• Wissenschaftszentrum Berlin: Zwischen Stasi-Debatte und Weltpolitik-Gipfel: Das WZB ist das größte sozialwissenschaftliche Institut Europas

Gesundheit : Wissenschaftszentrum Berlin: Zwischen Stasi-Debatte und Weltpolitik-Gipfel: Das WZB ist das größte sozialwissenschaftliche Institut Europas

Tilmann Warnecke

Von außen sieht alles ganz friedlich aus. Babyblau und bonbonrosa leuchtet das Gebäude des Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) zwischen Nationalgalerie und Matthäikirche am Rande des Kulturforums hervor. Während der Mittagspause treffen sich die Mitarbeiter auf dem Rasen des Innenhofes zum Essen, der vorbeirauschende Autoverkehr am Reichpietschufer ist allenfalls gedämpft zu hören. Von der Betriebsamkeit der nur wenige Minuten entfernten Großbauten am Potsdamer Platz spürt man hier nichts.

Der Fall Rosenbrock spaltet

Doch der Schein trügt. Denn der Fall Rolf Rosenbrock erschüttert das größte sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Europas. "Durchaus gespalten" beschreibt Axel Tröster-Gröning, Betriebsratsvorsitzender des WZB, die Stimmung unter den Mitarbeitern, nachdem das Arbeitsgericht Berlin die Kündigung des vermeintlichen Stasi-Spitzels Rosenbrock erst vor kurzem für nicht rechtens erklärte und Rosenbrock jetzt auf Wiedereinstellung klagen will. Schon im Januar war die Kündigung des Leiters der Arbeitsgruppe für öffentliches Gesundheitswesen und Beraters von Gesundheitsministerin Andrea Fischer im Haus sehr umstritten. Der Betriebsrat hatte im Gegensatz zur Geschäftsführung die Beweise über eine Stasi-Spitzeltätigkeit Rosenbrocks in den 80er Jahren als nicht ausreichend erachtet und gegen die Kündigung plädiert - vergebens. Die Entscheidung des Gerichts bestätige jetzt im Nachhinein die Auffassung des Betriebsrates, meint Tröster-Gröning. Glücklich klingt er dabei allerdings nicht.

Zur Stimmung unter den Mitarbeitern des WZB möchten die Geschäftsführerin Christiane Neumann und ihr Pressesprecher Burckhard Wiebe nur wenig sagen. Viele Mitarbeiter seien "entsetzt", so Wiebe. Aber: "Gelähmt in seiner Arbeit ist das WZB durch den Fall Rosenbrock nicht."

Die Stasi-Debatte kommt für das WZB denkbar ungelegen. Denn die Stellung der Sozialwissenschaftler vom Reichpietschufer ist in der Berliner Forschungsland derzeit unumstritten. Der Wissenschaftsrat gab dem WZB bei der letzten Evaluation beste Noten, überdurchschnittlich und hervorragend wurde der Großteil der Veröffentlichungen bewertet. Die öffentlichen Zuschüsse sanken zwar innerhalb von vier Jahren um eine Million auf jetzt 23 Millionen Mark, dafür steigen die eingeworbenen Drittmittel kontinuierlich an. Thematisch sieht WZB-Präsident Friedhelm Neidhardt sein Haus ebenfalls auf dem richtigen Weg: "Die zunehmende Internationalisierung von Problemen wird unseren Kompetenzen in die Hände spielen. Wir sind für die Globalisierung gut gerüstet."

Als außeruniversitäre Forschungseinrichtung konzentrieren sich die 132 Wissenschaftler auf Vorhaben, die die Hochschulen im normalen Unibetrieb nicht leisten können: Interdisziplinäre Projekte mit langer Laufzeit und internationalen Kooperationen. "Je näher man an die gesellschaftlichen Probleme rankommt, desto mehr merkt man: Die tatsächlichen Probleme sind keine Probleme nur einer wissenschaftlichen Disziplin", gibt Neidhardt als Leitlinie für die Forschung des Wissenschaftszentrum aus. Neben Soziologen und Politologen arbeiten deshalb auch Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure und Mathematiker am WZB. Schwerpunkte sind die Bereiche Arbeitsmarkt, das Zusammenspiel zwischen Technik, Arbeit und Umwelt, der Wandel sozialer Institutionen sowie die Analyse von Marktprozessen und Unternehmensentwicklungen.

In einem der größten Projekte der letzten Jahre untersuchten WZB-Wissenschaftler die Arbeitsmarktorganisation in den einzelnen EU-Ländern. Zwölf internationale Partner halfen bei der Analyse, heraus kam eine auch international beachtete Studie, die "Übergangsmärkte" als Puffer zwischen erstem Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit vorschlug. Im Zuge der EU-Erweiterung will das WZB sich in der Zukunft verstärkt der Politik zuwenden, die über den nationalstaatlichen Rahmen hinausgeht. Denn dass es an einer gründlichen Untersuchung darüber mangelt, so Neidhardt, "merkt man an der jetzigen EU-Politik."

Mit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin ist das WZB auch wieder in den Blickpunkt der Bundespolitik gerückt, meint Neidhardt: "Der Bund operiert zunehmend internationaler. Da ist das WZB als Ratgeber gefragt." Schon glaubt Neidhardt erste Avancen von seiten der Bundesregierung zu vernehmen, die das WZB in eine Stellung ähnlich der London School of Economics bringen könnten. Deren Leiter Anthony Giddens - ebenfalls ein Soziologe - ist enger Berater des britischen Premiers Tony Blair. Prominentes Beispiel für die neue Zusammenarbeit mit der Bundesregierung: Die gerade abgelaufene Konferenz zum Regieren im 21. Jahrhundert (bei der Tony Blair bekanntermaßen trotz Chefberater Giddens wegen Babyurlaubs fehlte). Das WZB organisierte die wissenschaftliche Konferenz zum Gipfel, die den Regierungschefs wissenschaftlich fundierte Tipps für das Regieren der nächsten Jahrzehnte gab. Allerdings, schränkt Neidhardt ein, sei die Vorbereitungszeit auf die Konferenz sehr kurz gewesen. Die Rolle des WZB beim Regierungsgipfel möchte er deswegen nicht überbewertet wissen.

Elitäre GmbH-Universität?

Eine Sonderstellung nahm des Wissenschaftszentrum schon bei seiner Gründung 1969 durch fünfzehn Bonner und Berliner Parlamentarier ein. "Die GmbH-Universität für die Mandarine der Zukunft" lauteten Angriffe aus Hochschul-Kreisen, die mit dem neuen Zentrum wegen seiner Universitätsferne und für wissenschaftlichen Institute geradezu revolutionäre Organisationsform wenig anfangen konnten. Auf einer Pressekonferenz des WZB warfen entrüstete Studenten Stinkbomben und Knallkörper.

Inzwischen ist aus der GmbH ein Institut der "Blauen Liste" geworden, das zu 75 Prozent vom Bund und 25 Prozent vom Land Berlin gefördert wird. Die Berliner Hochschulen haben ebenfalls ihren Frieden mit dem Zentrum geschlossen. Acht der neun WZB-Abteilungsdirektoren sind gleichzeitig ordentliche Professoren an einer der drei großen Berliner Universitäten. Auch der Nachfolger des zum Jahresende ausscheidenden Friedhelm Neidhardt kommt aller Wahrscheinlichkeit nach aus Berlin: Das WZB-Kuratorium hat den renommierten FU-Historiker Jürgen Kocka vorgeschlagen. Der hat seinen Vertrag zwar noch nicht unterschrieben, sieht die Verhandlungen dazu aber auf einem guten Weg. Vielleicht hat sich bei seinem Amtsantritt die Stimmung unter den Mitarbeitern auch wieder der Farbe des Gebäudes angepasst, in dem sie arbeiten.

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