Gesundheit : „Wir werden intuitiver entscheiden“

Hans Zehetmair, der Vorsitzende des Rats für Rechtschreibung, erklärt, was von der Reform geblieben ist

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„Kennenlernen“ soll künftig wieder zusammengeschrieben werden, „spazieren gehen“ weiterhin getrennt und „sitzen bleiben“ wahlweise getrennt oder zusammen. Die schlichte ReformRegel „Verb und Verb schreibt man stets getrennt“ gilt offenbar nicht mehr. Können Sie das erklären, Herr Zehetmair?

Das sind Beispiele dafür, dass wir nicht mehr Regeln in den Vordergrund stellen, sondern wieder mehr darauf achten, wie im deutschsprachigen Raum gesprochen wird. Grundsätzlich wird bei der Zusammenstellung zweier Infinitive aber noch immer getrennt geschrieben. Es bleibt bei „laufen lernen“, „baden gehen“ oder „spazieren gehen“. Ausnahmen bilden Verbindungen mit „bleiben“ oder „lassen“. Hier kann auch zusammengeschrieben werden, wenn eine übertragene Bedeutung vorliegt: Die Akten sind „liegengeblieben“, aber: Am Sonntag möchte ich gerne länger „liegen bleiben“.

Warum soll „kennen lernen“ dann wieder zusammengeschrieben werden?

„Kennenlernen“ haben wir wegen der ausschließlich übertragenen Bedeutung als Sonderfall in die Gruppe der Verbindungen mit „bleiben“ und „lassen“ aufgenommen. Man kann es aber auch getrennt schreiben. Auf diesen Kompromiss haben wir uns nach einer langen Diskussion geeinigt.

Auch die Regel, dass Adjektivverbindungen mit Verben getrennt geschrieben werden, wenn sie steigerbar oder erweiterbar sind, wurde gestrichen. So kann jetzt „blank putzen“ auch wieder zusammengeschrieben werden.

Die Steigerungsregel hat sich als nicht praktikabel erwiesen. Jetzt soll gelten: Es kann zusammen- wie auch getrennt geschrieben werden, wenn es um das Resultat eines Vorganges geht. Hier sind die Varianten sinnvoll, weil es Schüler überfordert zu unterscheiden, ob die Betonung nun auf „blank“ liegt oder auf dem Putzvorgang als solchem. Es ist aber eine schöne Aufgabe für Lehrkräfte, den Schülern solche Sinnunterschiede nahe zu bringen.

Die Schulen kommen allerdings gut mit den vereinfachten Regeln zurecht – und vielen Eltern und Lehrern graut davor, den Kindern jetzt wieder etliche Ausnahmen erklären zu müssen.

Dahinter steht unsere Philosophie, dass der Sprachgebrauch wieder Vorrang vor der Regelhaftigkeit hat. Das ist für Schüler und auch für Erwachsene eingängiger. Wir werden intuitiver entscheiden, was wir getrennt oder zusammenschreiben: „Heilig sprechen“ kann der Papst, „heiligsprechen“ wird man ihn später. Außerdem ging es um die Korrektur all dessen, was man in der Bevölkerung nicht verstanden hat. Sinnentstellende Schreibweisen wie „Leid tun“ oder „Not tun“ soll es nicht mehr geben.

Warum wird nicht durchgehend liberalisiert? Jetzt scheint es durcheinander zu gehen: „leidtun“ nur noch klein und zusammen, „eislaufen“ ebenso, aber bei „brustschwimmen“ kann man auch schreiben, „er schwimmt Brust“.

Die Schreibweisen „leidtun“ und „nottun“ sind jetzt unantastbar, weil die Groß- und Getrenntschreibung schlichtweg unsinnig wäre. Im Zusammenhang mit „eislaufen“ wurde in der Tat diskutiert, ob es auch heißen könnte, „sie läuft Eis“. Jetzt hat sich das nicht durchgesetzt, aber wenn sich dieser Sprachgebrauch in einigen Jahren festsetzt, könnte man es noch modifizieren. Bei „brustschwimmen“ sind wir liberaler – wenn der substantivische Bestandteil hinten steht.

Wie radikal sind also die Änderungen in der Getrennt- und Zusammenschreibung, die der Rat am vergangenen Freitag in Mannheim beschlossen hat? Wird die Rechtschreibreform in diesem Bereich „nahezu vollständig zurückgenommen“, wie der Sprachwissenschaftler Theodor Ickler schon im April frohlockte?

Es ist kein radikales Zurückschrauben, sondern ein moderates Ausgleichen der Unebenheiten und Ungereimtheiten. Da ist einiges auch im Sinne von Herrn Ickler. Aber federführend war Peter Eisenberg von der Akademie für deutsche Sprache, weil er schlüssige, ausgewogene und besonnene Vorschläge gemacht hat. Ich bin sehr froh, dass er seit vergangener Woche ordentliches Mitglied des Rats ist. Insgesamt ist unsere Arbeit ein entschiedenes Aufeinanderzugehen sehr heterogener Befindlichkeiten. Zur Getrennt- und Zusammenschreibung gab es am Schluss nur vier Gegenstimmen bei 33 Prostimmen.

Warum beschäftigt sich der Rat nicht auch mit der Groß- und Kleinschreibung?

Wir werden sie uns mit Sicherheit noch gesondert vornehmen. Einige Probleme der Groß- und Kleinschreibung sind mit der Getrennt- und Zusammenschreibung ja auch schon gelöst worden. In der ersten Phase wollen wir bis Herbst die beiden weiteren gravierenden Themen klären: Zeichensetzung und Silbentrennung. Ab Herbst, wenn wir die ersten drei großen Komplexe zur politischen Entscheidung weiterreichen, setzen wir für andere Bereiche der Reform, die zum 1. August amtlich werden, Arbeitsgruppen ein und beobachten die Sprachentwicklung – auch in der Groß- und Kleinschreibung. Einen Zeitplan für etwaige Änderungsvorschläge gibt es aber noch nicht. Der Rat in seiner jetzigen Zusammensetzung ist für sechs Jahre berufen.

Warum wird zum 1. August dieses Jahres nur ein Teil der Rechtschreibreform amtlich?

Die Kultusminister wollten das einmal gesetzte Datum 1. August 2005 unbedingt halten. Da haben sie sich eben durchgerungen, die Bereiche zurückzustellen, über die wir noch beraten. Unsere Vorschläge müssen wir noch mit Eltern- und Lehrerverbänden diskutieren, und dann befindet die Politik abschließend darüber.

Warum sind Sie nicht bis zum 1. August fertig geworden?

Weil wir unsere Aufgabe sehr ernst nehmen und in den Arbeitsgruppen intensiv diskutieren. Die andere Möglichkeit wäre gewesen, das Ganze um ein Jahr zu verschieben. Dass die KMK anders entschieden hat, kritisiere ich nicht, aber ich mache es mir auch nicht zu Eigen. Das müssen die Kultusminister selber verantworten. Die Politik hat den Rat aus der Erkenntnis heraus eingesetzt, dass die Reform eines begleitenden kompetenten Gremiums bedarf, das unabhängig und in eigener Verantwortung arbeitet. Wer mit dem dynamischen Gefüge Sprache verantwortungsvoll umgehen will, braucht Zeit.

Und wann werden die Neuregelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung, zur Silbentrennung und zur Zeichensetzung für Schulen verbindlich?

Ich gehe davon aus, dass die Länder die drei Komplexe zum August 2006 einführen. Um die Schüler nicht zu verwirren, sollte man das nicht mitten im Schuljahr machen – obwohl die Neuregelungen schon vorher stehen. Die Schule sollte aber nicht darauf kapriziert sein, an welchem Stichtag sie was als Fehler wertet.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Zeitungen, die sich der Rechtschreibreform mehr oder weniger verweigern?

In unserem Rat sitzen ja auch offizielle Vertreter der Journalistenverbände und der Zeitungsverleger. Angesichts der weitgehend positiven Reaktionen auf unsere Vorschläge bin ich guter Hoffnung, dass auch die Zeitungen, die sich besonders stark verweigern, wieder zum Common Sense zurückfinden.

Von Reformgegnern wird die Arbeit Ihrer Vorgänger, der Zwischenstaatlichen Kommission, weiterhin verteufelt. Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit im Rat von der in der Kommission?

Formal unterscheidet sich der Rat von der Kommission dadurch, dass er unabhängig ist. Die Kommission war als Hilfsinstrument von der Politik eingesetzt – für eine Reform, in die sich die Politik aus meiner heutigen Sicht gar nicht hätte einmischen sollen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat eine höhere Eigenverantwortung gegenüber der Öffentlichkeit. Wir arbeiten transparent und vermitteln nach jeder Sitzung in einer Pressekonferenz, was wir in der Abwägung langer Diskussionen als Erkenntnis gewonnen haben.

Steckt dahinter auch eine Philosophie?

Wir müssen gegenüber der sensibilisierten Öffentlichkeit alles tun, um den Eindruck zu vermeiden, dass Sprache aufgezwungen wird. Was wir zu tun haben, darf nicht von wissenschaftlicher Rechthaberei geleitet sein, sondern von tiefer Sensibilität für den Sprachgebrauch der Menschen.

Die Fragen stellte Amory Burchard.

Hans Zehetmair (68), 1986 bis 2003 CSU-Kultusminister in Bayern, ist seit Dezember 2004 Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung und leitet die Hanns-Seidel-Stiftung.

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