Gesundheit : Wissenschaftsförderung: Grüne Landschaften durch Gentechnik

Bärbel Schubert

In Wissenschaft und Forschung hat der Osten die Aufholjagd zum Westen geschafft - jedenfalls in der öffentlich geförderten. Darauf verweist Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) mit Nachdruck. "Das wissen nur viel zu wenige." Im Osten gebe es inzwischen genauso viele Forschungsinstitute und Wissenschaftler pro Kopf der Bevölkerung wie im Westen.

Die Forschungsministerin fühlt sich auf ihrer sommerlichen Besuchstour durch Brandenburg und Sachsen-Anhalt sichtlich wohl. Auch wenn Skeptiker meinen, die Bundespolitiker reisten in den Osten, wenn sie nichts anderes zu tun haben: Aber die Aufgeschlossenheit dort für die Belange von Wissenschaft und Forschung kommt der Ministerin wohl entgegen. "In Ostdeutschland kommen sehr gute Wissenschaftler, exzellente Forschungseinrichtungen und Ideen für neue Unternehmungen zusammen", lautet ihre Bilanz der Besuche. Die Besuchten hören das natürlich gern. Stolz verweist Bulmahn darauf, dass ihr Ministerium überproportional viel seines Etats für den Osten ausgibt und als einziges eigene Förderprogramme für den Osten hat. Besonders das Programm Innoregio soll dem Westen ein Beispiel geben, wie "in Zukunft in der ganzen Wirtschaft Entwicklungsprozesse verlaufen werden", sagt sie vor den erfolgreichen Teilnehmern des Innoregio-Projektes Mahreg in Harzgerode, einem kleinen Ort nahe Quedlinburg.

"Innoregio" will Innovationen fördern und nicht Forschung im engeren Sinne. Der Sachverstand in einer Region soll zusammengeführt werden, um neue, tragfähige Wirtschaftsstrukturen zu schaffen. In Harzgerode ist das die dort traditionell ansässige Autozulieferer-Industrie. Kleine Firmen haben sich im vergangenen Jahr zusammengeschlossen, um Aufträge der großen Autohersteller zu bekommen. Der Anreiz: 20 Millionen Mark vom Forschungsministerium, die aber jeweils mit überzeugenden Einzelprojekten eingeworben werden müssen. Insgesamt ist das Programm bis zum Jahr 2005 sogar mit 500 Millionen Mark ausgestattet.

Die anstrengende Anlaufstrecke für Mahreg ist jetzt nach einem Jahr geschafft, ist sich Projektmitarbeiter Hans-Joachim Clobes sicher. Zunächst hätten die Firmen "nicht gerade Schlange gestanden", um teilzunehmen. Doch nun sind 21 Projekte aufgebaut, die ersten acht Millionen Mark können überwiesen werden. Finanziert wird unter anderem die Moderation zwischen den verschiedenen Firmen und Instituten, durch Psychologen und Unternehmensberater wie die Firma Ifoc, die schon bei der Frankfurter Flughafenerweiterung zwischen den Interessen vermittelt hat. Diese Moderation müssen die Firmen allerdings künftig selbst zahlen. Vorurteile über den Osten werden bei der Diskussion enttäuscht: Die Runde aus Wissenschaftlern, Organisatoren und Firmenvertretern jammert nicht. Man hat natürlich noch viele Probleme: Wie bekommen wir die dringend gesuchten Ingenieure in den Harz?, Wie verhindern wir, dass die jungen Leute aus der Region abwandern?. Das sind nur einige der offenen Fragen. Doch die Teilnehmer verbreiten - neben Freundlichkeit beim Ministerempfang - Aufbruchstimmung. Es ist etwas erfolgreich in Gang gekommen und die Nachricht, dass BMW sich in der benachbarten Region Halle-Leipzig ansiedelt, lässt auf Aufträge hoffen.

In der Runde wird befürchtet, dass die in der deutschen Wirtschaft dominante Automobilindustrie den Anschluss an die neuesten Entwicklungen verpasst. Bald werde voraussichtlich von den Herstellern nicht mehr etwa der Zylinderkopf bei den Zulieferern bestellt werden, sondern der ganze Motor. Doch für die Elektronik fehlen den kleinen Unternehmen Partner. Wenn der bevorstehende Umbruch in der Automobilindustrie von der Mechanik zur Elektronik aber verpasst werde, "wird Deutschland international wichtige Marktanteile verlieren", bekräftigt die Ministerin. Doch für Forschungen, die einen Horizont von zehn Jahren und mehr hätten, gebe es in der Wirtschaft so gut wie keine Ansprechpartner. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) hört interessiert zu. Das Problem ist benannt, gelöst aber noch lange nicht.

Politisch umstritten ist ein anderes der besuchten Innoregio-Projekte: Die Pflanzenbiotechnologie der InnoPlanta in Gatersleben. Doch anders als die "grüne Gentechnik" bei Köln hat es hier noch keine Anschläge von Gentechnik-Gegnern auf die Versuchsfelder gegeben. In der DDR forschten hier bereits zwei Einrichtungen nebeneinander an der Pflanzenzüchtung - traditionell und gentechnisch. Nun will Innoregio beides zusammenführen. Doch mit kritischen Fragen ist die Forschungsbegeisterung der Ministerin nicht zu erschüttern: Die grüne Gentechnik habe ihre Methoden in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Vom Einfügen völlig neuer Eigenschaften beispielsweise aus Bakterien in eine Pflanze sei man abgekommen. Nun würden durch gentechnische Veränderungen vorhandene und gewünschte Eigenschaften lediglich verstärkt - "wie in der Natur, aber um Jahre schneller". Das sei akzeptabel. Es fehle aber noch an Information beim Verbraucher. Das soll ein neues Forschungsprojekt "Akzeptanz" ändern, wollen nach Umfragen in Deutschland die Verbraucher doch gentechnisch veränderte Lebensmittel lieber nicht kaufen. Dennoch ist die Lebensmittelindustrie ein bedeutender Wirtschaftsbereich mit großen Unmsatzerwartungen. Die Forschungen in Gatersleben gelten als wirtschaftlich sehr aussichtsreich. Neben den Instituten haben sich schon Firmen angesiedelt - auch mit Blick auf kommende Patente.

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