Gesundheit : Zahnimplantate: Operation "Beißer"

Paul Janositz

Wie Dübel sehen Implantate aus, die im Kieferknochen verankert werden. Die "künstlichen Wurzeln" sollen den Aufbau festhalten, auf den eine Krone kommt. Dann prangen schöne neue Zähne, wo vorher hässliche Lücken waren. Das Prinzip ist einfach, die Ausführung schwierig. Denn anders als bei steinernen Wänden handelt es sich bei Knochen um lebendes Material. Das Implantat muss bioverträglich sein. Dass Titan diese Eigenschaft besitzt, entdeckte der Schwede Per-Ingvar Branemark in den 60er Jahren per Zufall bei Untersuchungen an Kaninchen. Die verwendeten Titanstifte ließen sich nicht mehr entfernen, sie waren vollständig in die Knochen eingewachsen.

"Titan hat sich als Werkstoff in der Zahn-Implantologie durchgesetzt", sagt Wilfried Wagner, Professor für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Heute gehe es um die optimale Art der Oberfläche. Die Implantate sind meist mit einer Plasma-Schicht überzogen, wobei das Plasma durch Besprühen mit atomarem Titan gewonnen wird. Diskutiert werden Wagner zufolge auch Beschichtungen mit Apatit, einer keramischen Substanz, die dem Knochenmineral ähnelt. Dadurch erhofft man sich kürzere Einheilzeiten und schnellere Belastbarkeit des Implantates. Als weiteren Schwerpunkt der Forschung nennt der Präsident der deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde die Wiederherstellung von Kieferknochen, wobei Mischungen aus knochenähnlichen Materialen und wachstumsstimulierenden Substanzen erprobt werden.

Die Anstrengungen könnten sich auszahlen, gilt doch das Implantat-Geschäft als "enormer Wachstumsmarkt", so Thomas Hölper, Geschäftsführer der Firma "Altatec-Biotechnologies" im schwäbischen Wurmberg. 1998 seien in Deutschland etwa 250 000 Implantate eingesetzt worden, die jährliche Steigerungsrate betrage fünf Prozent. Besonders rosig erscheinen die Aussichten für die Hersteller, wenn man die Zahl potenzieller Patienten betrachtet.

Laut Statistik der Kassenzahnärztlichen Vereinigung gibt es hierzulande etwa fünf Millionen zahnlose Unterkiefer. "Hochgerechnet auf nur zwei Implantate pro Kiefer ergibt das zehn Millionen Einsätze, die ein Umsatzvolumen von etwa achteinhalb Milliarden Mark bedeuten", erklärt Hölper. Der Markt sei heiß umkämpft, allein in Deutschland gebe es 60 Anbieter.

Die schwäbische Firma rechnet sich mit ihrem "Camlog"-System gute Chancen aus. Es geht auf Patente des Zahnarztes Axel Kirsch aus Filderstadt zurück. In 25-jähriger Praxis hat der Implantologe mit seinem Team mehr als 12 000 Implantate eingepflanzt. Das Herzstück der Konstruktion ist eine stabile Aufbauverbindung zwischen Implantat und Aufbau, die nach dem Rohr-in-Rohr-Prinzip funktioniert. Im oberen Teil befinden sich drei Nuten, die in drei Nocken (so genannte Cams) eingreifen. "Dadurch kann das System nicht rotieren", sagt Rainer Nagel aus Kirschs Team. Keine der Verbindungen habe sich in den vier Jahren der Testphase gelockert. Wegen des röhrenförmigen Prinzips könne das Implantat einfach und schnell eingesetzt werden.

Zufrieden mit dem Camlog-System zeigt sich auch Volker Strunz, der in seiner Berliner Implantologie-Praxis bisher mehr als 50 Stück einsetzte. Keine Implantate könnten nach seiner Meinung Patienten bekommen, die an schweren Stoffwechselerkrankungen wie beispielsweise Diabetes oder an Osteoporose leiden. "Wenn der Diabetes gut eingestellt ist, geht es", sagt dagegen Nagel. Auch fehlende Knochenmasse sei kein Problem, da sie aus körpereigenem Material aufgebaut werden könne. Bei starken Rauchern sei allerdings die Wundheilung beeinträchtigt. Dadurch steige das Risiko erheblich, dass die Implantate nicht einwachsen.

Manchmal gibt es keine Erklärungen, warum ein Implantat abgestoßen wird, sagt Strunz. Allerdings komme dies selten vor. Dann könne an derselben Stelle ein neuer Versuch gestartet werden. Ilse L. wäre damit nicht einverstanden. "Ich würde mir nie wieder ein Implantat machen lassen", sagt die 60-Jährige. Fast eineinhalb Jahre dauert die Leidenszeit der Berlinerin, nachdem ihr im Oberkiefer zwei Implantate eingepflanzt worden waren. Erst verheilte die Wunde nicht, dann lockerte sich eine Schraube, dann bekam sie starke Schmerzen. Erst spät stellte sich heraus, dass der Knochen entzündet war. Auch eine Laserbehandlung brachte keine Linderung. Schließlich ließ sie sich ein Implantat entfernen. Gute Erfahrungen machte dagegen Suse W.. Die Mittfünfzigerin hat seit neun Jahren vier Implantate im Unterkiefer. Dass ab und zu die Schrauben nachgezogen werden müssen, hängt mit der damaligen Konstruktion zusammen.

Die meisten Implantate halten problemlos mehr als zehn Jahre, stellte der Fachverband deutscher Zahn-Implantologen fest. Der entscheidende Faktor sei die Mundhygiene, vor allem gründliche Reinigung mit Zahnbürste und -seide. Die Anstrengung dürfte sich lohnen, kostet die Einpflanzung der "künstlichen Zähne" doch einige Tausender. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen normalerweise nicht - Ausnahmen sind Zahnverlust wegen Unfällen, Missbildung oder Krankheit. Private Versicherungen erstatten einen Teil der Kosten, wenn dies nicht extra ausgeschlossen ist.

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