Gesundheit : Zum 65. Geburtstag des Orientalisten Walter Beltz

Stefan Heym

Als ich das Buch Samuel las, die Geschichte des Königs David nämlich, stellte ich nach ein paar Seiten schon fest, dass da mehreres nicht stimmen wollte. Wie, zum Beispiel, war der Hirtenjunge David, der Sohn des Jesse, an den Hof des Königs Saul gekommen - als Sänger anrührender Lieder, als Musiktherapeut also für den seelisch kranken König, oder als Sieger in der Schlacht, mit seiner Schleuder, über den Vorkämpfer der Philister, den Riesen Goliath? Beides zugleich, oder auch nacheinander, war unmöglich; aber welche Version war die historisch wahre, und wieso kam es überhaupt zu mehreren einander widersprechenden Fassungen des gleichen Handlungselements in ein und demselben kurzen Bibelabschnitt; und gab es solche Widersprüche nicht auch anderswo in den heiligen Texten, und wer konnte sie mir erklären?

Ein Anruf bei Peter Hacks, mit dem ich damals befreundet war, erbrachte die Auskunft: Geh zu dem Dr. Walter Beltz; wenn überhaupt einer, dann weiß der Bescheid über das Innenleben der Bibel und über Gott und dessen Schöpfung. Und in der Tat, als ich Beltz dann begegnete und ihn dozieren hörte mit seiner scharf geprägten und doch angenehmen Stimme, wusste ich, hier war, obwohl Theologe von Fach, einer jener in unserer Zeit so seltenen Universalgelehrten, rundum kenntnisreich, offen allen Fragen, und fähig, nach deren Antworten zu forschen: der ideale Berater also für einen Autor meiner Art.

Und weil er denn ein so guter All-round-man mit einem so klaren und offenen Geist war, durfte er an der Universität Halle in der DDR von damals keineswegs Professor werden, obwohl er als solcher wirkte und Herausgeber der dortigen "Beiträge zur Orientwissenschaft" war, sondern galt offiziell nur als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, und selbst heute, nach der Vereinigung, hat er dort noch keine voll gültige Professur inne - da seien die Wessis vor - sondern gilt nur als "Außerplanmäßiger".

Beltz also bestätigte meine Vermutungen, dass die biblischen Widersprüche aus den verschiedenen Sagas stammten, welche zu ihrer Zeit von verschiedenen Redaktionen zusammengebaut worden waren, und zwar nicht immer schlüssig, um eine und einzig gültige Fassung der jeweiligen Bibel-Story herzustellen - woraus sich für mich die zentrale Handlungslinie des Romans "Der König David Bericht" ergab mit ihrer Zentralfigur, dem Redaktor Ethan ben Hoshajah, der sich von Fall zu Fall zu entscheiden hatte, und zwar unter Lebensgefahr, zwischen der historischen Wahrheit und den Wünschen des Königs.

Schon dafür meinen Dank dem nunmehr 65jährigen, von dem noch viele wichtige Beiträge für die Wissenschaft - nicht nur die theologische - wie für die Literatur zu erwarten sind. Und ebenso klug hat er mich beraten beim "Ahasver" - ohne seine freundliche Hilfe hätte ich mich kaum an die Begegnung zwischen dem Sohn Gottes und dem Ewigen Juden heran getraut noch an die Apokalypse oder die Geschichte der Engel, der gefallenen wie der besser situierten, oder an das Seelenleben des Martin Luther und dessen Schülers und Nachahmers Eitzen. Und wohl erinnere ich mich an unsere gemeinsame Forschungsreise in die Republik Schwarzenberg im Erzgebirge, wo sie, 1945, leider für ein paar Wochen nur, einen unabhängigen deutschen Sozialismus ausprobierten, und wo Beltz und ich des Nachts über einer Flasche zusammen saßen, um die Verfassung dieser Republik auszuarbeiten, welche der späteren DDR wie auch der vereinten Bundesrepublik sehr wohl als Vorbild hätte dienen können.

Lieber Beltz - noch viel Spass im Leben! Ihr Stefan Heym

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