Gesundheit : Wieder ein Biologe

Bärbel Schubert

Die renommierteste deutsche Forschungsorganisation, die Max-Planck-Gesellschaft, hat sich ihren künftigen Präsidenten aus einem derzeit heftig umstrittenen Wissenschaftsbereich gewählt. Peter Gruss ist wie Amtsinhaber Hubert Markl Biologe und erforschte Fragen wie: Wie entsteht aus einer befruchteten Eizelle ein ganzer Organismus oder Wie wird festgelegt, welche Zelle an welchem Ort gebildet wird? Im Streit um die Forschung an embryonalen Stammzellen des Menschen hat Gruss eine entschiedene Meinung. Seine Wahl zum Max-Planck-Präsidenten versteht er trotzdem nicht als politisches Signal: Er werde nicht gewählt, um sich zur Speerspitze der Stammzellenforschung in Deutschland zu machen.

Dennoch: Gruss hält es für dringend notwendig, dass der Import von Stammzellen auch in Deutschland erlaubt bleibt. "Sie können mit ruhigem Gewissen davon ausgehen, dass unsere westlichen Nachbarn, die alle große abendländische Kulturen sind, an diesen Zellen weiterforschen", meint er. Therapien, die mit der Stammzellenforschung entwickelt werden, könnten dann den Deutschen nicht angeboten werden.

Diesmal wird neue Präsident ganz den Stallgeruch seiner Organisation haben: Schon seit 1986 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Sein Lebenslauf zeigt einen Muster-Wissenschaftler: 1968 Beginn des Biologiestudiums an der Technischen Hochschule Darmstadt, dann Wechsel an das heute bekannte Krebsforschungszentrum in Heidelberg. 1978 ging er an die berühmten National Institutes of Health der USA. Die Anerkennung als Wissenschaftler für den 52-Jährigen drückt sich unter anderem im Leibniz-Preis 1994 aus, dem höchst dotierten deutschen Wissenschaftspreis, und dem Zukunftspreis des Bundespräsidenten. Aktuell erforscht er mit seiner Gruppe die Entwicklung des Gehirns.

Doch wird Gruss in seinem neuen 24-Stunden-Job sicher keine Zeit für eigene Forschungen mehr haben, höchstens zur Erforschung menschlichen Verhaltens in Gremiensitzungen. Denn die gehören zur Hauptbeschäftigung für den Präsidenten der 80 Max-Planck-Institute, mit ihren 2,4 Milliarden Mark Jahresetat und der Verantwortung für 11 000 Mitarbeiter. Das Forschungsprojekt in Göttingen wird ohne ihn weitergehen müssen. Die umfangreiche Erfahrung in den Organisationen der Wissenschaft, die Amtsinhaber Hubert Markl mitgebracht hat, fehlen Gruss allerdings. Markl leitete vor der Max-Planck-Gesellschaft unter anderem bereits die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Doch auch Gruss ist immerhin Vorsitzender der Kommission für Forschungsperspektiven in der MPG wie auch Mitglied des Nationalen Genomforschungsnetzes.

Die Spitze der Max-Planck-Gesellschaft übernimmt der engagierte Wissenschaftler in - bis auf den Streit um die Stammzellenforschung - eher ruhiger Zeit. Der Aufbau neuer Institute in Ostdeutschland hat begonnen. Nach drei Jahren mit steigenden Etatansätzen ist keine Notsituation zu beheben. Trotzdem wird es zu den wichtigsten Herausforderungen in Gruss Amtszeit gehören, weiterhin international führende Wissenschaftler nach Deutschland zu holen. Denn obwohl die Finanzausstattung der Max-Planck-Institute für ihre Grundlagenforschung im Vergleich mit den deutschen Universitäten sehr gut ist, haben sie dafür deutlich weniger Geld zur Verfügung als die Spitzeninstitute in den USA.

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