Gesundheit : "Wissenschaft im Dialog": Fährtensuche im Gen-Dschungel

Hartmut Wewetzer

Seit Monaten diskutieren in Deutschland Politiker, Wissenschaftler und Journalisten über die Gentechnik, über Reizthemen wie Klonen, Stammzellen oder die Entzifferung des menschlichen Erbguts. Gerade zur richtigen Zeit beginnt nun das "Jahr der Lebenswissenschaften". Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn hat es am Donnerstag Abend im Gropius-Bau ausgerufen.

Zu den Lebenswissenschaften - ein ziemlich unscharfer Begriff - gehören Fächer wie Biologie und Medizin, vor allem aber Bio- und Gentechnik. Mit einer Fülle von Veranstaltungen soll über Chancen und Risiken dieser Verfahren informiert und diskutiert werden - "Wissenschaft im Dialog" nennt sich die Initiative, unter deren Dach auch das "Jahr der Lebenswissenschaften" ausgebrütet wurde. "Wissenschaft im Dialog" wiederum ist ein Kind des Bundesforschungsministeriums, des Stifterverbands und der großen Forschungsorganisationen. 1999 kam es auf die Welt. Pate stand eine erfolgreiche englische Kampagne namens "Public Understanding of Science".

"Wissenschaft im Dialog" und "Jahr der Lebenswissenschaften" - alles nur Public Relations, Akzeptanzbeschaffung und verdeckte Propaganda, munkeln Skeptiker. Von "populistischen Tendenzen" etwa spricht der Historiker Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie.

Der prominenteste Kritiker meldete sich erst am Vorabend von Ministerin Bulmahns Auftritt im Gropius-Bau zu Wort: Bundespräsident Johannes Rau. Freundlich, aber bestimmt kritisierte er die Undurchschaubarkeit der Wissenschaft, forderte ihre Demokratisierung, warnte vor einer Verletzung der Menschenwürde und vor einer "Unwissensgesellschaft", die "aus der viel beschworenen Wissensgesellschaft" entstehe.

Soweit der Bundespräsident, der mit seinen kritischen Thesen auch einen Seitenhieb in Richtung des technikfreundlichen Bundeskanzlers und seiner Mitstreiterin Edelgard Bulmahn austeilte. In der berühmten Ruck-Rede von Raus Vorgänger Roman Herzog am 26. April 1997 klang das noch ganz anders: Die Deutschen gefielen sich in Angstszenarien, hatte Herzog geklagt. Diskussionen über Themen wie die Gentechnik würden ideologisiert, ja "idiotisiert".

Unwissen aus Wissen? Raus kühne, dialektische These wird jenen Forschern nicht gefallen, die von ihren Chefs aus den Elfenbeintürmen hinausgescheucht wurden und die nun ihr Wissen an die Öffentlichkeit weitergeben - zumindest an die interessierte. Und die außerdem noch mit Kritikern ihrer Zunft diskutieren. Auch das geschieht im Jahr der Lebenswissenschaften.

Noch bis morgen läuft die Lebenswissenschaften-Auftaktveranstaltung namens "Der Gen-Dschungel, Lexikon des Lebens" im Gropius-Bau. Es gibt Talkshows, Streitgespräche, Musik, Installationen, Lesungen und Tanz - und damit den Versuch, Wissenschaft und Kunst zu verbinden. Dazu passt die Ausstellung im Gropius Bau: Das "Theatrum Naturae et Artis", die Sammlungen der Humboldt-Universität.

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