerichtlich gezwungen wurden, alle unterdrückten Forschungsergebnisse, geheimen Strategiepapiere und Marketingpläne (mit Kindern als besonders wichtiger Zielgruppe) herauszugeben.

Das Material umfasst 33 Millionen Seiten, die größtenteils öffentlich zugänglich sind (zum Beispiel im Internet über www.library.ucsf.edu/tobacco oder als zusammenfassendes Buch: S.A. Glantz et al.: The cigarette papers, University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1996).

So wurde auch bekannt, dass Zigarettenfirmen den Ammoniakgehalt des Tabaks künstlich bis etwa auf das Zehnfache erhöhen, um den pH-Wert zu steigern. Dadurch wird das Suchtpotenzial gesteigert. Obwohl dies seit über zehn Jahren bekannt sei, würden Zigaretten auch heute so manipuliert. Das hätten noch unveröffentlichte Daten einer deutschen Studie gezeigt.

Moderator Spatz forderte daraufhin eine Deklarationspflicht wie bei Arzneimitteln. Für die Tausende von Verbindungen, die beim Verbrennen entstehen, wäre das wohl kaum möglich.

Der Nebenstromrauch, den auch Nichtraucher einatmen müssen, bezeichnete Wigand wegen der unvollständigen Verbrennung vor der Verdünnung mit Luft als vier Mal so toxisch (vor allem krebsfördernd) wie der Hauptstromrauch, den die Raucher inhalieren. Auch dies sei der Industrie schon durch Studien aus den 60er Jahren bekannt, deren Ergebnisse sie unterdrückt habe. Und noch heute versuche sie, die Risiken des Passivrauchens – besonders hoch für Kinder – in Frage zu stellen.

Die Taktik dafür haben ehemals geheime Dokumente offen gelegt. Das Ziel der Tabakindustrie, um jeden Preis Werbeverbote zu verhindern, sei ihr in Deutschland besonders gut gelungen, sagte Wigand.

Gegen eine Ende 2002 beschlossene neue EG-Richtlinie zur Tabakwerbung hat die jetzige Bundesregierung Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. Für die Zusammenarbeit des Bundesgesundheitsministeriums mit der Tabakindustrie zeigte Jeffrey Wigand kein Verständnis. Zur Finanzierung von Kampagnen gegen das Rauchen durch Kinder und Jugendliche akzeptierte das Ministerium 11,9 Millionen Euro vom „Verband der Cigarettenindustrie“ – mitsamt den vertraglich festgelegten Bedingungen, die solche Kampagnen unwirksam machen dürften.

Protest beim Kanzler

Beispielsweise dürfen die Maßnahmen „nicht die Zigarettenindustrie, deren Produkte oder den Zigarettenhandel diskriminieren“. 33 europäische Organisationen, darunter internationale Krebsgesellschaften, protestierten bei Bundeskanzler Schröder dagegen, „dass Ihre Regierung mit einer Industrie gemeinsame Sache macht, die durch ihre Produkte allein in Deutschland für mehr als 140 000 Todesfälle verantwortlich ist".

Jeffrey Wigand konnte indes auf Erfolge amerikanischer Aktionen wie „Smoke-Free Kids“ hinweisen: So konnte in Florida die Zahl rauchender Kinder und Jugendlicher etwa halbiert werden.

Der Wissenschaftler hat inzwischen der Industrie und dem Land Kentucky endgültig den Rücken gekehrt. Seine Ex-Firma hatte ihn wegen Verletzung des Redeverbots auf 15 Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Die amerikanische Regierung sorgte aber dafür, dass sie die Klage zurückzog. Wigand wurde Lehrer und arbeitet derzeit in Michigan als Dozent für Medizinische Ethik.

Kontaktadressen für Entwöhnungswillige: Rauchertelefon des Deutschen Krebsforschungszentrums: 062 21 / 42 42 00; Raucher-Telefon Berlin: 030 / 705 94 96; Nichtraucherbund Berlin: 030 / 204 45 83.

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