Gesundheit : „Wir sind fürchterlich arm“

Bulgariens Forscher müssen kreativ und kooperativ sein, um zu überleben. Der Beitritt zur EU bietet Chancen

Paul Janositz[Sofia]

Energisch stapft Kolio Dimov Troev durch die engen Flure. Im Innern des Plattenbaugebäudes mit der wellblechartigen Fassade riecht es nach frischer Farbe. Geländer und Türen strahlen himmelblau. Auch Troevs Anzug ist blau, ebenso die Krawatte, modisch gemustert mit dunklen und weißen Rechtecken, passend zum Elan des 62-jährigen Chemikers. Der Direktor des Instituts für Polymere in Sofia öffnet eine Tür nach der anderen. Ein Dutzend deutscher Journalisten, unterwegs mit der Stuttgarter Robert Bosch Stiftung, blickt in kärglich ausgerüstete Labore.

Sie sehen einfache chemische Apparaturen aus Kolben und Kühlern. Sie sehen Messgeräte, von denen manche in Deutschland längst ausrangiert wären. Jetzt steht Troev vor einem Kasten, der vorne zwei mit schwarzem Gummi verschlossene Löcher hat und oben mit einem Plexiglasdeckel abgeschlossen ist. „Eine Trockenkammer“, sagt Troev. Sie hält Feuchtigkeit und Schadstoffe von empfindlichen Chemikalien fern. „Secondhand“ – der Direktor lächelt und lässt die buschigen Augenbrauen hüpfen. Das Überbleibsel einer pleite gegangenen Chemiefirma hat auf der Straße gestanden, von dort wurde es ins Institut geschafft. Neu hätte der Apparat 70 000 Euro gekostet.

Silviya Halacheva kann dagegen das modernste Messgerät des Instituts präsentieren – eine Spende aus Deutschland. Es ist ein Rheometer, mit dem sich zähfließende Lösungen untersuchen lassen. „Ich bin sehr glücklich, dass ich damit arbeiten kann“, sagt die junge Laborantin. Ihr Lachen füllt den schmalen Raum.

Mit mehr Ernst zeigt nebenan Neli Koseva auf den Monitor. Die Wissenschaftlerin kann Polymerfäden spinnen, die nur 100 Nanometer (millionstel Millimeter) dick sind. Sie eignen sich für strapazierfähige Textilien, Spezialfilter oder Sensoren. In das feine Kunststoffgerüst lassen sich Medikamente einschließen. Daraus lösen sich die Wirkstoffe nur langsam, das dient etwa der Wundheilung.

Wie groß die Misere ist, erzählen die Polymerforscher beim Pausenkaffee. Die Regierung investiere zu wenig in Forschung und Entwicklung, sagen sie: kümmerliche 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das europäische Drei-Prozent-Ziel scheint für das Land, das Anfang 2007 zur EU gehören wird, unerreichbar. „Wir sind fürchterlich arm“, sagt Troev. So gebe es in ganz Bulgarien nur einen Apparat für Kernspinresonanzmessungen. Solche NMR-Spektrometer finden sich in Deutschland fast in jedem chemischen Institut.

Es sind Projekte mit ausländischen Instituten oder Firmen, die die Polymerforscher aus Sofia wirtschaftlich und wissenschaftlich überleben lassen. Veselin Sinigersky arbeitet daran, Membranen, das Herzstück von Brennstoffzellen, effektiver zu machen. Er ist an Projekten von Automobilkonzernen wie Fiat und Daimler-Chrysler oder von Chemiefirmen wie Celanese beteiligt. Ohne solche Kooperationen könnte er seine Forschung nicht finanzieren, sagt der Chemiker.

Auch wenn die Ausstattung mager ist, an Ideen fehlt es den bulgarischen Forschern nicht. „Das Einzige, bei dem wir mithalten können, ist unser Gehirn“, sagt Ivan Schopov, Troevs Vorgänger als Institutsdirektor. Der emeritierte Professor hat viele Verbindungen zu Deutschland. Er war Gastwissenschaftler an der Freien Universität Berlin oder am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz.

Zwar floss im Sozialismus vergleichsweise viel Geld in die Wissenschaft. Doch zu den Zeiten des Gießkannenprinzips sehnt sich Schopov nicht zurück. Jetzt gehe es nach Leistung. Institutsdirektor Troev sieht nüchtern die Konsequenzen, die der EU-Beitritt mit sich bringe: Konzentration auf weniger Bereiche und viele Entlassungen. Auch sein Institut werde nicht verschont bleiben. Der Direktor ist entschlossen, seinen Teil dazu beizutragen. „Ich sehe genau, wer nichts leistet“, sagt er und reckt das Kinn.

„Die einzige Lösung ist es, das europäische Geld zu bekommen“, sagen die Polymerforscher. Versiert sprechen sie vom „siebten Rahmenprogramm“, mit dem die EU ab 2007 Mittel für die Forschung bereitstellt. Bulgarische Wissenschaftler konnten zwar bereits früher Projektmittel beantragen. Doch bisher sind sie leer ausgegangen. Mangelnde Erfahrung mit Projektanträgen, meinen sie. Es könnte auch an Vorurteilen gegenüber den Forschern aus Osteuropa liegen, sagt Christo Tsvetanov. Der Chemiker ist mit drei Anträgen gescheitert. Dabei ist er seit langem westwärts orientiert, arbeitete mit der amerikanischen Chemiefirma Union Carbide ebenso zusammen wie mit Sony. Wie Schopov spricht er gut deutsch und war als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität Mainz. Derzeit kooperiert er mit den Chemikern Axel Müller in Bayreuth und Hans-Jürgen Adler in Dresden.

Seine Mitarbeiter tun es ihm gleich, gehen in die gut ausgestatteten Labore in Deutschland, Schweden oder den USA. Und sie kommen zurück. „Das macht mich glücklich“, sagt Tsvetanov. Denn üblich ist das Gegenteil: Die bulgarischen Forscher bleiben meist im Ausland. In den letzten 15 Jahren ist eine Million junger Bulgaren ausgewandert. Der Exodus wird zum Aderlass für das derzeit nicht ganz acht Millionen Menschen zählende Volk. „Meine Tochter ist auch in den USA geblieben“, sagt Tsvetanov. Er klingt traurig. Elite-Einrichtungen wie das kalifornische Scripps-Institut waren für die Biochemikerin zu attraktiv.

Auch Troev beklagt die Abwanderung von fünf Mitarbeitern, „junge exzellente Chemiker“, in die USA. Nur energisches Umsteuern hin zu weniger, aber besser bezahlten Wissenschaftlern könne etwas bewirken. Ganz anders hatte am Vorabend Naum Yakimoff geklungen, als er die deutschen Journalisten im imposanten Akademie-Gebäude unweit der Alexander-Newski-Kathedrale, dem Wahrzeichen Sofias, empfing. Von Krise wollte der eloquente Vizepräsident der 1869 gegründeten Organisation nichts wissen. Heute schon zahle die bulgarische Informationstechnologie Gehälter, wie sie in Deutschland üblich seien. Chancen böte die Beratung deutscher Firmen, die nach Bulgarien kämen. Der nächste Schritt könnte die Gründung eines deutsch-bulgarisches Forschungszentrums sein.

Intensive Kontakte zu Deutschland pflegen bereits Forscher der Universität für Chemische Technologie und Metallurgie (UCTM) in Sofia mit rund 3000 Studierenden. In den 70er Jahren war Vladimir Kozhukharov Gastwissenschaftler an der Universität Erlangen. Heute arbeitet der 64-Jährige mit dem Institut für neue Materialien in Saarbrücken zusammen. Mit Nanopartikeln will er Textilien widerstandsfähiger machen. Geld fließt dabei auch von der Nato, da das Militär an robusten Uniformen interessiert ist. Solche Drittmittel sind notwendig fürs Überleben.

Das gilt auch für Mihai Christov. Der 60-jährige Chemiker erforscht Brennstoffzellen, die mit Methanol betrieben werden. Von dem Alkohol wird Wasserstoff abgespalten, der sich in einem katalytischen Prozess mit Sauerstoff zu Wasser vereinigt. Die Reaktionsschritte, die dabei an den Elektroden ablaufen, hat Christov entschlüsselt. Dabei kooperiert er mit dem MPI in Magdeburg, das komplizierte Messungen durchführt, um Christovs Überlegungen zu überprüfen.

Der bulgarische Chemiker leitet auch das Zentrum für deutschsprachigen Unterricht an der UCTM. Dort wird seit fünfzehn Jahren der Studiengang Chemische Verfahrenstechnik angeboten, an dem jährlich an die 30 Ingenieure ausgebildet werden. Am Ende winkt ein deutsch-bulgarisches Doppeldiplom. Im Übrigen sind die UCTM-Studiengänge an den „Bologna-Kriterien“ für Bachelor- und Master-Programme orientiert, wie Rektor Kiril Stanulov betont. Auch dies ein Zeichen dafür, dass sich die bulgarische Wissenschaft auf Europa ausrichtet.

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