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Die ältesten Monumente der Menschheit: Eine Karlsruher Ausstellung führt zu den Ursprüngen der Kultur

Michael Zick

Gleich als Erstes tritt man in den mythischen Zirkel ein. Drei Meter hohe T-förmige Stelen schaffen einen Ort mit geheimnisvoller Aura. Ein zähnefletschender Fuchs – als Relief auf einer der Säulen – springt den Besucher an. Der nächste Steinmonolith ragt schräg aus dem Boden, als wolle er stürzen. Schatten spielt mit Licht, der Ausgang ist nicht gleich zu sehen, der Mensch wird klein.

Das Entree der optisch ansprechenden Ausstellung über „Die ältesten Monumente der Menschheit“ gleicht einem Initiationsritus für Heute-Menschen vor ihrer Reise in eine dunkle Vergangenheit – unsere Vergangenheit, die vor 12 000 Jahren in Anatolien begann. Das Badische Landesmuseum im Karlsruher Schloss weist den Weg.

Was damals startete, prägt die Welt bis heute – die sogenannte Neolithische Revolution. Die war zwar kein abrupter und gewaltsamer Umsturz, sondern eine Jahrtausende währende Entwicklung. Tatsächlich aber revolutionierte sie das Menschsein. Aus dem Jäger und Sammler wurde der Bauer und Viehzüchter. 99 Prozent ihrer bisherigen Zeit, das muss man sich immer wieder vor Augen halten, hat die Gattung Mensch in der Steinzeit verbracht. In dieser Ära wurden die Grundlagen für alle entscheidenden Kulturtechniken gelegt. Danach, so könnte man überspitzt formulieren, ist nur noch optimiert worden: die Schrift, das Rad, der Handel, der Krieg, die Bürokratie.

Dennoch ist uns diese Menschheitsepoche so fremd und fern, als ob sie auf einem anderen Stern spielen würde. Allerdings wurde bislang nicht allzu viel getan, um sie uns anschaulich zu machen. Hünengräber im Wald und Steinäxte in den Museumsvitrinen reichen nicht, um gelangweiltes Schülergähnen zu unterdrücken.

Hier bietet die jetzt eröffnete Karlsruher Steinzeitschau hervorragendes Anschauungsmaterial: Esslöffel gab es schon vor 8500 Jahren. Viereckige Wohnbauten wurden in jener Zeit erfunden. Ein anrührendes Pärchen, 17 Zentimeter groß aus Marmor geschnitzt, zeugt von engen zwischenmenschlichen Neigungen. Die Töpfe aus gebranntem Ton, die älteste technologische Innovation der Menschheit, veränderte die Speisekarte. Nun konnte man über dem offenen Feuer kochen und bislang ungenießbares Wildgetreide nutzen. Ein mit Gips übermodellierter Schädel kündet von Religiosität und einem komplexen Ahnenkult.

Die ausladenden Weiblichkeiten – gern, jedoch falsch als Matriarchatsbeweis genutzt – fehlen in der Ausstellung nicht. Neben Funden aus dem zur „ersten Stadt“ ernannten Catal Hüyük, das bei Besuchen in Zentralanatolien jedoch immer wieder enttäuscht, beleben auch Kleinodien aus anderen archäologischen Stätten die steinzeitliche Szenerie. Vor allem die Funde aus dem vom Euphratstausee verschluckten Nevali Cori in Südostanatolien mit einem vielleicht ersten Götterbild und massiven steinernen Mensch-Vogel-Wesen belegen: Die Steinzeitmenschen sind uns gar nicht so fern.

Der Star der Ausstellung aber ist der Göbekli Tepe, jener Berg in Kurdistan, auf dem Jäger und Sammler den ersten Tempel der Welt errichteten – vor 11 500 Jahren. Das hatte die Wissenschaft den „primitiven“ Wildbeutern hart an der Grenze zur Altsteinzeit nicht zugetraut: eine gigantische Kultanlage mit Räumen von 20 Metern Durchmesser, Pfeilern mit drei, fünf und sieben Metern Höhe, verziert mit einer ganzen Menagerie an realistisch reliefiertem Getier. Die Leute vom Göbekli hatten keine Häuser, sie konnten noch nicht einmal kochen, sie kannten keine tönernen Töpfe, sie lebten von der Hand in den Mund.

Und diese Leute bauten in einer gewaltigen Gemeinschaftsaktion ihren Göttern (oder Toten) ein Haus der Superlative. Das setzte neben einem tiefen religiösen Denken eine bereits strukturierte Gesellschaft voraus, in der einer den Takt angab. Und es erforderte eine neue Nahrungslogistik, denn die geschätzten 500 Mann auf der Kultbaustelle konnte man nicht mehr über Monate mit Beeren und Bären ernähren.

Der Ausgräber, Klaus Schmidt von der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin, meint, dass am Göbekli Tepe zum ersten Mal Wildgetreide gezielt für die Ernährung eingesetzt wurde; der erste Schritt in Richtung Ackerbau und Viehzucht. Damit wäre eine Idee der Auslöser für Sesshaftigkeit und Großarchitektur gewesen. Erst kam das Bewusstsein und dann das Sein.

Darüber hinaus fand Schmidt auf seinen inzwischen 44 ausgegrabenen Stelen – von denen zwei als millimetergenaue, in Kunststoff nachgefräste Repliken im magischen Kreis des Ausstellungseingangs in Karlsruhe stehen – immer wiederkehrende, teilweise zu Serien gekoppelte Piktogramme und Minitier-Symbole. Die sieht er als „neolithische Hieroglyphen“. Keine Schrift also, aber ein Notationssystem, mit dem Nachrichten „haltbar“ gemacht und überliefert werden konnten. Und bei seiner letztjährigen Kampagne hat der Prähistoriker einen Pfeiler mit einem ganzen Comic freigelegt: Ein kopfloser Mensch und ein langhalsiger Vogel, überragt von einem gewaltigen Skorpion, bevölkern die untere Etage. Die obere ist belegt mit drei Henkeltäschchen, Minitieren, einer Schlange, einem Stelzvogel, einem Küken, einer Sonnenscheibe und einem flügelschlagenden, alles dominierenden Geier – der hat eindeutig das Sagen. Für uns ein Rätsel, für die Steinzeitler eine Offenbarung?

Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Schloss, bis 17. Juni. Informationen unter Telefon 0721/926-2828 und www.monumente2007.de. Katalog: Die ältesten Monumente der Menschheit. Vor 12 000 Jahren in Anatolien. Theiss Verlag; 400 Seiten mit rund 600 farbigen Abbildungen. Subskriptionspreis bis zum 31. 12.: 29,90 Euro.

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