Gesundheit : Wittener Privatpatient

Wissenschaftsrat: Reformuni soll ihren Medizinstudiengang einstellen

Tilmann Warnecke

Der Medizin der Privatuniversität Witten-Herdecke droht das endgültige Aus. Die einzige private Medizinerausbildung in Deutschland, lange international als vorbildlich gerühmt, soll eingestellt werden, empfiehlt laut „Spiegel online“ ein Gutachten des Wissenschaftsrats. Lediglich die bereits eingeschriebenen Studenten sollen noch ihr Examen machen dürfen. Am Freitag will das Gremium ein offizielles Votum verkünden. Sollte es ähnlich drastisch ausfallen, könnte das sogar den Anfang vom Ende für die größte deutsche private Universität bedeuten. Werde die Medizin, das „Herzstück“ der Uni, geschlossen, drohe der gesamte Verlust der Hochschule, sagte jüngst Matthias Schrappe, der Dekan der Mediziner.

Bereits vor einem Jahr hatte der Wissenschaftsrat der Wittener Medizin eine katastrophale Diagnose gestellt. Eine „annähernde Gleichwertigkeit mit den staatlichen Unis“ sei nicht gegeben, urteilten die Experten. Forschung finde kaum statt, die Uni müsste dringend mehr Professoren einstellen.

Ein Schock für die Wittener. Schließlich galt die 1982 gegründete Uni lange als Avantgarde in der Lehre. Mit problemorientiertem Lernen überwanden die Wittener die Trennung von theoretischem Lernen im vorklinischen und praktischer Anwendung im klinischen Teil. Konzepte, die die staatliche Konkurrenz wie die Berliner Charité übernommen hat.

Ein Jahr gab der Wissenschaftsrat der Uni, um ihre Medizin neu aufzustellen. „Wir haben auf jeden einzelnen Kritikpunkt reagiert“, sagt Sprecher Olaf Kaltenborn. Fünf neue Professoren sollen eingestellt werden. Als neuen Forschungsschwerpunkt wollen die Wittener ein Zentrum für die Versorgungsforschung aufbauen. Dabei geht es um die Frage, wie Wissen aus hochspezialisierten Instituten in normale Arztpraxen übertragen wird. Dennoch heißt es auch in dem neuen Gutachten, „eine angemessene Wahrung der Belange von Forschung und Lehre in der Universitätsmedizin“ sei in Witten „nicht möglich“.

Die Wittener reagieren empört auf die erneute desaströse Beurteilung. „Nicht nachvollziehbar“ wäre eine Entscheidung gegen Witten, sagt Kaltenborn. „Blödsinn“ sei das Argument, Finanzierungsperspektiven seien nicht zu erkennen, wie es im Gutachten heißt. Witten arbeite vielmehr „so effizient, dass sich der Staat fragen muss, warum er bei der Medizinerausbildung so viel Geld verplempert“.

Witten beruft sich auch auf jüngste Erfolge in bundesweiten Rankings. Die angesehene Rangliste des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) sieht Witten in der Lehre weit vorne – das Urteil beruht allerdings größtenteils auf Umfragen unter Studenten. Eine ebenfalls vom CHE durchgeführte Absolventenbefragung ergab, dass sich die Wittener Mediziner mit Abstand am besten auf das Berufsleben vorbereitet fühlen. Diesen Argumenten verschließe sich der Wissenschaftsrat, wirft Kaltenborn dem Gremium vor.

Hoffnungen setzt Witten auf die nordrhein-westfälische Landesregierung. NRW könne ein negatives Urteil des Wissenschaftsrats übergehen, indem es den Antrag auf Prüfung der Uni zurückziehen, spekuliert Kaltenborn. Dann würde die Stellungnahme folgenlos in der Schublade verschwinden. Die Landesregierung wollte das nicht kommentieren. Man empfehle Witten aber, sich vor der abschließenden Diskussion im Wissenschaftsrat am Freitag mit öffentlichen Äußerungen zurückzuhalten, sagte ein Sprecher.

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