Gesundheit : Weiblicher Widerspruch in sich

Den Studentinnen der jetzt evaluierten Internationalen Frauenuniversität ging es um wissenschaftliche Erkenntnisse und die Karriere – Männer hätten da nicht gestört

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Von Ruth Kuntz-Brunner

Ein paar männliche Studenten an der Internationalen Frauenuniversität (ifu) hätten Fatmata Lovetta Sesay überhaupt nicht gestört. Ausgerechnet die Geschlechtshomogenität der Frauenuni sei ihr nicht besonders wichtig gewesen, sagte die 25-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften aus Sierra Leone nach dem Pilotprojekt, das während der Weltausstellung in Hannover lief. Das scheint eine verblüffende Sicht für eine ifu-Studentin zu sein, doch sie deckt sich mit den Ergebnissen der kürzlich von Sigrid Metz-Göckel herausgegebenen ifu-Evaluation. Obwohl die Frauen den Austausch untereinander und den kulturellen Mix der Teilnehmerinnen als bereichernd empfanden, hätten viele auch Männer zugelassen.

Rund 700 graduierte Studentinnen – drei Viertel arbeiteten bereits wissenschaftlich – aus 105 Ländern forschten während der Expo 2000 hundert Tage lang zu den Themen Arbeit, Information, Körper, Migration, Stadt und Wasser. Sesay wollte mehr über Fundraising, wirtschaftliche Entwicklung und Strukturen lernen. Sie arbeitet für eine Hilfsorganisation, die in Freetown Bürgerkriegswitwen bei Existenzgründungen hilft. Die engagierte Studentin kommt aus einem Land, in dem Frauen selten einen Beruf erlernen, in dem Analphabetismus weit verbreitet und „Social Security“ unbekannt ist. Diesen Erfahrungshintergrund teilte sie mit der Mehrheit der Studentinnen, die aus Afrika, Asien und Lateirika kamen. Das Gros der Dozentinnen dagegen stellten die westeuropäischen und nordamerikanischen Länder, was Spuren in den Curricula hinterließ.

„Es war erstaunlich, was wir alles falsch eingeschätzt oder nicht bedacht hatten“, gesteht heute Sigrid Metz-Göckel, Professorin an der Uni Dortmund und eine der wissenschaftlichen ifu-Begleiterinnen. Zum Beispiel liefen eurozentristische Diskussionen über soziale Absicherung an den Studentinnen aus ärmeren Ländern resonanzlos vorbei. Und dass westliche Wissenschaftlerinnen über sudanesische Traditionen referierten, attackierten die afrikanischen Studentinnen als provozierende „Herrschaftsattitüde“. Trotzdem bewerteten gerade sie die Qualität der ifu insgesamt als „sehr positiv“.

Weniger ambivalent waren Studentinnen aus reicheren Industrienationen. Sie gehörten zur kritischen Avantgarde mit hohen wissenschaftlichen Ambitionen. „Zwischen einem Drittel bis fast der Hälfte der Teilnehmerinnen konstatierte Mängel in der wissenschaftlichen Qualität“, schreibt Ulrich Teichler, ifu-Gutachter und Professor an der Uni Kassel. Zwei Fünftel meinten, das ifu-Programm entspräche dem Bachelor-Niveau. Dürftige Theorie und mangelnde Interdisziplinarität wurden beklagt, auch fehlende Möglichkeiten, sich in den Lehrveranstaltungen selbst einzubringen.

Der kritische Blick war scharf, denn es wurde viel erwartet, wenn auch nicht unbedingt von den ifu-Zielen Gender, Interdisziplinarität und Interkulturität. „Bei den Bewerberinnen rangierten wissenschaftliche Erkenntnis-Fortschritte und akademische Karrierechancen vor dem Wunsch nach einem exklusiven Frauenprojekt“, berichtet Metz-Göckel. Doch die Frauen ließen sich schließlich doch vom Wert der Monoedukation überzeugen. Sie erst ermögliche offene Diskussionen über Machtstrukturen, resümierten die befragten Studentinnen. Zum Beispiel darüber, was es bedeutet, wenn im Dürregebiet südlich von Lahore die männlichen Eliten des Landes über das Bewässerungssystem verfügen.

Letztlich aber bestimmte auch an der ifu, wie im klassischen Hochschulbetrieb, die Persönlichkeit der Lehrenden die Qualität. Urteile wurden oft an den Lehrpersonen und nicht an der ifu festgemacht, schwache Referentenleistungen scharf kritisiert. Während manche Studentinnen die Gender-Perspektive als vergleichsweise „übergewichtig“ werteten, fanden insbesondere aktive Geschlechterforscherinnen die „Genderperformance“ ihrer Referentinnen zu blass.

Dozentinnen wiederum kritisierten, der Konflikt sei auf Grund der heterogen zusammengewürfelten Studentinnenschaft vorprogrammiert gewesen. Zu unterschiedlich sei ihr wissenschaftliches Niveau. Doch die mangelnde „Passgerechtigkeit“ des Programms aktivierte auch die Lust zur Selbstorganisation, sagt Metz-Göckel. So inszenierten die Studentinnen neben dem offiziellen Programm einen eigenen „professionellen Austausch zwischen hoch gebildeten Frauen“.

Dieses „Schatten-Curriculum“ bildete eine der wichtigsten ifu-Säulen. Dagegen haderten viele Studentinnen mit der verschulten offiziellen Lehre, die ihnen zu wenig Freiräume ließ. Viele Dozentinnen hätten stur ihr eigenes Programm durchgezogen. Und zu schnell hätten die Referentinnen gewechselt. Offensichtlich waren rund 300 Dozentinnen in drei ifu-Monaten des Guten zu viel.

Zwischen „Groß-Konferenz“ und „Langzeit-Workshop“ ordnet Ulrich Teichler die Pilotphase der ifu ein: „Der kulturell-soziale Wert wird durchgängig konstatiert und die Erweiterung des Denkhorizonts als wertvoll empfunden, ein hoher fachlicher Ertrag ist dagegen nicht immer gesichert.“ Trotzdem würden drei Viertel der ifu-Studentinnen wieder mitmachen. Und die meisten wollen, dass die ifu weiterlebt. Zwischen der heftigen Kritik an der ifu und der engagierten Verteidigung ihres Fortbestehens sieht ifu-Präsidentin Ayla Neusel keinen Widerspruch: „Die Auseinandersetzung mit der ifu ist leidenschaftlich; die Idee ist angenommen.“

Literatur: Sigrid Metz-Göckel (Hrsg.): Lehren und Lernen an der Internationalen Frauenuniversität. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleituntersuchung. Leske+Budrich, Opladen 2002.

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