Gesundheit : Wasser auf dem Mars, Müll im Orbit - der jüngste Absturz einer Mars-Sonde gefährdet sinnvolle Raumfahrt (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Das Ende war kurz und lautlos. Nach 286 Tagen Reise durch den interplanetaren Raum schwenkte der "Mars Climate Orbiter" vergangenen Donnerstag in eine Umlaufbahn um den Roten Planeten ein, verschwand plangemäß um 11 Uhr 07 in dessen Funkschatten - und tauchte nicht wieder auf. Am Freitagabend wurde die Suche nach dem 125-Millionen-Dollar-Vehikel aufgegeben. Umgehend versicherte die NASA, der Verlust der Raumfähre bedeute keinen wesentlichen Rückschlag für das Programm, höchstens eine minimale Verzögerung bis zum Start einer Ersatzmission in zwei Jahren. Sorry, kann ja mal vorkommen.

Die Inszenierung als intergalaktische Reifenpanne soll jedoch vertuschen, was Raketenlobbyisten und Kongressabgeordnete spätestens seit dem 40. Geburtstag der NASA vor einem Jahr heftig diskutieren: Houston hat ein Problem. Nach den spektakulären Erfolgen der 60er Jahre, als die besten Ingenieure der Welt das von John F. Kennedy gegebene Versprechen einlösten, innerhalb eines Jahrzehnts einen Amerikaner auf den Mond zu befördern, hat die Weltraumbehörde ihren Glanz verloren. Als der Mond erobert und der Kalte Krieg schließlich gewonnen war, rückten die weltweiten sozialen und wirtschaftlichen Probleme - endlich - in den Mittelpunkt des politischen Interesses. Nach einer Serie von Pannen und der Explosion der "Challenger", bei der 1986 sieben Menschen ums Leben kamen, musste die NASA eine drastische Haushaltskürzung nach der anderen hinnehmen.

Die klamme Kassenlage war möglicherweise mit verantwortlich für das unrühmliche Ende der Mars-Mission in der vergangenen Woche. Eigentlich sollte der "Mars Climate Orbiter" eine Erfolgsstory für das neue Programm "schneller, besser, billiger" schreiben, das von NASA-Chef Daniel Goldin gerade als Königsweg aus der Depression verkündet worden war. Nach dem herben Verlust des eine Milliarde Dollar teuren, mit unzähligen Instrumenten voll bepackten "Mars Observer" im Jahre 1993 sollten nur noch kleine, flexible Raumsonden zu Billigpreisen auf die Reise geschickt werden.

Um Gewicht zu sparen und mit preiswerteren Trägerraketen auszukommen, hat die interplanetare Holzklasse nur noch eine winzige Menge Treibstoff für die Bremstriebwerke dabei. Stattdessen wird die Geschwindigkeit am Ende der Reise durch dosiertes Eintauchen in die Mars-Atmosphäre - aerobraking genannt - verringert. Bei diesem riskanten Manöver hätte sich der "Mars Climate Orbiter" der Oberfläche des Planeten bis auf 140 Kilometer nähern sollen; durch einen zunächst unbemerkten Navigationsfehler sank er jedoch auf 57 Kilometer ab und verglühte als Sternschnuppe im pfirsichfarbenen Marshimmel.

Der Rückschlag trifft eines der wenigen Weltraumprojekte, die auch in Zeiten globaler Seuchen, sozialen Elends und politischer Unruhen ihren Aufwand wert sind. Der "Mars Climate Orbiter" war das erste Raumgefährt, das speziell für die Erforschung des Klimas auf einem anderen Planeten konstruiert wurde. Bereits um die Jahrhundertwende wurden auf dem Mars eigenartige "Wasserkanäle" entdeckt. Sie inspirierten auch die fantastischen Erzählungen von Edgar Rice Burroughs (Tarzan), mit denen das schneebedeckte Monster Apt, das grüne Riesenpferd Thoat und die schöne Prinzessin Dejah Thoris als Marsbewohner ewigen Kultstatus erlangt haben.

Neuere Befunde deuten tatsächlich darauf hin, dass auf unserem Nachbarplaneten früher einmal Wasser und ein ähnliches Klima wie auf der Erde existierten, in dem sich einfache Lebensformen entwickelt haben könnten. Vor einigen hundert Millionen Jahren, als auf der Erde gerade die ersten Amphibien das Land eroberten, hat der Mars aus unbekannter Ursache den größten Teil seiner Atmosphäre verloren und sich bis auf Minus 60 Grad Celsius abgekühlt, so dass heute Staubstürme und Blizzards aus Kohlendioxid-Schnee über seine Oberfläche jagen. Die Erforschung des Schicksals unseres Nachbarplaneten könnte uns daher helfen, langfristige Entwicklungen unserer eigenen Atmosphäre besser zu verstehen.

Während sinnvolle Weltraumforschung aus Geldmangel zu scheitern droht, treibt die NASA notgedrungen die Privatisierung ihrer kommerziellen Projekte voran. Einem jüngst vorgestellten Plan zufolge sollen erdnahe Satelliten künftig nur noch von kommerziellen Anbietern in den Orbit geschossen werden. Zugleich will die NASA prüfen, ob sich der Bau von Weltraum-Hotels lohnen könnte. Damit dürfte das Gedränge auf den bereits heute mit Weltraumschrott übersäten Umlaufbahnen noch enger werden. Doch das ist erst der Anfang. Im vergangenen Jahr wurden 10 Millionen Dollar für das erste touristentaugliche Raumschiff ausgesetzt. 100 Tickets sind bereits verkauft, das Stück für 90 000 Dollar. In der unendlichen Weite des Weltalls lassen sich offenbar noch ungeahnte Märkte erschließen.Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg.

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