Gesundheit : Wie aus Bachelors Ingenieure werden Die Unis wollen viel Theorie – doch es gibt Kritik

Anja Kühne

Eine der am heftigsten verteidigten Linien der Reformgegner an den Unis ist die Ingenieurausbildung. Vor anderthalb Jahren haben die neun großen Technischen Universitäten eine Palastrevolution angezettelt. Gegen den Beschluss der Kultusminister und gegen die Empfehlungen des Wissenschaftsrats erklärten sie, in den Ingenieurwissenschaften der Unis dürfe nicht der Bachelor, sondern erst der Master für die Mehrheit zum Berufseintritt führen. Nur so könne die Qualität des bisherigen Studiums gesichert werden.

Sind die Universitäten nun die Retter der weltberühmten deutschen Ingenieurkunst oder selbstgefällige Bremser einer längst überfälligen Reform der Lehre? Eine neue Studie von Acatech, dem Konvent für Technikwissenschaften der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften, attestiert den Unis jetzt einen ausgeprägten Reformwillen: Sie seien „auf einem guten Weg“ bei der Umsetzung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge, heißt es dort. Sehr kritisch kommentierte die gleiche Untersuchung hingegen der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der die Studie finanziell unterstützt hat: „Es muss noch vieles getan werden“, sagte Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbands bei der Präsentation der Ergebnisse am Dienstag in Berlin. „Die Universitäten überschätzen die Qualität der bisherigen Ingenieursausbildung, und sie unterschätzen die Chancen der neuen Studiengänge.“

Für die Studie wurden vor einem Jahr Fragebögen an 76 Dekanate aller deutschen Technischen Hochschulen verteilt, 26 Rückmeldungen konnten ausgewertet werden. Außerdem formulierten die drei zuständigen Wirtschaftsverbände Forderungen an die Ausbildung.

Aus Sicht von Meyer-Guckel sind unter den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen gerade in den Ingenieurwissenschaften „nur wenige Leuchttürme zu finden“. In der Tat konnte die Acatech anders als geplant keinen idealtypischen neuen Ingenieurstudiengang präsentieren – ein solcher war nicht zu finden. Meyer-Guckel kritisierte, Anzeichen für eine grundlegende Überarbeitung der alten Studiengänge, deren Abbrecherquoten bei bis zu 60 Prozent lagen, seien kaum zu erkennen: Der viersemestrige theoretische Grundstock des alten Studiums bis zum Vordiplom werde identisch im Bachelorstudium fortgeführt, darauf folge wie bisher eine praktisch orientierte Phase, die nun auf zwei oder drei Semester verkürzt werde. Die Universitäten täten deshalb gut daran, ihren „Verteidigungskampf nicht so sehr in die Öffentlichkeit zu tragen“, sagte Meyer-Guckel.

Was wie ein bloßes Umtopfen der alten Studiengänge und ihrer Mängel aussieht, ist aus Sicht von Günter Pritschow, Professor für Ingenieurwissenschaften an der Uni Stuttgart und Leiter der Studie, ein Gewinn: International stelle der deutsche Bachelor an Unis mit seinem frühen und langen Theorieanteil „einen Sonderweg“ dar. Auch werde es vermieden, den Bachelor „auf das Niveau der Fachhochschulen herunterzubrechen“. Dafür nehme man in Kauf, dass an der Berufsqualifizierung Abstriche hingenommen werden müssen; der Begriff „Berufsbefähigung“ sei daher zutreffender.

Weil Ziel der universitären Ausbildung ohnehin der Master sei, lehnt die Acatech ebenso wie die befragten Wirtschaftsverbände Quoten durch die Politik für den Übergang vom Bachelor zum Master ab. Die Universitäten sollten selbst bestimmen, ob sie Hürden zum Master errichten.

Aus Sicht von Klaus Semlinger, Vizepräsident der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW) werden die Empfehlungen der Acatech die Gräben zwischen Universitäten und Fachhochschulen noch vertiefen. Es sei „enttäuschend“, dass die Universitäten ihre gesamte Ingenieurausbildung „eindimensional“ auf das wissenschaftliche Masterstudium ausrichten wollten. Bachelorstudierende, die hier nicht von Anfang an mitgingen, würden zum Aufgeben gezwungen, sagte Semlinger dem Tagesspiegel. Ziel müsse es hingegen sein, hohe Qualität im Studium mit dem Anspruch zu verknüpfen, mehr junge Leute akademisch zu qualifizieren. Die Politik der Unis aber werde „ein Großteil des akademischen Potenzials verschleudern“.

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