Gesundheit : Wie Deutschland und Israel mit Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion umgehen

Thomas Veser

Wer nach Israel einwandert, unternimmt der offiziellen Sprachregelung zufolge eine Auffahrt. "Aliya", wie die Immigration auf Hebräisch umschrieben wird, ist ein Kernbegriff in der religiösen Metaphorik des modernen Staates Israel, der auf einer Mischung aus säkulären und religiösen Prinzipen beruht. Die gewaltigste und folgenreichste Immigrationswelle seit Staatsgründung 1948 erlebte das Land nach dem Ende der Sowjetunion. Nimmt man jene Immigranten hinzu, die zu Beginn der siebziger Jahre eingetroffen waren, ergibt sich eine Zahl von einer runden Million Neubürger - jeder fünfte Israeli stammt aus dem Osten.

"Israel kann sich in gewisser Weise als Nachfolgestaat der ehemaligen Sowjetunion betrachten", bemerkte dazu Shlomo Avineri, Direktor des Instituts für Europäische Studien an der Hebräischen Universität (Jerusalem) auf einer Tagung über den Wandel der Einwanderungspoltik in Europa und Israel. Diese Konferenz fand zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung im Kibbutz Kiriat Anavim bei Jerusalem statt.

Auch Deutschland hat bis heute mehrere Einwanderungswellen so genannter Spätaussiedler erlebt - die meisten von ihnen aus Russland. Gegenwärtig schätzt die Bundesregierung die Zahl der noch auf dem Staatsgebiet der ehemaligen Sowjetunion lebenden Deutschstämmigen auf rund drei Millionen. Im 1993 erlassenen "Kriegsfolgenbereinigungsgesetz" ist die Zahl der jährlich einzugliedernden Russlanddeutschen auf 220 000 festgesetzt worden.

Wie gehen beide Staaten mit den Einwanderern aus religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit um? In Israel haben die Folgen der Masseneinwanderung eine anhaltende Kontroverse ausgelöst. Auf der Suche nach einer Identität bilden die Immigranten der neunziger Jahre eine Gemeinschaft, die sich von der israelischen Gesellschaft abgrenzt. Populistische Politiker kritisieren, dass die Neubürger ursprünglich in die wesentlich attraktiveren Länder USA oder Deutschland einwandern wollten. Israel sei für sie zweite Wahl, wo viele von ihnen eine Bürde für das soziale Sicherungssystem darstellten.

Liberalstes Einwanderungsgesetz

Mittlerweile beschwören Soziologen die Gefahr eines russischen Gettos. Obgleich im israelischen Umfeld fest verwurzelt, halten die Einwanderer an ihrer russischen Kultur fest und erziehen ihre Kinder zweisprachig. "Dass es Menschen gibt, die in mehr als einer Kultur leben können und wollen, stößt bei den Eingesessenen allerdings nach wie vor auf Unverständnis", glaubt Tamar Horowitz, Integrationsforscherin an der Universität Beer-Sheeva. Als Einwanderungsland wollte Israel den Überlebenden der Shoa keine Steine in den Weg legen. Daher erhalten die Ankommenden bei der Einreise das Bürgerrecht und dürfen sofort am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Als Grundlage dient das 1950 von der Knesset (Parlament) verabschiedete Rückkehrgesetz, das weltweit als freizügigstes Einwanderungsgesetz betrachtet werden kann.

Als die erste Welle der meist kinderreichen Familien aus der Sowjetunion zu Beginn der siebziger Jahre nach Israel gelangte, stand ihnen der Sinn nach einer raschen Integration. Israels Arbeitsmarkt bot damals genügend Stellen, so dass die ökonomische Integration schnell verlaufen konnte. Oft als Ärzte, Ingenieure oder Musiker ausgebildet, konnten die Neuen in den gleichen Berufssparten weiter arbeiten.

Ihre beruflich gut qualifizierten Nachfolger zu Beginn der neunziger Jahre lernten ein anderes Land kennen. Die überproportional vertretenen Wissenschaftler, Musiker und Lehrer fanden kaum Stellen. Allerdings verdankt ihnen Israel eine spektakuläre Existenzgründungswelle. Olim eröffneten Geschäfte und bauten mit staatlichen Finanzhilfen und hoher Eigenmotivation kleine und mittelständische Unternehmen auf.

Es waren primär wirtschaftliche und nicht mehr ideologische Gründe, die sie zur Übersiedelung veranlasst hatten. Während Wissenschaftler die Forschung bereicherten, machten sich russische Berufsschullehrer um eine Verbesserung des defizitären Berufsschulsystems verdient. Vor allem die Bereicherung des kulturellen und geistigen Lebens versteht die Integrationsforscherin Tamar Horowitz als "Russlands Geschenk an Israel". Diesen Beitrag hat Israel mit größter Selbstverständlichkeit akzeptiert.

Und darin liege der große Unterschied zum Verhältnis zwischen der deutschen Gesellschaft und den russischen Einwanderern deutscher Abstammung, verdeutlicht der deutsche Integrationsforscher Jürgen Turek vom Centrum für Angewandte Politikforschung an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. "In Deutschland herrscht ein Konsens, dass sämtliche Systeme bereits optimal entwickelt sind. Von den Immigranten erwartet man folglich keine Hilfe; werden sie in Israel gleich nach der Ankunft eingegliedert, müssen die Russlanddeutschen hier zunächst eine längere Übergangsphase durchstehen."

Langer Weg der Integration

Wer auswandern will, muss sich zunächst an die diplomatische Vertretung Deutschlands wenden. Bis die verlangten Stammbäume und Geburtsurkunden im Kölner Bundesverwaltungsamt eingehend geprüft sind, können im Extremfall bis zu drei Jahre verstreichen. Im Gegensatz zu Israel erfolgt die Integration der Russlanddeutschen in Einzelschritten; erst wenn sie die deutsche Sprache beherrschen, eine Arbeitsstelle und eine Wohnung außerhalb der Aufnahmestelle gefunden haben, betrachten die deutschen Behörden die Eingliederung als abgeschlossen, eine Nachbetreuung wie in Israel ist dabei nicht vorgesehen.

Dieses Integrationsmuster verurteilt unternehmerisch veranlagte Russlanddeutsche, so Jürgen Turek, oft genug zur Tatenlosigkeit; dennoch ließe sich der israelische Ansatz der Direktintegration nur schwerlich auf Deutschland übertragen. Denn hierzulande erwarte die Einwanderer eine weitgehend homogene 81-Millionen-Bevölkerung, wogegen Israel eine geradezu verwirrende Vielfalt an fragmentierten Bevölkerungsgruppen besitze. Lebensgewohnheiten, Sichtweisen und sprachlich-kulturelle Eigenarten der Russlanddeutschen würden spätestens in der zweiten Generation unwiderruflich aufgegeben, "da diese Kennzeichen russischer Identität nicht mehr als attraktiv empfunden werden".

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