Gesundheit : Wenn der Wasserfall steigt

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Lange blickte der Tourist auf den Wasserfall. Da stürzte das Wasser nicht mehr herab, sondern floss nach oben. Der Betrachter fasste sich an den Kopf und fürchtete, etwas könne mit ihm nicht in Ordnung sein. „Wie wirklich ist unsere Wirklichkeit?“ fragte der Lübecker Psychiater Fritz Hohagen in seinem Vortrag über Wahrnehmungsstörungen beim 29. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer in Berlin.

Warum steigt der Wasserfall scheinbar, wenn man ihn lange genug fixiert? Das überfordert die zuständigen Nervenzellen, erläuterte Hohagen. Die Dauerstimulation führt zur Erschöpfung dieser Zellen, andere werden aktiviert. So kommt es zu der Sinnestäuschung.

Vexierbilder, die man abwechselnd als Mädchen oder alte Frau, als Liebespaar oder Totenschädel sehen kann, illustrieren, was schon Platon wusste: Wir nehmen die Dinge zwar durch die Sinne wahr, brauchen aber den Verstand dazu. Das Gehirn wählt aus, baut aus Einzelteilen ein Bild und interpretiert es vor dem Hintergrund dessen, was uns die Evolution lehrte und was wir selbst lernten. „Wir sehen nicht, was ist, sondern was wir denken, was ist“, sagte Hohagen.

Eine illusionäre Verkennung vorhandener Objekte kann jedem passieren. Und was ist mit echten Halluzinationen, wobei man etwas sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt, was gar nicht da ist? Nicht nur Schizophrene hören Stimmen und sehen Geister. Extremsituationen wie etwa beim Bergsteigen, Stress, Trauer, Schlafentzug, das Fehlen sämtlicher Sinneseindrücke können Halluzinationen erzeugen. Sie entstehen, wenn die Hirnrinde, der Kortex, ohne äußere Wahrnehmungen aktiviert wird.

In den USA wird dies sogar schon kommerziell verwertet. Dort gibt es neuerdings einen Apparat zu kaufen, der hausgemachte Elevationserlebnisse bringen soll: Nach Hirnstimulation schwebt das Ich über dem eigenen Körper. Das spart Meditationszeit. R.St.

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