Gesundheit : Wo Einstein dozierte: Wiedereröffnet: Das Harnack-Haus der Max-Planck-Gesellschaft

Dieter Hofmann

"Die vorhandenen Weine sind nach allgemeiner Ansicht gut und billig, die Küche ist für jede Art von Veranstaltung eingerichtet." So heißt es in einem Merkblatt über das Harnack-Haus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) aus den dreißiger Jahren, doch waren es nicht die Weine und Speisen, die das Haus damals weltberühmt machten. Vielmehr war es seine internationale und weltoffene Atmosphäre, die zudem Legenden und Mythen entstehen ließen, die bis heute lebendig geblieben sind.

Als der Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Juni 1926 beschloß, ein "Institut für ausländische Gäste" nebst Clubhaus zu begründen, da trug man mit diesem Beschluss der Tatsache Rechnung, daß die internationale Zusammenarbeit zunehmend zum Merkmal wissenschaftlicher Forschung geworden und Deutschland nach dem ersten Weltkrieg gerade in diesem Bereich in eine tiefe Isolation geraten war.

Hinzu kam, daß sich die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft seit ihrer Gründung im Jahre 1912 zu einem führenden Zentrum naturwissenschaftlicher Forschung entwickelt hatte. Zu ihrem Weltruhm trugen namentlich ihre Institute in Berlin-Dahlem, dem "deutschen Oxford", bei. Der damalige Präsident der KWG, Adolf von Harnack, schlug deshalb dem Reichsaußenminister Gustav Stresemann vor, "ausländischen Forschern durch die Einrichtung einer Gastforschungsstätte die Zusammenarbeit mit deutschen Forschern in Dahlem zu ermöglichen".

Nachdem durch die Reichsregierung, das Land Preußen und private Spender eine paritätische Finanzierung eines solchen "Auslandsinstituts" gesichert war, wurde das Haus in knapp zweijähriger Bauzeit nach Plänen des Münchener Architekten C. Sattler errichtet und am 7. Mai 1929 feierlich von Stresemann und dem amerikanischen Botschafter eingeweiht.

Zwar wurde die Institutsidee nach und nach aufgegeben, da sich die Komplementierung des Hauses durch Laborräume als zu kostspielig und angesichts der Nähe der Dahlemer Institute auch als wenig sinnvoll erwies, doch diente das Harnack-Haus vielen prominenten Gelehrten während ihres Forschungsaufenthalts in Dahlem als Herberge. Daneben wurde es der KWG zum bevorzugten Tagungsort.

Mit der Einweihung des Harnack-Hauses verlegte die KWG zudem ihre öffentlichen Abendvorträge nach Dahlem. Einer der ersten Redner dort war Albert Einstein, der im Dezember 1929 "Über das physikalische Raum- und Ätherproblem" vortrug. Doch stand nicht nur die Wissenschaft im Mittelpunkt der Aktivitäten des Harnack-Hauses. Bewusst wurde auch die Brücke zur Kunst und Kultur geschlagen, es gab Lesungen und Liederabende. Mit all diesen Aktivitäten wurde die Herausbildung einer speziellen Dahlemer "scientific community" befördert.

Man konnte dort das tägliche Mittagessen einnehmen, anschließend bei Kaffee oder Tee Zeitungen und Zeitschriften studieren oder auch nur Kollegen treffen; zudem luden mehrere Tennisplätze, ein Schwimmbad und ein schöner Garten auch sonst zum Verweilen ein: "zwischen Logarithmen und Experimenten ein Sprung ins kühle Wasser", titelte deshalb schon die "BZ am Mittag" einen Bericht über das Harnack-Haus.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde diese Idylle zunehmend beeinträchtigt. So mussten viele Wissenschaftler ihre Dahlemer Institute verlassen und emigrieren; auch wurden die im Harnack-Haus verhandelten Vortragsthemen zusehends politischer. Das Haus wurde nun auch zum bevorzugten Ort von Kameradschaftsabenden und anderen Disziplinierungsmaßnahmen der Belegschaft.

Dennoch wurde auch unter den Bedingungen von Naziherrschaft und Krieg Reste von Weltoffenheit, Kooperation und wissenschaftlicher Exzellenz gewahrt - Max Planck organisierte die Gedächtnisfeier für den im Exil verstorbenen Fritz Haber, und in den letzten Kriegsjahren wurde das Haus zum Treffpunkt der regimekritischen "Mittwochsgesellschaft".

Die Berliner Nachkriegsgeschichte erlaubte es nicht, die großen Traditionen des Harnack-Hauses fortzuführen. Auch beschlagnahmten im Juli 1945 die Amerikaner das Haus und nutzten es in den Folgejahren als Offizierskasino. Als Folge der deutschen Wiedervereinigung und des Abzugs alliierter Besatzungstruppen aus Deutschland wurde 1994 das Harnack-Haus wieder an die Max - Planck - Gesellschaft als Nachfolgerin der KWG zurückgegeben.

Nach einer Phase der Restaurierung und Rekonstruktion - die Amerikaner waren mit der Bausubstanz des Hauses wenig respektvoll umgegangen - wurde das Harnack-Haus am gestrigen Mittwoch nun feierlich wiedereröffnet. Dass man dies mit der Verleihung des Wissenschaftspreises des Stifterverbandes an den Münchner Patentschutz-Experten Joseph Strauss verband, berechtigt zur Hoffnung, daß sich das Haus in Zukunft wieder zu einer Begegnungsstätte entwickeln und die Tradition internationaler und interdisziplinärer Kooperation fortzuführen vermag.

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