Gesundheit : Wie frei dürfen Kinder schreiben?

Fehler tolerieren oder korrigieren: Pädagogen streiten über das „Lehrerhasserbuch“

Amory Burchard

Dürfen Schüler schreiben wie sie sprechen? Darüber streiten Eltern mit Lehrern – und Pädagogen untereinander. Die Berliner Autorin Gerlinde Unverzagt beklagt, dass ihre Kinder in der Grundschule „freies Schreiben“ lernten: Sie könnten ungehemmt drauflos schreiben, Fehler sollten auf keinen Fall korrigiert werden, habe die Lehrerin beim ersten Elternabend verkündet. Das „freie Schreiben“ ist aus Unverzagts Sicht ein Grund, Lehrer zu hassen. Bis zum Ende der dritten Klasse habe ihr Sohn „überwiegend phonetisch“ geschrieben, berichtet sie in ihrem „Lehrerhasserbuch“.

„Hier hat sie Recht“, sagt Renate Valtin, Leiterin der Abteilung Grundschulpädagogik an der Humboldt-Universität. Unverzagts Sohn sei offensichtlich Opfer des besonders in Berlin verbreiteten Programms „Lesen durch Schreiben“ geworden, das der Schweizer Pädagoge Jürgen Reichen seit Jahren erfolgreich propagiere. Dabei lernen die Kinder mit Hilfe einer Anlauttabelle schreiben.

Die Anlauttabelle besteht aus einer Liste von Buchstaben, denen ein Bild mit einem entsprechenden Anlaut-Wort zugeordnet ist – beispielsweise M – Maus. Mit der Tabelle sollen die Kinder selbstständig Buchstaben-Laut-Beziehungen entdecken und anfangen zu schreiben – ohne Intervention durch Lehrer oder Eltern. Wenn die Kinder beim „freien Verschriften“ der von ihnen gewählten Wörter und Texte Fehler machen, sollen sie nicht darauf aufmerksam gemacht werden.

„Ihr pädagogisches Herz gehöre dem freien Schreiben“, zitiert Unverzagt die Lehrerin. Auf die Richtigkeit käme es gar nicht an. Renate Valtin hält diese Methode für schädlich. Die Kinder lernten mit dem rein phonetischen Schreiben eine falsche Strategie, die sie sich im Laufe ihrer Schulkarriere mühsam wieder abgewöhnen müssten. Auch würden nur Hochdeutsch sprechende Kinder mit der Methode zunächst gut zurechtkommen. Große Probleme dagegen hätten ausländische Kinder oder Dialektsprecher: So schreibe ein bayerisches Kind das Wort Bäckergeselle „Begaxel“ – ein weiter Weg bis zur richtigen Schreibung.

Jetzt will Renate Valtin, die auch Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben ist, erreichen, dass Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) die Methode „Lesen durch Schreiben“ aus den Grundschulen verdrängt. Besser sei es für die Kinder, mit Schlüsselwörtern Lesen zu lernen. Anlauttabellen könnten aber weiterhin als Hilfsmittel dienen.

Dass eine Lehrerin glaubt, auch in der dritten Klasse noch „der natürlichen Entwicklung freien Lauf lassen zu sollen“, hält Dagmar Wilde, Leiterin des Grundschulreferates der Berliner Schulverwaltung, nicht für ausgeschlossen. Eigentlich sollten die neueren Erkenntnisse zum Rechtschreiblernen aber durch Fachkonferenzen an den Schulen und bei Fortbildungen bei allen Lehrern ankommen: Kinder brauchten lautliche Prinzipien, Rechtschreibregeln und Merkwörter, sie sollten „hörend, denkend und automatisierend“ schreiben lernen. Allerdings würden nicht alle Schulleitungen ihre Lehrer auch zu solchen Fortbildungen schicken. „Qualitätssicherung“ ist das Wort der Stunde – und das fordert auch Gerlinde Unverzagt vehement ein.

Aufgespießt hat Unverzagt auch ein Dogma des freien Schreibens: Fehler würden heute „Lernchancen“ genannt – und erst recht nicht korrigiert. Tatsächlich steht im neuen Rahmenlehrplan Deutsch für die Grundschule, Fehler seien „Bestandteile eines jeden Lernprozesses“ und würden deshalb „als Lernchance, als fruchtbarer Bestandteil des Lernens verstanden“. Dagmar Wilde glaubt, dass Pädagogen dies so verstehen: „Fehler werden nur dann zur Lernchance, wenn man an ihnen arbeitet.“ Lehrer sollten gerade aus frei geschriebenen Texten Fehleranalysen ziehen und daraus einen Förderplan für Schülergruppen oder einzelne Kinder entwickeln.

„Übungswortschatz richtig schreiben, sich selbst kontrollieren und korrigieren“, empfiehlt der Lehrplan für die erste und zweite Klasse. Bei der Rechtschreibung sollen die Schüler „einfache Regeln für Groß- und Kleinschreibung“ beachten. Aber auch: „eigene Texte lautorientiert aufschreiben“.

Inge Hirschmann, die für ihr pädagogisches Konzept hochgelobte Leiterin der Kreuzberger Zille-Grundschule, nimmt Partei für die von Unverzagt gescholtene Lehrerin. „Wenn sie es in der ersten Klasse so gemacht hat, wie Unverzagt es beschreibt, hat sie es richtig gemacht“, sagt Hirschmann. Selbstverständlich sollten Lehrer und Eltern die ersten Schreibversuche der Kinder hoch bewerten – und wenn sie noch so rudimentär, mit Worthülsen oder ohne Vokale schrieben.

Auch das Spiel, das Unverzagts Klassenlehrerin sich für die Eltern einfallen ließ – sie sollten ihren Namen nach einer Tabelle schreiben, bei denen die Buchstaben durch Symbole ersetzt waren – findet Rektorin Hirschmann richtig. Das erkläre den Eltern den schwierigen Weg, auf den sich ihre Kinder machen. Unverzagts Behauptung, ihr Sohn habe bis zum Ende der dritten Klasse überwiegend phonetisch geschrieben, hält Hirschmann für unglaubwürdig. „Das gibt es in Berlin nicht.“ Das „Lesen durch Schreiben“ sei von Anfang an eingebettet in Übungen zum richtigen Schreiben.

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