Gesundheit : Zurück nach Minsk?

Die Studenten, denen Unis in Berlin und Frankfurt (Oder) Exil gewähren, gehen in eine unsichere Zukunft

Jan-Oliver Schütz

Der Füller in Maschas Händen bringt mühelos die Worte „kein Schadensersatz für die Vergangenheit“ aufs Papier des karierten Collegeblocks. In der Vorlesung, in der sie gerade sitzt, geht es um internationales Wirtschaftsrecht – Streitschlichtung in der Welthandelsorganisation. Die Materie ist zäh. Mascha versteht zwar die Wörter, aber nicht alle Bedeutungen. „Ich schreibe alles mit und setze mich dann in den Lesesaal der Bibliothek, um es richtig zu kapieren“, sagt die 21-jährige Jurastudentin in fließendem Deutsch.

Mascha ist eine von 17 weißrussischen Austauschstudenten, die seit Oktober letzten Jahres an der Freien Universität (FU) in Berlin eingeschrieben sind, weil die weißrussische Regierung unter Präsident Alexander Lukaschenko ihre Heimatuniversität, die Europäische Humanistische Universität (EHU) in der Hauptstadt Minsk unter einem Vorwand geschlossen hatte. Weißrussland gilt als letzte verbleibende Diktatur Zentraleuropas. Die freigeistige, an westeuropäischen Standards orientierte EHU war Lukaschenko ein Dorn im Auge.

Mit der EHU-Schließung riss die Regierung die Studenten abrupt aus ihrem Studium. Zahlreiche europäische Universitäten boten ihnen daraufhin akademisches Exil an, bis klar war, wie die Studenten zu einem Abschluss gelangen können. Nun nähert sich der Aufenthalt in Deutschland seinem Ende. Die Visa gelten noch bis Ende Juli. Den Studenten bleiben eigentlich nur zwei Optionen: Sie können sich in Deutschland für ein reguläres Studium bewerben. Oder sie gehen an eine staatliche Universität in Weißrussland. Eine dritte Option gilt derzeit als unsicher: Die Fortsetzung des Studiums an der EHU International, die in Litauens Hauptstadt Vilnius wiederaufgebaut wird.

„Ich bin müde“, sagt Mascha und gähnt. Bis zwei Uhr in der Nacht habe sie vor dem Computer gesessen und gelernt. Über das Internet nimmt Mascha an Kursen teil, die in Ergänzung zu den Kursen an der FU zu einem Bachelor-Abschluss an der neuen EHU International führen sollen. Doch wie genau das funktionieren soll, das weiß noch niemand so recht, erklärt Gottfried Gügold vom Akademischen Auslandsamt der FU. Ob der Abschluss in Weißrussland oder in Europa anerkannt wird, sei ebenfalls noch unklar. Nun sitzt Mascha um zehn Uhr am Morgen wieder in einer Vorlesung. Sie will dieses Semester noch ordentlich abschließen – aber dann ist Schluss.

Mascha hat sich entschieden, an einer staatlichen Universität in Minsk den Abschluss zu machen. Bevor sie nach Berlin kam, hatte sie bereits sechs Semester an der EHU studiert. Ein deutscher Abschluss kommt für sie nicht in Frage. „In dem einen Jahr war es nicht möglich, ihr einen Abschluss im Sinne der ersten juristischen Staatsprüfung zu ermöglichen“, sagt Andreas Fijal, Leiter des Studienbüros am Fachbereich Rechtswissenschaft.

Dennoch sei sie glücklich über den Aufenthalt in Berlin – und über die guten Studienbedingungen, sagt Mascha. In Minsk stammten die meisten Bücher noch aus Sowjetzeiten. Viele Dokumente müsse sie sich im Internet zusammensuchen. Die Berliner Bibliotheken bieten eine weit größere und aktuellere Auswahl. Auch unterrichten an der FU beispielsweise ehemalige deutsche Botschafter für die Vereinten Nationen Völkerrecht – Maschas Spezialgebiet.

Mit der Anerkennung der Leistungen, die Mascha an der FU erbracht hat, in ihrer Heimat sollte es eigentlich keine Probleme geben. Es gibt seit Jahren einen regelmäßigen Studentenaustausch mit Weißrussland, sagt eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Man könne nur hoffen, dass die problemlose Anerkennung auch für die nun an staatliche Universitäten zurückkehrenden Exilstudenten der regimekritischen EHU gelte.

Der 20-jährige Psychologiestudent Nikita hat sich für die andere Option entschieden. Er bleibt noch länger in Berlin. Auch er ist Exilstudent. Für ihn ist es leichter als für die Jurastudenten, einen deutschen Abschluss anzustreben. Sein Studium in Minsk wird in Berlin angerechnet. „Wir erkennen alles an, was mit unserer Studienordnung kompatibel ist", heißt es aus dem Psychologie-Prüfungsbüro.

Doch da Psychologie ein Fach mit Numerus clausus ist, muss Nikita ab dem kommenden Semester mit den übrigen Bewerbern um einen regulären Studienplatz konkurrieren, erklärt Gügold das Dilemma, in dem sich sämtliche Minsker Studenten befinden, die ihr Studium in Deutschland fortsetzen wollen. Auch muss sich Nikita um eine Verlängerung seines Stipendiums bemühen. Bis Juli zahlt die Heinrich-Böll-Stiftung. Aber auch hier gilt ab dem nächsten Semester: Nikita ist nur ein Bewerber unter vielen. „Und ohne gesicherten Unterhalt verlängert die Ausländerbehörde nicht das Visum“, sagt Gügold.

An der Europa-Universität in Frankfurt (Oder), an der 37 Minsker Exilanten ihr Studium fortsetzen, sieht es ähnlich aus wie an der FU. „Alle diese Fragezeichen waren von Anfang an klar“, sagt Norbert Morach, Viadrina-Dezernent für studentische Angelegenheiten und Recht. Einige Studenten würden in Deutschland bleiben, einige zurückgehen.

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