Gesundheit : Winzige Veränderung im Schnee bilden Ursache für Lawinen

Roland H. Knauer

"Es presste mir die Luft aus den Lungen, ich konnte nichts sehen, nichts hören. Ich spürte nur die unheimliche Geschwindigkeit. Plötzlich erhielt ich einen starken Stoß. Ich dachte: Jetzt mußt du mit 18 Jahren sterben, und es tut nicht einmal weh." Camron Carpenter überlebt das Schneebrett, das ihn mit samt seinem Snowboard in die Tiefe reißt. Der junge Mann hatte, als er mit seinem Freund in den Hang fuhr, allein durch das Körpergewicht ein winziges Erdbeben ausgelöst.

Die Schneedecke hält dies nicht aus und spaltet sich auf breiter Front. Bereits nach wenigen Sekunden hat die Schwerkraft den Pulverschnee auf sechzig Kilometer pro Stunde beschleunigt. Die Lawine reißt die beiden Menschen mit, füllt Nasen, Ohren, Augen und Mund und verdichtet sich zu einer Beton-ähnlichen Masse, sobald sie zum Stillstand kommt. Wer sich nicht selbst aus dieser Einzementierung befreien kann oder binnen weniger Minuten ausgegraben wird, stirbt fast immer wie der Freund von Camron Carpenter den "Weißen Tod".

Der Ursprung einer solchen Lawine aber, mit der sich die Energie eines abrutschenden Schneebrettes entlädt, entsteht viel früher als das Mikro-Erdbeben, das leichtsinnige Skifahrer in rund 95 Prozent solcher Fälle selbst verursachen. Schneebretter wiederum verursachen in den Alpen neunzig Prozent aller Lawinen-Unfälle, berichtet der Deutsche Alpenverein DAV.

Genau genommen beginnt die Entstehung einer Lawine mit dem ersten Schnee, der im Spätherbst auf die Hänge fällt. Die weiße Pracht besteht anfangs fast völlig aus Luft zwischen bizarr geformten Kristallen. Wie jedes luftige Material, isoliert die Schneedecke hervorragend. Auf wenigen Zentimetern treten dabei kräftige Temperaturunterschiede auf, erklären Fachleute vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos die subtilen Vorgänge in einer Schneedecke.

An Nordhängen gefährlicher

An den Spitzen der Schneeflocken verdampfen laufend Wassermoleküle und schlagen sich im kälteren Zentrum des Kristalls wieder nieder. Mit der Zeit verschwinden die Spitzen, es bilden sich runde Körner. Sie halten nicht nur gut zusammen, sondern schließen auch weniger Luft ein. Dadurch verkleinert sich das Volumen, die lockere Neuschnee-Decke setzt sich. Ein bis drei Tage dauert dieser Vorgang bei eher milden Temperaturen, bei Kälte länger. Deshalb setzt sich der Schnee an schattigen Ost- und Nordhängen langsamer als an Südhängen.

"In den nächsten Tagen erhöhte Lawinengefahr" warnen Lawinenwarndienste daher nach kräftigen Schneefällen. Solange sich der Schnee nicht gesetzt und gefestigt hat, droht er abzurutschen. Ein Skifahrer, ein fallender Eiszapfen oder ein Stein lösen dann eine Kettenreaktion aus. Jedes Teilchen reißt seine Nachbarn mit, aus einer winzigen Bewegung entsteht rasch eine Lawine, wenn der Hang steil genug ist. Gefährlich sind Hänge zwischen 28 und 50 Grad Steigung, darunter kommt kein Schwung zustande, darüber bleibt kaum Schnee liegen. In den Alpen entstehen daher oberhalb von dreitausend oder 3500 Metern kaum noch Lawinen. Dort ist das Gelände zu zerklüftet und die starken Winde wehen den Schnee rasch weg.

Pässe wirken wie Düsen

Der Wind kann allerdings auch erst die Grundlage für eine Lawine schaffen. Bläst er mit mehr als 25 Kilometern in der Stunde, wirbelt er Schnee auf und trägt ihn davon. Die Schneeflocken kollidieren dabei häufig miteinander, verwandeln sich in kleine, harte Kristalle. Im Windschatten sammeln sie sich zu einer kompakten, aber äußerst spröden Schicht, die bereits durch die geringste Zusatzbelastung abbrechen kann. Vor allem Pässe und Joche verstärken den Wind wie eine Düse, dahinter lagern sich oft gefährliche Schneemengen ab.

Hat sich eine Lawine erst einmal gelöst, beschleunigt die Schwerkraft sie rasch auf hundert Kilometer in der Stunde. Mit einem Druck von bis zu hundert Tonnen pro Quadratmeter drückt der Schnee problemlos jede Hauswand ein. Lawinenschutz beschränkt sich auf zwei Methoden: In den Bergen versuchen die Menschen die Schneemassen durch keilförmige Mauern auf der Hangseite von Almen und Kirchen zu spalten und um die Gebäude herumzuleiten. Oder sie bauen das Haus mit der Rückwand und dem Giebel in den Hang hinein und leiten so eine Lawine wie über eine Sprungschanze über Dach und Haus hinweg.

Die zweite Methode versucht bereits die Entstehung von Lawinen durch künstliche Verbauungen zu verhindern. Genau wie früher dienen auch heute Bannwälder dem gleichen Zweck, wenn die Bäume erst einmal groß genug gewachsen sind. Sind die Bäume dagegen noch klein, können sie nur eine dünne Schneeschicht verankern. Deckt der Schnee aber die gesamte Vegetation zu, zirkulieren in den Hohlräumen zwischen den Ästen und Zweigen wärmere Luftmassen, die einen Prozess fördern, den die Wissenschaftler des SLF unter dem Begriff aufbauende Metamorphose kennen.

Dabei verdampft in der milden Luft der Schnee am Boden, die Strömung trägt den Wasserdampf in die höheren Schichten, wo er am kälteren Schnee kristallisiert. Die Kristalle wachsen bis auf einige Millimeter oder gar einem Zentimeter Größe an und bilden becherförmige Hohlformen, die sehr schlecht aneinander haften. Die Festigkeit der Schneedecke sinkt stark, darüber liegende Schneeschichten können auf diesem Schwimmschnee wie auf einer Rutschbahn in die Tiefe sausen. Je kälter es ist und je dünner die isolierende Schneedicke ist, um so stärker und gefährlicher wird die aufbauende Metamorphose.

Ähnlich rutschig kann der Schnee auch im Frühjahr werden, wenn Schmelzwasser durch alle Poren sickert und die Schneekristalle mit einer dünnen Wasserschicht umgibt. Dadurch wird der Schnee glitschig. Erreicht das Wasser den Boden, löst sich die Haftung mit dem Untergrund und eine Lawine kann losbrechen.

Auch lange Schönwetterperioden können gefährliche Rutschbahnen produzieren, wenn die Sonne tagsüber die Oberfläche des Schnees aufweicht und nachts wieder festfriert. In den kalten Nächten bildet sich gleichzeitig eine dicke Reifschicht aus schlecht haftenden Eiskristallen, die wie Schmierseife wirkt und an schattigen Ost- und Nordhängen auch tagsüber nicht schmilzt. Schneit es auf solche glatten Flächen kräftig, verbinden sich Alt- und Neuschnee kaum. Oft genügt das Gewicht eines Skifahrers, um eine Lawine auszulösen.

Kennt ein Wanderer diese Zusammenhänge, kann er recht gut einschätzen, wann und an welchen Hängen Lawinengefahr besteht und diese Regionen meiden oder auf eine Tour ganz verzichten, erklärt der Sicherheitsexperte des Deutschen Alpenvereins (DAV) Karl Schrag das richtige Verhalten von Skifahrern und Schneeschuhgehern.

Donnert die einmal entstandene Lawine über einen Steilhang von mehr als vierzig Grad zu Tal, führt ihre Bahn obendrein noch über Felsen, können sich die Schneemassen vom Boden lösen und stieben auf einem Luftkissen zu Tal. Obwohl jeder Kubikmeter Luft in einer solchen Staublawine nur wenige Kilogramm Luft enthält, drückt eine solche "Wolke" mit bis zu fünfzig Tonnen pro Quadratmeter, da sie mit 350 km/h jeden ICE bequem abhängt. Überlebens-Chancen lässt die Staublawine einem Opfer kaum: Das Schnee-Luft-Gemisch presst sich in seine Lungen.

Bessere Chancen verschafft einem bei einer konventionellen Lawine dagegen der Cornflake-Effekt. In einer Tüte mit Cornflakes rutschen kleinere Stücke leichter als große in die Lücken zwischen den Partikeln. Mit der Zeit sammeln sich daher die feinen Cornflakes am Boden der Tüte, während die großen obenauf zu schwimmen scheinen. Nichts anderes geschieht auch in einer Lawine. Der Mensch landet als besonders großes Teil ganz oben. Aus diesem Grund graben Helfer einen Verschütteten meist relativ rasch aus, wenn sie genau wissen, wo sie ihn suchen müssen.

Dazu aber gehört, betont Karl Schrag vom DAV, dass die Wanderer ihren Lawinenpiepser einschalten, den jeder Tourengeher und Schneeschuhwanderer dabei haben sollte. Schließlich könnte das Leben von dem zigarettenschachtel-großen Gerät abhängen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar