Gesundheit : Zielstrebigkeit e.V. Rettung für das Studentendorf Schlachtensee in Sicht

Wie Studenten sich auf den Einstieg in den Beruf vorbereiten Flierl und Strieder haben sich geeinigt, an eine Genossenschaft zu verkaufen – doch was sagt Sarrazin?

Franziska Garbe

Bunte Flugblätter, wegweisende Kreidepfeile auf U-Bahnsteigen, flammende Reden in Einführungsveranstaltungen – Studenteninitiativen haben es nicht leicht, Studierende für Ideen zu begeistern und zu unbezahlter Mitarbeit zu motivieren.

Die Initiative „The Entrepreneurial Group“, kurz: TEG, die 1986 von vier Studenten in München gegründet wurde und mittlerweile auch in Berlin und Dresden vertreten ist, will mehr bieten als andere Hochschulgruppen. Das behaupten zumindest die Vereinsmitglieder. „Schon unser Name drückt aus, worum es uns geht: Um unternehmerisches Handeln und Eigeninitiative, die über den Hochschulbetrieb hinausgeht“, referiert Jens Kammel aus der Info-Broschüre des Vereins und zählt eine beeindruckende Reihe bedeutender Unternehmen auf, die den Verein als Kuratoren finanziell unterstützen, darunter etwa BMW oder die Hypo Vereinsbank.

„Gekonnt kontern“

Jens, der bei TEG schon zum „harten Kern“ gehört, macht ein Gesicht, als bedürfe es jetzt keiner weiteren Erklärungen mehr. Der angehende Wirtschaftsingenieur wirkt in seinem ordentlichen Hemd und mit der Aktentasche in der Hand, getreu dem Vereinsnamen, bereits sehr unternehmerisch und ist es anscheinend auch: In den vergangenen Monaten hat er unter anderem eine Besichtigung der Zigarettenfabrik „Philip Morris“ sowie einen Workshop zum Thema „Schlagfertigkeit: Gekonnt kontern“ organisiert. Die Möglichkeit, Veranstaltungen selbstständig durchzuführen, sei für ihn der Hauptgrund, sich bei TEG zu engagieren, sagt er.

Der Verein, in dem bundesweit etwa 50 Mitglieder aktiv sind, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Studenten verschiedenster Fachrichtungen dazu zu bewegen, eigene Projekte auf die Beine zu stellen. Das können Workshops, Vorträge, Besichtigungen oder Gesprächsrunden sein. Die Themen bleiben dabei ganz den jeweiligen Organisatoren überlassen. An den Veranstaltungen interessierte Kommilitonen können sich in einen E-Mail-Verteiler aufnehmen lassen und werden über bevorstehende Unternehmungen informiert. Die Teilnahme ist meist kostenlos und man braucht dafür noch nicht einmal zahlendes TEG-Mitglied zu sein. Natürlich hoffe man aber immer, auf diesem Wege neue Leute für den Verein begeistern zu können, gibt Jens Kammel zu.

Nicht nur ideelle Gründe

Im Fall von Imke Tyrolph ist die Rekrutierung gelungen. „Ich habe an vielen Veranstaltungen teilgenommen und hatte dann irgendwann das Gefühl, dem Verein etwas zurückgeben zu müssen“, sagt die 24-jährige ehemalige BWL-Studentin. So organisierte sie unlängst eine Führung durch die Berliner Staatsoper – eine willkommene Abwechslung im TEG-Veranstaltungskalender, der bisher doch eher von wirtschaftswissenschaftlichen Themen wie „Innovative Unternehmensgründung“ oder „Effektive Präsentationstechniken“ dominiert wird. Denn der Verein zieht vor allem zielstrebige BWL-Studenten mit Ambitionen auf die Vorstandsetagen dieser Welt an. Jens Kammel spricht offen darüber, dass sein Engagement bei TEG nicht nur ideelle Gründe hat: „Aktive Mitarbeit in einer Studenteninitiative ist bei einer Bewerbung immer ein Pluspunkt im Lebenslauf“, meint er.

Mehr zum Thema im Internet: www.teg-ev.de . Unter dieser Adresse können sich interessierte Studenten auch zur nächsten Veranstaltung von TEG anmelden, einer Besichtigung des Tagesspiegel am heutigen Dienstagabend

Die Weichen für die Zukunft des Studentendorfs Schlachtensee in Berlin sind gestellt. Die Senatoren Thomas Flierl (Wissenschaft/PDS) und Peter Strieder (Stadtentwicklung/SPD) haben sich jetzt darauf verständigt, das entsprechende Grundstück in Zehlendorf an eine Bietergemeinschaft zu verkaufen. Das ist an die Auflage gebunden, die Wohnanlage als Baudenkmal zu sanieren und fürs studentische Wohnen zu erhalten. Damit ist die Lösung eines jahrelangen Konflikts in Sicht. Die abschließende Zustimmung für diese Lösung im Senat inklusive Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) steht allerdings noch aus.

„Sektkorken haben hier zwar nicht geknallt“, kommentierte Jörg Müller, Aufsichtsratsmitglied der Genossenschaft, das Ergebnis. „Aber wir können mit dem Ergebnis leben – wenn auch mit Zähneknirschen.“ Was da knirscht, ist der Kaufpreis im zweistelligen Millionenbereich, wie Müller einräumt. Den wollen sich die Studenten stunden lassen – bis Ende 2003. Bis dahin sollen der Kaufpreis und ein Teil der Sanierungskosten über den Verkauf von Genossenschaftsanteilen aufgebracht werden.

Ziel 5000 Genossen

5113 Euro seien der Mindestbetrag, um dafür öffentliche Förderung zu bekommen. „Wir wollen rund 5000 Genossen werben, um auch zu den Sanierungskosten beitragen zu können“, sagt Müller. Die Werbeaktion läuft. Info-Material sei vorbereitet und könne abgerufen werden. Die Sanierungskosten werden unterdessen immer höher, je länger die Gebäude ungenutzt stehen. Vier Jahre lang verwittern sie auf diese Weise schon vor sich hin.

Der ursprünglich vom Senat veranschlagte Kaufpreis von 12 Millionen Euro gilt daher nicht mehr als realistisch. Auch ist eine sofortige Vermietung angesichts der Schäden kaum möglich. Für die Sanierung soll ein in Berlin bisher ungenutztes Instrument, die „BSI-Mittel“, genutzt werden. Wenn für das Vorhaben arbeitslose Bauarbeiter beschäftigt werden, können die Mittel daraus um 25 Prozent aufgestockt werden.

Nachdem die Bauschäden durch den Leerstand wenigstens teilweise beseitigt sein werden, sollen umgehend die früher 1000 Wohnheimplätze wieder vermietet werden, so Müller. Besonders ausländische Studenten sollen hier einen Platz finden können.

Das Studentendorf Schlachtensee hat enge Bindungen an die Gründungsgeschichte der Freien Universität und soll auch aus diesen Gründen in der bestehenden Form erhalten werden. Dafür gilt die studentische Bietergemeinschaft als Garant. Sie war aus der Besetzung des Studentendorfs hervorgegangen, die damals einen Abriss des Baudenkmals verhindert hatte, und ist jetzt als einziger Bieter im Verfahren verblieben. „Vielleicht knallen statt der Sekt- ja noch Champagner-Korken“, freut sich Jörg Müller. Der Vertreter des ehemaligen Bieterkonkurrenten Real-Projekt, Willo Göpel, habe damals im Abgeordnetenhaus eine Kiste Champagner darauf gewettet, dass in Schlachtensee nicht saniert wird. Diese Kiste wollen die Genossen jetzt einfordern. Bärbel Schubert

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