Gesundheit : Wo der Hahn abgedreht wird

Stärken, Schwächen, Streichen: Das Präsidium der Freien Universität Berlin hat die Leistungen der Fächer eingeschätzt

Anja Kühne

Die Freie Universität Berlin (FU) steht vor einer großen Selbstamputation. Die Uni-Leitung muss aufgrund der Sparvorgaben des Senats bis 2009 etwa 90 der jetzt 364 Professuren abbauen. Viele Wissenschaftler meinen, ihr Fach sei bei den Streichvorschlägen des Präsidiums zu schlecht weggekommen. Tatsächlich beruhen die geplanten Streichungen auf einer internen Stärken-Schwächen-Analyse, die das Präsidium der FU vorgenommen hat. In der kommenden Woche soll der Akademische Senat über die Vorschläge der Uni-Leitung entscheiden. Unter den Mitgliedern des Gremiums herrsche angesichts des vergeblichen Kampfes gegen die Sparauflagen des Senats „Erschöpfung und Resignation“, berichtet ein Professor. Im Folgenden fassen wir die zentralen Punkte des Gutachtens zusammen: Wie stehen die einzelnen Fächer heute da und wo spart die Uni in Zukunft?

Chemie und Physik

Die Chemie (inklusive Biochemie), die Physik, die Biologie und die Geologie führen, wie schon in einer Evaluation vor sechs Jahren, das FU-interne Drittmittel-Ranking an. Drittmittel sind ein wichtiger Indikator für die Forschungsleistung eines Faches. Trotzdem soll die Physik fünf ihrer 21 Professuren verlieren – damit ist mindestens einer der drei Sonderforschungsbereiche der Physik gefährdet. Allerdings hat das Fach nur eine geringe Auslastung mit Studierenden und hohe Abbruchquoten. Das Gleiche gilt für die Chemie, die von 22 auf 17 Professuren schrumpfen soll. Die Chemie (inkl. Biochemie) glänzt jedoch mit einem Sonderforschungsbereich, vielen Promotionen, Nachwuchsgruppen und Alexander-von-Humboldt-Wissenschaftlern.

Biologie

Viele Abbrecher hat auch die Biologie, die von 22 nur noch 16 Professuren behalten soll. Sie hat ein Graduiertenkolleg und einen Sonderforschungsbereich aufzuweisen, wird von den Studienbewerbern stark nachgefragt und steht mit an der Spitze der Drittmittelaktivitäten, an denen auch der wissenschaftliche Nachwuchs beteiligt ist.

Pharmazie

Die Pharmazie verliert etwa 36 Prozent ihres jetzigen Bestands an Professuren (von elf auf sieben Professuren). Als ihre Stärken nennt das Gutachten die hohe Absolventenquote und eine Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Schwächen: wenig Drittmittel, wenig Promotionen, eine „unterproportionale Zahl“ an Publikationen und internationalen Kontakten.

Germanistik

Der Aufsteiger des neuen internen FU-Rankings ist die Germanistik. Vor sechs Jahren war die Beurteilung des mit 40 Professuren einst riesigen Fachs niederschmetternd. Die damalige „Entwicklungs-Planungskommission“ der FU sah die Germanistik bei der Drittmitteleinwerbung unter allen Fachbereichen der FU auf dem drittletzten Platz. Der Fachbereich hatte mit die meisten Langzeitstudenten und zu viele Studienabbrecher. Und jetzt? Von 39 Fächern der FU schafft es die Deutsche und Niederländische Philologie im FU-internen Drittmittel-Ranking auf den 17. Platz. Für ein geisteswissenschaftliches Fach ist das beachtlich. Das Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung aus dem Jahre 2001 sieht die Forschung der FU-Germanistik in der deutschen Spitzengruppe, dieser Platz wird auch im aktuellen CHE-Ranking bestätigt (siehe Tagesspiegel vom 4. Dezember). Und nach dem internen FU-Ranking kann kein anderes Fach an der FU so viele internationale Kontakte wie die Germanistik vorweisen. Kritik übt das interne Gutachten jedoch an den vielen Langzeitstudenten.

Vier der jetzt 16 Professuren sollen gestrichen werden. Das Gutachten empfiehlt den Germanisten, sich in ihrem Angebot mit der Humboldt-Uni abzustimmen, besonders in der Linguistik, die dort stark ausgebaut ist.

Romanistik

Auch in der Romanistik ist der Anteil an den Langzeitstudierenden mit 17, 3 Prozent „relativ hoch“, heißt es im Gutachten. Der Magisterstudiengang Französisch verzeichne außerdem ein „erhebliches Schwundverhalten“. Der Anteil an internationalen Kontakten sei im FU-Vergleich „mittelmäßig“. Die Zahl der Absolventen ist allerdings seit dem Jahr 2000 angewachsen, die Summe der abgerechneten Drittmittel um das Dreifache gestiegen. Von jetzt 13 Professuren soll die Romanistik drei verlieren.

Anglistik

In der Anglistik haben nur etwa 15 Prozent der Professoren im Jahr 2002 Drittmittel ausgegeben. Bei den internationalen Kontakten der FU belegt die Anglistik „einen der letzten Plätze in der Leistungsbilanz der FU“, heißt es in dem Gutachten. „Besonders auffällig“ sei die geringe Anzahl der Studierenden, die ins Ausland gehen. Und nur 36 Prozent aller Anglistik-Studenten kommen zum Abschluss. Wenig Promotionen, wenig Publikationspunkte, wenig Drittmittel – die Anglistik soll eine ihrer ursprünglich vorgesehenen zehn Professuren verlieren.

Griechisch und Latein

Auch die Griechisch-Lateinischen Philologien werben Drittmittel „auf einem vergleichsweise niedrigen quantitativen Niveau“ ein, steht im Gutachten. 80 Prozent dieser Einwerbungen im Jahr 2002 wurden von nur einem Professor akquiriert. Bei den internationalen Kontakten bildet das Fach das Schlusslicht – obwohl es eine sehr hohe Zahl von Alexander-von-Humboldt-Stipendiaten aufweist, „so dass insgesamt von einer hohen internationalen Reputation ausgegangen werden kann“. Das Gutachten kritisiert die „äußerst geringe“ Zahl der Absolventen und Promotionen. Von fünf Professuren soll eine entfallen.

Philosophie

Die Philosophie soll von jetzt sechs nur noch vier Professuren behalten. Doch seien die Studienplätze nur zu etwa 56 Prozent ausgelastet, so dass die Lehre nicht übermäßig von den Kürzungen betroffen sei. 70 Prozent der jetzt noch aktiven Professoren haben im Jahr 2002 Drittmittel eingeworben. Allerdings hat das Fach den dritthöchsten Anteil an Langzeitstudenten an der FU. Während die Philosophen ihre Publikationspunkte 2000 bis 2002 um 23 Prozent steigern konnten und Gastwissenschaftler des Alexander-von-Humboldt-Programms gewinnen konnten, sei die Zahl ihrer Absolventen, Promotionen und Drittmittel gesunken. Und mit der Stellenstreichung seien bei den Publikationspunkten „überproportionale Einbußen zu befürchten“.

Theater und Film

In der Theater- und Filmwissenschaft soll es bei sechs Professuren bleiben. Mit dem Anteil der Langzeitstudierenden von fast 23 Prozent liegt das Fach in der FU-Statistik in der Spitzengruppe. Ihre Drittmittelstärke verdanken die Theaterwissenschaften vor allem ihrer Professorin Erika Fischer-Lichte, die vor einigen Jahren den ersten geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereich (SFB) der FU an Land gezogen hat und an dem zweiten geisteswissenschaftlichen SFB der Uni maßgeblich beteiligt ist.

Musik

Die Musikwissenschaft, für die ursprünglich zwei Professuren vorgesehen waren, wird eingestellt. Im FU-Fächerspektrum wirke die Musikwissenschaft „relativ isoliert“. Eine Reduktion der Professuren „würde daher zu einem kaum überlebensfähigen Fach führen“, heißt es im Gutachten.

Politik

Die Politikwissenschaften am Otto-Suhr-Institut haben schon in der internen Evaluation vor sechs Jahren gut abgeschnitten. Im neuen FU-Ranking ist das Fach sogar Spitzenreiter bei der Zahl der Publikationen. Bei den Drittmitteln belegt es hinter vier Naturwissenschaften den beachtlichen fünften Platz. Viele Studenten kommen in den Politikwissenschaften zum Abschluss, viele davon auch in einer akzeptablen Zeit. Das Otto-Suhr-Institut soll vier der ursprünglich vorgesehenen 18 Professuren verlieren.

Soziologie

Die meisten Fächer an der FU werden den Kürzungsvorschlägen des Präsidiums zufolge rund ein Viertel ihres jetzigen Professorenbestands verlieren. Überproportional betroffen ist jedoch die Soziologie, wo 44 Prozent der Professuren abgebaut werden. In der Stärken-Schwächen-Analyse wird die Soziologie für ihre überproportional große Anzahl an Abschlüssen und Promotionen gelobt, kritisiert wird die geringe Zahl von Publikationen und Drittmitteln. Außerdem gebe es das Fach auch an der Humboldt- und der Technischen Uni sowie in Potsdam.

Geschichte

Ebenfalls überproportional viele Professuren verlieren die Geschichtswissenschaften (43 Prozent). Zwar kann das Fach viele Publikationen, Promotionen und internationale Kontakte vorweisen. Doch seien zu wenig Professoren am Einwerben von Drittmitteln beteiligt. Auch hier heißt es: Es gebe große Geschichts-Schwerpunkte an den drei anderen großen Unis der Region.

Wirtschaft und Jura

In der Region gut vertreten sind auch die Wirtschafts- und die Rechtswissenschaften, was sie zu potenziellen Schließungskandidaten macht. Doch das Präsidium will, dass die FU eine Volluniversität mit möglichst breitem Fächerspektrum bleibt. Und selbst wenn diese Fächer relativ schwach im Einwerben von Drittmitteln sind, führen sie viele Absolventen in kurzer Zeit zum Abschluss, und viele Studenten wollen Jura, VWL oder BWL studieren. Beide Fächer sollen knapp ein Viertel ihrer Professuren verlieren.

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