Gesundheit : „Wir hoffen auf deutsche Unterstützung“

Der Amerikaner Seth Berkley kämpft für einen Impfstoff gegen Aids

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Warum brauchen wir einen AidsImpfstoff?

Manche Leute sagen, wir haben schon einen Impfstoff: Moral. Manche sagen, wir müssen nur unser Verhalten ändern. Die Wahrheit ist, man kann die Epidemie mit den existierenden Möglichkeiten bremsen, aber niemals aufhalten. Es gibt kein Beispiel aus der Geschichte, nach der ein Virus jemals nur durch einen Wechsel im Verhalten gestoppt wurde. Wir wissen aber, dass Impfstoffe viele Krankheiten eingedämmt haben. Und es ist bekannt, dass das Aidsvirus bei Tieren kontrolliert werden kann und dass manche Menschen es im Griff haben. Es gibt also Hinweise, dass es möglich ist, einen Impfstoff zu entwickeln. Schließlich: der Kostenfaktor. Ein Impfstoff wäre der kostengünstigste Weg, die Krankheit zu bekämpfen.

Aids ist seit mehr als 20 Jahren in der Welt. Warum gibt es noch immer keinen Impfstoff?

Zum einen ist die Wissenschaft kompliziert. Aber das ist nicht entscheidend. Wichtiger ist, dass Aids-Impfstoffentwicklung wenig Priorität hat. Für Unternehmen ist sie nicht besonders profitabel. Zudem liegt der Markt hauptsächlich in der Dritten Welt. Dann der öffentliche Sektor. Die Regierungen investieren in Forschung. Aber weil es den Aids-Aktivisten um Behandlung geht, verschiebt sich das Engagement in Richtung Therapie. Am Ende investiert weder der private noch der öffentliche Sektor investiert in Impfstoffe.

Was sind die medizinischen Probleme?

Das Virus befällt das Immunsystem. Es versteckt sich in der Zelle und kann sich lange am Leben halten. Interessant ist, dass der Erreger einen Mantel besitzt, der ihn ziemlich sicher gegen Antikörper (Abwehrstoffe) schützt. Der übliche Reflex: Infektion, Entwicklung von Antikörpern, Schutz vor dem Virus funktioniert also nicht. Aber interessant ist eine Art von natürlichem Experiment. Es gibt Menschen, die genau den richtigen Typ von Antikörper entwickelt haben. Spritzt man diese Antikörper Tieren, sind sie geschützt vor der Infektion. Das beweist, dass Menschen den richtigen Typ von Antikörper machen können. Wir wissen jedoch nicht, wie es dazu kommt.

Wie wollen Sie einem Impfstoff zum Durchbruch verhelfen?

Für den ersten Impfstoff der Firma Vaxgene brauchte es mehr als 13 Jahre. Wir wollen diese Zeit beschleunigen. Unser wichtigster Impfstoff-Kandidat und der der Firma Merck werden in fünf, sechs Jahren soweit sein. Das ist die Hälfte der Zeit. Wir wollen diese Spanne noch weiter verkürzen, indem wir die bürokratischen und finanziellen Hindernisse aus dem Weg räumen. Wir arbeiten nicht sequenziell – ein Impfstoff in zehn Jahren, dann der nächste –, sondern parallel. Wir haben acht Impfstoffe, an deren Entwicklung wir simultan beteiligt sind. Wir wollen sie gleichzeitig testen, um zu sehen, welcher am besten ist.

Wer gibt Ihnen das Geld?

Wir werden von acht OECD-Regierungen, vielen Stiftungen, Privatleuten und der Weltbank unterstützt. Deutschland unterstützt uns noch nicht. Aber wir investieren hier eine Menge Geld, wegen der guten Qualität der Wissenschaft und Technik. Unsere Impfstoffe werden von einer deutschen Firma namens IDT hergestellt, und wir arbeiten unter anderem mit der TU München zusammen. Deutschland ist wegen seiner wissenschaftlichen Expertise interessant, andere Länder gingen wegen der klinischen Expertise. Das ist der beste Weg, das Problem zu lösen: die besten Menschen, die besten Firmen, die besten Forscher weltweit zusammenzubringen.

Wie viel Geld haben Sie aufgetrieben?

Unser Budget beträgt etwa 60 Millionen Dollar im Jahr. 75 Prozent davon fließen in die Forschung. Wir finanzieren Impfstoff-Entwicklung in neun Ländern und sind dabei, fünf Impfstoffe in den nächsten Jahren am Menschen zu testen.

Erhoffen Sie mehr Unterstützung von Deutschland?

Unsere Arbeit hier wird von anderen Regierungen bezahlt. Aber wir hoffen, dass es irgendwann auch politische und finanzielle Unterstützung aus Deutschland geben wird.

Und wie sollen die Impfstoffe an die Patienten kommen?

Impfstoffe wurden üblicherweise für Amerika, Europa und Japan hergestellt. Und dann zehn, 15 Jahre, 20 Jahre später wurden sie an die Entwicklungsländer weitergegeben. Das ist natürlich bei keiner Krankheit sinnvoll – aber erst recht nicht bei Aids. Eine unserer Herausforderungen ist deshalb ein neues Paradigma: Der Impfstoff sollte im Norden wie im Süden gleichzeitig verfügbar sein.

Da muss man optimistisch sein.

Ich glaube, wir haben keine Wahl. Die Leute sagen immer: es dauert so lange, bis man einen Impfstoff hat! Aber Tatsache ist: wenn man jetzt nichts unternimmt und investiert, wird man nie einen bekommen!

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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