Gesundheit : Wie man sich kaputt spart

Berlins Wissenschaftssenator a.d.

TURNERS THESEN

zu Bildung und Politik

Die Berliner Finanzkrise zwingt auch den Hochschulen Opfer ab. Dabei vermisst man eine steuernde Hand aus der Politik. Einer solchen aber bedarf es, wenn Besonderheiten Berlins auf dem Spiel stehen, die für die Stadt, ihre Außenwirkung und die Attraktivität von Bedeutung sind.

An der Humboldt-Universität wird die Schließung der Agrarfakultät erwogen. Schuldlos sind die jetzt Betroffenen daran nicht. Zum einen ist durch eine recht großzügige Handhabung der Abwicklung der früheren DDR-Fakultät manch einer durch die Maschen geschlüpft, dessen Vergangenheit nicht unproblematisch scheint. Zum anderen haben sich aus dem Westen berufene Wissenschaftler, die ohne die Wiedervereinigung schwerlich den Weg zum Universitätsprofessor gefunden hätten, gelegentlich als wenig kooperativ und weitsichtig erwiesen. Möglicherweise hat die Fakultät auch eine zu starke ökonomische Ausrichtung, statt mehr die Produktionsfächer zu betonen.

Das alles aber darf den Blick nicht trüben, wenn es um fundamentale Entscheidungen geht. Für Entwicklungs- und Schwellenländer ist es wichtig, dass gut ausgebildete Fachleute den einheimischen Agrarsektor voranbringen. Der Hunger in der Welt kann nicht bekämpft werden, indem Überschüsse aus Europa oder den USA in notleidende Regionen geliefert werden; die Produktion muss überwiegend dort erfolgen, wo Menschen leben. Unter den Studenten von heute befinden sich Führungskräfte in Wirtschaft und Politik von morgen. Hier darauf zu verzichten, dass sie einen unmittelbaren Eindruck von der deutschen Hauptstadt gewinnen, dass sie zu ihrem Studienort eine dauerhaft emotionale und wohl auch wirtschaftliche sowie politische Nähe gewinnen, ist zum mindesten kurzsichtig.

Dabei bietet die Fakultät einige Studieninhalte in englischer Sprache an und hat auch die international üblichen Abschlüsse Bachelor und Master eingeführt. Also gute Voraussetzungen, für ausländische Studenten attraktiv zu sein. Auf der einen Seite wird ständig darüber geklagt, dass zu wenig ausländische Studierende in die Bundesrepublik kommen; auf der anderen Seite verkennt man das darin liegende Potenzial an Kontakten für die Zukunft.

Den gleichen Fehler macht man, wenn die technischen Disziplinen an der Technischen Universität Berlin an Zugkraft verlieren. Zwar steht hier nicht der Verzicht auf ein ganzes Fach zur Debatte. Eine Ausdünnung aber würde die TU im Wettbewerb hoffnungslos zurückwerfen.

In der deutschen Hauptstadt sollten alle denkbaren Studienangebote vorgehalten werden, notfalls unter Verzicht auf Mehrfachangebote in anderen Fächern, um Studierende aller Fachrichtungen von überall in der Welt für Berlin zu begeistern. Wenn die Berliner Universitäten in einer einzigen zusammengefasst wären, würde man kaum auf die Idee kommen, Fachrichtungen, die es nur einmal gibt, zu schließen.

Solche Entscheidungen aber werden die Hochschulen nicht aus sich und im Zusammenwirken untereinander treffen können. Hier ist nun wirklich einmal die Politik gefordert.

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