Gesundheit : „Zum Lesen muss verlockt werden“

Stimmt das eigentlich: dass Kinder sich heute weniger für Bücher interessieren? Otfried Preußler meint: nein

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Herr Professor Preußler: Alle klagen darüber, dass Kinder und Jugendliche zu wenig lesen. Was denken Sie, woran das liegen könnte?

Ich habe den Eindruck, dass es Modethemen gibt, auf die man sich dann bar jeglicher Kenntnis der Tatsachen stürzt. Zu diesen Modethemen gehört momentan alles, was im Zusammenhang mit dieser PisaStudie unters Volk gekommen ist. Plötzlich sollen sich Kinder anders verhalten als sonst. Ich weiß, wie solche Umfragen zustande kommen: Man nimmt ein paar Kinder und befragt sie. Ich weigere mich, die Ergebnisse solcher Umfragen anzuerkennen.

Die Pisa-Studie stützt sich doch auf bundesweite Umfragen und nimmt vor allem auch einen Ländervergleich vor. Dazu ist man in die Schulen gegangen . . .

Schon das ist kein neutraler Ort. Außerdem liegt den Fragen oft die Perspektive auf das Ergebnis zu Grunde. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich das Leseverhalten von Kindern so grundsätzlich geändert hat. Das entspricht überhaupt nicht meinen Erfahrungen – und ich habe immer noch viel mit Kindern zu tun. Allerdings kann das durchaus auf Kinder zutreffen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen. Die müsste man gesondert betrachten.

Sie sehen nicht das Problem, dass sich durch einen vermehrten Fernseh- und Computerkonsum das Leseverhalten geändert hat?

Seit wann gibt es denn das Fernsehen? Doch nicht erst in letzter oder vorletzter Zeit. Sicherlich kommen heute noch die Möglichkeiten des Internet dazu. Natürlich sind Kinder von diesem Angebot fasziniert, und natürlich machen sie Gebrauch davon. Hin und wieder wird es auch zu Missbrauch kommen. Aber aufs Ganze gesehen ist das bestimmt nicht so dramatisch .

Sie sehen die Bedürfnisse von Kindern eher durch Bücher erfüllt?

Nicht eher, aber noch immer: Es war schon zu meiner Kinderzeit, das heißt also vor gut siebzig Jahren so, dass es Kinder gegeben hat, die gern und dann auch viel gelesen haben. Und es gab immer schon einige, die das nicht wollten. Die haben Bücher nicht gebraucht oder sind weggerutscht zu den billigen Heftchen. Daraus eine aktuelle Gefährdung abzuleiten, halte ich für unzulässig.

Glauben Sie nicht, dass es notwendig ist, Kinder an Bücher heranzuführen?

Natürlich, immer – wenn es gut geschieht, wenn man die Kinder zum Lesen verlockt. Aber nicht wenn das mit dem pädagogischen Zeigefinger oder dem propagandistischen Holzhammer geschieht.

Sie haben lange Jahre als Lehrer und Rektor gearbeitet . . .

. . . als Schulmeister . . .

Gut, was können Schulmeister in der Schule tun, um Kinder, die von zu Hause keine Leseförderung erfahren, an Bücher heranzuführen?

Schulmeister haben viele Möglichkeiten, ihre Schüler für die verschiedensten Dinge zu begeistern. Ich hatte einen Kollegen, der war begeisterter Imker. Und siehe da, seine Schulkinder waren Experten in der Bienenkunde, theoretisch und praktisch. Wenn ein Schulmeister mit Literatur lebt, dann wird er das seinen Schulkindern vermitteln können, auf unterschiedlichste Weise. Wir hatten damals eine kleine Klassenbücherei, deren Bücher haben die Kinder nicht nur gelesen, sondern auch ihren Mitschülern davon erzählt . Und einmal in der Woche haben sie Bücher von zu Hause vorgestellt. Es ist ungeheuer wichtig, dass man den Kindern zeigt, was Bücher alles vermögen.

Können Vorlesewettbewerbe und Lesungen so etwas nicht stützen?

Vorlesewettbewerbe betrachte ich mit einer gewissen Skepsis. Wir hatten einmal einen Bundessieger eines Vorlesewettbewerbes eine Woche in unserem Hause. Das war ein lieber Bursche. Aber der war von seiner Lehrerin auf die Texte für den Wettbewerb gedrillt worden, im Grunde genommen hat er überhaupt nicht gelesen. Diese ganzen großen öffentlichen Veranstaltungen haben alle ihre Grenzen. Die Arbeit für das Buch vollzieht sich in der Intimsphäre, im persönlichen Gespräch und in der Wirkung des Vorbilds: Lesen, Lesefreude und Literaturinteresse als Prinzip lassen sich auch heute noch im Unterricht verwirklichen. Es muss nicht nach Empfehlungslisten gehen. Viel interessanter sind Listen, welche die Kinder selbst erarbeiten.

Von einem festgelegten Kanon, was Kinder und Jugendliche lesen sollen, würden Sie also abraten?

Das kommt darauf an, wer diesen Kanon erstellt. Ich habe gerade die „Minna von Barnhelm“ noch einmal gelesen und in meinem Bekanntenkreis festgestellt, dass die jungen Leute dieses herrliche Stück Literatur nicht mehr kennen. Da fände ich einen Kanon schon sinnvoll. Der Kanon müsste aber für die Schulen aufgestellt werden, nicht für die Kinder. Erst müssen die Lehrer diese Texte mal wieder lesen, dann können sie sie auch den Schülern nahe bringen. Aber das ist eine Sache, die lange vorbereitet werden muss.

Müsste nicht der erste Schritt zum Buch im Elternhaus erfolgen?

Ja sicher, aber nun muss man sich die Elternhäuser mal ansehen. Viele haben keine Bücher, da lesen auch die Eltern nicht. Aber natürlich muss man da ansetzen. Und so sollte man mindestens einen Elternabend im Jahr nur dem Thema Literatur widmen und mit den Eltern sprechen, um einen Plan zu machen, was die Kinder lesen sollen und wie man ihnen das nahe bringt. Und man muss den Eltern klar machen, wie wichtig es ist, dass sie mitlesen und die Kinder mit ihrer Lektüre nicht allein gelassen werden.

Wie bekommt man das Buch noch ans Kind?

Man kann ganz praktische Dinge tun, dafür sorgen, dass in den Klassen Literatur vorhanden ist und zwar in Klassensätzen. So dass die Kinder schon früh lernen, gemeinsam ein Buch zu lesen. Und wenn die Schulen das Geld nicht haben, dann sollte es möglich sein, die Eltern davon zu überzeugen, allen den Kindern das gleiche Buch für die Schule zu kaufen. In Härtefällen wird man sicherlich auch Lösungen finden. Aber das sind halt Prozesse, die mühsam umzusetzen sind.

Das Gespräch führte Simone Leinkauf. Die Autorin hat gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht: „Leseratte, Bücherwurm & Co – Wie Kinder ans Lesen herangeführt werden, mit geprüften Leseempfehlungen“, erschienen im Beustverlag, 256 Seiten, 17,90 Euro.

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