Gesundheit : Wie sich eine amerikanische Eliteuniversität um die Studenten kümmert

Uwe Schlicht

Die helle Sonne Kaliforniens scheint über den Campus der Stanford University. Vorlesungspause: Die Studenten jagen auf Fahrrädern und Rollerblades über die Straßen des weitläufigen Universitätsgeländes. Der älteste Trakt der Stanford University ist im historischen Stil spanischer Missionsstationen errichtet worden. Arkaden spenden Schatten und grenzen die Hörsäle gegen die weiten Innenhöfe ab. Unter den Arkaden gleitet ein Inlineskater von Tür zu Tür, bis er den gesuchten Raum erreicht hat, den Rucksack abstreift und in den Seminarbetrieb einsteigt.

Er ist einer der 14 000 Studenten an der amerikanischen Eliteuniversität mit einem Spitzenplatz im landesweiten Ranking. Für das Studium in Stanford muss man 34 000 Dollar Studiengebühren einschließlich des Wohnrechts auf dem Campus bezahlen. Begabte Bewerber bekommen aus sozialen Gründen ein Stipendium. Studenten sind in Amerika umworben, nicht nur weil sie Studiengebühren aufbringen und damit einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung ihrer Hochschule leisten. Sie sind auch umworben, weil ihr Urteil beim landesweiten Ranking Gewicht hat.

Wer glaubt, dass die amerikanischen Eliteuniversitäten, nur weil sie an der Idee Wilhelm von Humboldts über die Einheit von Forschung und Lehre festhalten, ihr größtes Prestige in der Forschung suchen, irrt sich. Anders als in Deutschland entscheidet die Lehre über alles: Wer nur ein guter Forscher ist und kein guter Lehrer, bekommt keine Professur auf Dauer (tenure) und wer sich nicht in der Lehre bewährt hat, kann auch innerhalb der Universität keine Führungsposition im Department, als Dekan einer Fakultät, Provost (Kanzler) oder Präsident erhalten. In Abwandlung der deutschen Nationalhymne kann man sagen: Lehre, Lehre über alles.



Der Präsident weist die Richtung

Einer der erfolgreichsten amerikanischen Universitätspräsidenten, Gerhard Casper von Stanford, sagte vor kurzem: Ein Präsident muss über viele Eigenschaften verfügen - er sollte herausragender Akademiker sein, ein guter Redner, er sollte auch seine Zuhörer gewinnen und unterhalten können, Erfolg beim Einwerben von Geldern haben und etwas von Football verstehen. "Aber eine Qualität ist unverzichtbar: ein weiter Horizont über die Entwicklung der Universität. Ich darf Tag für Tag nicht darin ermüden, den Wissenschaftlern in allen Fakultäten zu sagen, dass die Lehre von enormer Bedeutung für Stanford ist. Das war früher anders und diese Einstellung haben wir in Stanford in wenigen Jahren verändert."

In Stanford haben Erziehungswissenschaftler ohne Respekt vor den großen Namen ihrer Kollegen in anderen Fakultäten Studenten befragt, was sie in ihren Lehrveranstaltungen wirklich gelernt haben. Die Studenten konnten sich in Videoaufnahmen oder durch e-mails äußeren. Das Ergebnis war erschütternd. Ähnlich wie bei den international vergleichenden Tests über die Schulleistungen in Mathematik und Naturwissenschaften zeigt sich, dass die Auffassungen der Lehrer über das, was sie ihren Schüler oder Studenten vermittelt haben wollen, völlig anders ausfallen als das tatsächliche Wissen der Studenten. Darüber berichteten die Pädagogikprofessoren Lee Shulman von der Carnegie Foundation und Myra Strober auf einem deutsch-amerikanischen Expertenseminar, das von der Fulbright-Kommission organisiert worden war. So hat man durch Befragung ermittelt, dass in einer großen Lehrveranstaltung in der Biologie mit über 100 Teilnehmern, geboten durch einen herausragenden Wissenschaftler, 40 Prozent der Studenten wesentliche Inhalte nicht begriffen hatten.

Diese Diskrepanz lässt Gerhard Casper nicht ruhen. Als Casper von der Universität Chicago vor acht Jahren nach Stanford geholt wurde, um dort Präsident zu werden, hatte er Erfahrungen an der Law School in Chicago gemacht. Durch intensive Befragungen vor Ort kam er zu der Überzeugung, dass in Stanford vor allem die Lehre verbessert werden müsste. Die besten Professoren der Universität sollten sich bereits in den ersten Vorlesungen für Anfängerstudenten engagieren. Eine Aufwertung der Didaktik war die Folge. Über Stanford hinaus ist der Wandel an den US-Universitäten in den letzten 25 Jahren am größten in der Lehre - eine Folge des Einflusses, der den Urteilen der Studenten zugemessen wird.

Caspar möchte mit den Anfängerstudenten in einen sokratischen Dialog treten. Dafür sind die Bedingungen dann besonders günstig, wenn nicht viel mehr als 12 Studenten in ein Seminar aufgenommen werden. Mit ihnen kann der Professor dann das erleben, was sich schon Humboldt in seiner Denkschrift von 1810 gewünscht hatte: dass Studenten von den akademischen Lehrern lernen und Wissenschaftler von den Studenten. Kein Wunder, dass Casper als Kenner der Entwicklung in Deutschland seit 1977 einiges zu kritisieren hat: Die Öffnung der Universitäten für die Massen habe deshalb so negative Folgen, weil die Politiker seitdem nicht die notwendigen Rahmenbedingungen wie eine Verbesserung der Kapazitäten geschaffen hätten. Mit anderen Worten: Die Lehrbedingungen müssten auch an Massenhochschulen den kleinen Seminarbetrieb erlauben. Und noch einen weiteren Rat hat Casper für die deutschen Hochschulen: Sie sollten sich ihre Studenten selbst aussuchen, dann würden sich die Fakultäten um bessere Lehrer und bessere Lehre bemühen. Dafür sorge schon der Druck von unten.



150 Millionen für die Biomedizin

Die Forschung wird in Stanford wie an den anderen amerikanischen Eliteuniversitäten keineswegs vernachlässigt. Gerade erst hat Stanford 150 Millionen Dollar von dem jetzigen Unternehmer und Professor Jim Clark eingeworben, um ein Forschungs- und Lehrzentrum für die Biomedizin zu errichten. Im Sommer 2002 soll es in Betrieb genommen werden. Aber in der Forschungsplanung ist die Universität vorsichtig. Präsident Casper formuliert es so: "Wir haben keine Vorstellung davon, wo die Forschung in fünf Jahren stehen wird - wir entscheiden kurzfristig von Jahr zu Jahr." Wenn ein Präsident etwas zur Priorität an der ganzen Universität erklärt, dann geht er Risiken ein, weil er für diese Priorität schließlich auch Geld einwerben muss. Eine solche Priorität hat Stanford außer in der Biomedizin in die Verbesserung der Lehre für die Studienanfänger gesetzt. Dass auf diese Weise auch die Geisteswissenschaften, für die es sonst keine Spender gibt, mehr Geld erhalten, versteht sich.



Zurück in die Anfängervorlesung

Von einem in den Magazinen veröffentlichten Ranking hält Casper wenig, solange dabei die Universitäten des Landes auf die Plätze eins, zwei, drei, vier fünf usw. eingeordnet werden. "Wir haben uns an der Stanford University verbessert, nicht weil wir Harvard, Yale, Princeton und Berkeley schlagen wollten - das wäre lächerlich - , sondern um unsere Undergraduate-Ausbildung anzuheben." Wenn schon ein Ranking unumgänglich ist, dann sollte man wie in einem Restaurantführer die Universitäten der Spitzengruppe mit fünf Sternen, die guten Unis in der nachfolgenden Kategorie mit vier Sternen und dann herunter bis zu einem Stern bewerten. Im übrigen spricht sich Casper eher für ein Ranking mit vielen Faktoren aus, das ein differenzierteres Bild von den einzelnen Fächern ergibt als es ein Ranking für eine ganze Universität bieten kann. Das zu erreichen, ist in den USA nicht minder schwierig wie in Deutschland.

Vor 25 Jahren machte der gerade von der Universität Hamburg an die Law School in Chicago gewechselte Caspar die Erfahrung,wie schwierig es ist, mit 160 Anfängerstudenten einen sokratischen Dialog zu führen. Nach acht Jahren verzichtet Casper auf eine weitere Präsidentschaft in Stanford und möchte wieder in die Lehre zurückkehren. Es reizt ihn, nach so langer Zeit erneut als Rechtsprofessor zu lehren - und zwar jene Anfängerstundenten, die gerade vom College gekommen sind.

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