Gesundheit : Würdigung: Große Geschichtsschreibung

Jürgen Kocka

Eine Hit-Liste lebender Historiker gibt es nicht. Aber ohne Hans-Ulrich Wehler sähe die deutsche Geschichtswissenschaft sehr viel anders aus. Das Fach hat sich im letzten halben Jahrhundert gravierend gewandelt. Keiner hat dazu mehr beigetragen als Wehler. Wehler ist immer kontrovers, sperrig und kantig gewesen. Er hat seine Feinde. Viele aber würden ihn, unter den lebenden deutschen Historikern der neueren und neuesten Zeit, an erster Stelle nennen. Hans-Ulrich Wehler wird heute 70 Jahre alt.

Zwei große Veränderungsschübe lassen sich unterscheiden, wenn man auf die Entwicklung der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten blickt. Da war, vor allem in den sechziger und siebziger Jahren, die Öffnung hin zur Gesellschaft, die Hinwendung zu analytischen Methoden und Theorien, der Aufstieg der Sozialgeschichte, die Neubestimmung der Geschichtswissenschaft als einer kritischen, aufklärerischen Disziplin, in enger Verbindung zu den Sozialwissenschaften und mit Kritik an der eigenen Tradition, dem Historismus. In den achtziger und neunziger Jahren folgte, was manche skeptisch als "kulturalistische Wende", andere als kulturwissenschaftliche Öffnung beschreiben: Die Innenseite der historischen Entwicklungen wurde von der Alltagsgeschichte thematisiert. Mikrogeschichte bekam Konjunktur. Die historische Darstellung wurde wieder narrativer. Die Kulturgeschichte stieg auf. Postmoderne Einflüsse machten sich geltend.

Wehler hat den ersten Veränderungsschub in Deutschland entscheidend gefördert. Sein Name steht für das Programm einer als Historische Sozialwissenschaft verstandenen Geschichte. Wehler hat sich mit dem zweiten Veränderungsschub kräftig auseinandergesetzt, ihn teils kritisch, teils unterstützend beeinflusst, immer in vorderster Linie, mit unverwechselbaren Beiträgen. Wehler liegt postmoderne Beliebigkeit fern.

Bei Theodor Schieder in Köln studierten in den fünfziger Jahren einige der tüchtigsten Historiker der nächsten Generation, darunter Wehler. In der Auseinandersetzung um Schieders jüngst aufgedecktes nationalsozialistisches Engagement vor 1945 hat Wehler dem Lehrer bei aller Kritik gerecht zu werden versucht. Entscheidend wurden dann, das galt ja für viele dieser Generation, das Studium in den USA, die Begegnung mit dem Land und seiner offeneren Kultur, die Prägung durch dort arbeitende Gelehrte, darunter Emigranten aus Deutschland wie Hans Rosenberg, der für die in Deutschland neu entstehende Sozialgeschichte zu einer Leitfigur wurde. Wehler forschte über amerikanischen Imperialismus, doch er habilitierte sich mit "Bismarck und der Imperialismus" - einem bedeutenden, hoch kontroversen Buch, das die Expansion des Reichs vor allem aus seinen inneren Gegensätzen erklärte. Damit bereitete Wehler seine kritische Interpretation des Kaiserreichs von 1973 vor, die dessen innere Bruchlinien betonte, ebenso wie seine politische Rückständigkeit bei wirtschaftlicher Modernität, seine Abwendung vom Westen, seine Flucht in den Krieg und seinen vorbereitenden Beitrag zum späteren Sieg des Nationalsozialismus. Das Buch, sehr im Geist der sechziger und siebziger Jahre, hat eine Generation von Historikern beeinflusst. Vieles davon ist Allgemeingut geworden. Anderes wurde revidiert, und Wehler wirkte daran kräftig mit.

Seit 1971 lehrte er in Bielefeld. Dass dort ein einflussreicher Schwerpunkt der Sozialgeschichte entstand, war zum erheblichen Teil ihm zu verdanken. Ob es eine "Bielefelder Schule" gab, bleibt umstritten. Wenn es sie gab, war Wehler ihr Kopf.

Seit 1987 erscheint Wehlers monumentale "Deutsche Gesellschaftsgeschichte", eine analytisch gebändigte, empirisch dichte, gelehrte Zusammenschau deutscher Geschichte seit dem 18. Jahrhundert. Es gehört zu den gewichtigsten, informiertesten, umfangreichsten und anspruchsvollsten Synthesen der neueren Geschichte eines Landes aus der Hand eines einzelnen Historikers: zweifellos große Geschichtsschreibung, ein Lebenswerk.

Wehler gehört zur Generation der "Flakhelfer", die durch lebensgeschichtliche Nähe zur "deutschen Katastrophe" der Jahre 1933-45 tief geprägt wurde, ohne schon dafür persönlich mitverantwortlich zu sein. Er gehört zu den wenigen Historikern im Rang eines öffentlichen Intellektuellen. Sein Stil ist entschieden und streitbar, bisweilen schroff. Selbstrevision ist ihm nicht fremd.

Wer die Geschichte der Bundesrepublik und ihrer Intellektuellen erforscht, kommt an Wehler nicht vorbei. Doch sein Bild in der Geschichte ist noch keineswegs klar. Denn das Werk ist noch nicht abgeschlossen. Der vierte Band der "Gesellschaftsgeschichte" wird bis 1990 reichen. Er ist noch in Arbeit.

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