Gesundheit : Wie eine Metropole

Experten empfehlen: Berlin soll seine vier Kunsthochschulen behalten

Uwe Schlicht

Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin redet ständig davon, dass Berlin über seine Verhältnisse lebt. In solchen Zeiten ist der Blick über die Stadtgrenzen hinaus hilfreich. Für Sarrazin sind die Hochschulen ungeachtet der Tatsache, dass ihnen schon 500 Millionen Euro abgezogen wurden, immer noch viel zu teuer. Am liebsten sähe er es, wenn sie künftig noch mehr einsparen – nämlich 200 Millionen pro Jahr. Nun kommen angesichts der Haushaltsnotlage Berlins die vier in der Stadt vorhandenen künstlerischen Hochschulen nicht umhin, auch ihr Opfer zu erbringen. 3,6 Millionen Euro sollen sie jährlich sparen. Das sind Peanuts im Vergleich zu dem, was Sarrazin den anderen Hochschulen zumuten möchte.

Aber die Kunsthochschulen können diese 3,6 Millionen nicht aufbringen, weil die größte unter ihnen, die Universität der Künste, noch ein großes Defizit aus einem radikalen Personalabbau früherer Jahre zu bewältigen hat. Und die drei kleineren künstlerischen Hochschulen seien mit ihrem Personal so knapp ausgestattet, dass die Streichung weiterer Professuren ganze Studiengänge gefährden würde. Das sagt jedenfalls eine hochrangig besetzte Expertenkommission unter Leitung des Generalsekretärs der Kultusministerkonferenz, Erich Thies. Die Kommission schlägt daher vor, dass die acht staatlichen Hochschulen in Berlin, allen voran die drei großen Universitäten, sich solidarisch mit den Kunsthochschulen zeigen und die fehlenden 3,6 Millionen Euro aus ihren Etats erbringen.

Da stellt sich die Frage, braucht Berlin vier Kunsthochschulen? Wissenschaftsrat und Landesregierungen haben nach der Wiedervereinigung dazu eine positive Grundsatzentscheidung getroffen: Die Universität der Künste im alten West-Berlin ist bundesweit die einzige, die Kunst und Wissenschaft verbindet. Deswegen hat sie Promotions- und Habilitationsrecht und das einzige Graduiertenkolleg. Die drei kleinen Kunsthochschulen im einstigen Ost-Berlin hatten schon zu Zeiten der DDR einen hervorragenden Ruf und haben diesen nach der Wiedervereinigung noch verbessert.

Die Schauspielschule „Ernst Busch” arbeitet eng mit dem Deutschen Theater zusammen. Ihre Absolventen sind an deutschen Bühnen gefragt. Die Musikhochschule „Hanns Eisler” hat sich international so profiliert, dass sie in den Sparten Jazz und Popularmusik die meisten Professoren aus dem Ausland aufweist. Im Lehrkörper unterrichten berühmte Solisten und Mitglieder der großen Berliner Symphonieorchester den Musikernachwuchs aus aller Welt. 80 Prozent der Studenten an der Musikhochschule kommen nicht aus Berlin. Die Kunsthochschule Weißensee zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein gemeinsames Grundstudium für die Studenten der Bildenden Kunst, des Designs und der Architektur anbietet. Dazu sind alle Studenten während des Studiums zu Praxissemestern verpflichtet. Vor allem im Design knüpft die Kunsthochschule an alte Bauhaus-Traditionen an.

Die Universität der Künste (UdK) hat sich in den letzten Jahren immer stärker auf die Verbindung der Kunst und des Designs mit den neuen Medien ausgerichtet. Sie hat neue Studiengänge eingeführt wie Mediendesign, Sounddesign, Electronic Business und Kulturjournalismus.

Die Gutachter kommen angesichts der positiven Entwicklung zu der Empfehlung: Berlins Kunsthochschulen sollen sich im Wettbewerb nicht nur auf ihre Konkurrenz in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Nordrhein-Westfalen ausrichten, sondern vor allem auf die internationalen Konkurrenten in den großen Metropolen Paris, London und Rom. Ein Blick auf die dortigen Studentenzahlen zeigt, dass Berlin mit vier künstlerischen Hochschulen keineswegs über seine Verhältnisse lebt. Berlin hat zwar mit 5579 Studierenden die meisten angehenden Künstler von allen Bundesländern. Aber als Hauptstadt, die sich mit drei Opernhäusern, der Vielzahl der Orchester und Theater zugleich um den Rang der Kulturhauptstadt bewirbt, muss Berlin sich international vergleichen lassen. In London gibt es 25 000 Studierende in den künstlerischen Fächern, in Paris 32000. Nur Rom fällt mit 3700 Studierenden ab.

Ungeachtet des guten Rufs der vier künstlerischen Hochschulen hält die Kommission dennoch Reformen für nötig. Um gemeinsame Berufungen – und damit eine stärkere Zusammenarbeit der Kunsthochschulen – zu ermöglichen, sollen Zentren gebildet werden. Diese bedürfen der vertraglichen Absicherung. Denn auch das soll künftig neu sein: Neben der Universität der Künste müssten auch die drei kleinen Kunsthochschulen im Osten der Stadt vertragsfähig werden. Sie sollen dann Globalhaushalte bekommen und das Recht auf eigene Beamten- und Angestelltenverhältnisse.

Die hochschulübergreifenden Zentren sollten zunächst für fünf Jahre eingerichtet und abgesichert werden. Eines dient den Fächern Jazz und Popularmusik und könnte seinen Platz an der Universität der Künste erhalten. Die Kommission erhofft sich davon wegen der internationalen Ausstrahlung einen Effekt auf die Ansiedlung ausländischer Musikfirmen in Berlin. Das zweite Zentrum soll als Opernschule die Sparten Oper, Operette und Musical bedienen und Regie und Choreografie sowie Bühnenkostüm einbeziehen. Dieses Zentrum kann der Musikhochschule „Hanns Eisler” zugeordnet werden. Ein spezielles Zentrum für Weiterbildung soll einen Standort an der Universität der Künste erhalten. Es ist als Dienstleistungszentrum für alle Kunsthochschulen gedacht, mit der Hoffnung auf beachtliche Gebühreneinnahmen.

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