Zwangskrankheiten : Fremd im eigenen Leben

Ist der Herd auch wirklich ausgeschaltet? Wer unter Zwängen leidet, dem wird der Alltag zur Qual. Rund zwei Prozent der Bevölkerung sind betroffen. In Adlershof können sie eine Therapie besuchen

Daniela Martens

Am Anfang stand ein „komischer Gedanke“. Er klingt harmlos: Charlotte Behring (Name geändert) öffnete eine Schublade, sah darin Zigaretten und ein Feuerzeug: „Und auf einmal“, erzählt sie, „kam mir die Fantasie, dass ich etwas anzünden könnte.“ Kurz darauf habe dann die Angst vor ihren möglichen Taten begonnen und damit ihre Zwänge. Die beherrschten sie schließlich so sehr, dass sie irgendwann kein eigenes Leben mehr hatte. „Es war das Leben meines Zwangs geworden.“ Bald konnte sie nicht mehr Auto fahren, weil sie stets glaubte, jemanden überfahren zu haben. Und überall, so schien es ihr, brannten Kerzen: Teelichter zwischen Wäschestapeln, die sie zusammengelegt hatte, Leuchter dicht neben Gardinen, angezündet von ihr selbst. „Ich habe immer gedacht, alles brennt ab, und ich bin schuld.“ Sie konnte die komischen Gedanken und ihre tatsächlichen Handlungen nicht mehr auseinanderhalten und glaubte, dass sie alles, was sie dachte, auch tat. Jahrelang war sie der Meinung, sie sei die Einzige, die unter solchen Vorstellungen litt. Ein Monster. Eine Psychologin und ein Psychoanalytiker, bei denen sie in Behandlung war, sprachen nur von „Ängsten“. Diese Ängste wurden aber trotz Therapie nicht weniger. Sechs Jahre nach dem ersten „komischen Gedanken“ wurde sie schließlich nach einem Zusammenbruch in eine spezielle Klinik eingeliefert. Dort hörte sie zum ersten Mal den Begriff „Zwänge“ und erfuhr, dass es viele Menschen gibt, die sie haben.

„Rund zwei Prozent der Bevölkerung leidet unter Zwangserkrankungen, aber nur jeder zehnte Patient wird adäquat behandelt“, sagt Eva Kischkel, Therapeutin in der Hochschulambulanz für Psychotherapie und Psychodiagnostik des Instituts für Psychologie der Humboldt-Universität in Adlershof. Kischkel forscht über Zwangsstörungen und behandelt Patienten. Etwa zehn verschiedene Arten von Zwängen gibt es, darunter Wasch- und Kontrollzwänge, bei denen die Betroffenen zweifeln, ob alle Elektrogeräte wirklich ausgeschaltet und Türen und Fenster geschlossen sind. Eva Kischkel berichtet von einer Frau, die jeden Tag vor dem Weggehen ihren Herd mit dem Handy fotografierte, um sich dann bei der Arbeit immer wieder mit einem Blick auf das Bild zu überzeugen, dass alle Schalter in der richtigen Position waren. Menschen mit Kontrollzwängen haben stets Angst, aus Versehen andere Menschen zu verletzen. Die Angst, jemanden mit dem Auto überfahren zu haben, ist weit verbreitet. Die Betroffenen fahren immer wieder dieselbe Strecke zurück, um sicherzugehen, dass niemand verletzt am Straßenrand liegt. Auch Charlotte Behring hatte diese Angst. Die Fahrt zu Arbeit wurde ihr zur Qual. Irgendwann setzte sie sich nicht mehr hinters Steuer.

Eva Kischkel sagt, ihre Patienten seien oft Menschen, die ein besonders großes Verantwortungsbewusstsein hätten und sehr hohe moralische Werte. Ihnen ist es sehr wichtig, dass anderen nichts passiert. Denken sie etwas Negatives über andere, würden sie sich besonders schuldig fühlen. Und dann könne es passieren, dass sie ihre Gedanken fehlinterpretieren. Weil sie den negativen Gedanken im Kopf haben, werden sie ihn auch ausführen, glauben sie. Das nennt man Thought-Action-Fusion: Verschmelzung von Gedanken und Handlung. Charlotte Behring betreut Kinder, manchmal bis zu 200 auf einmal. Als es ihr zunehmend schlechter ging, begann sie sich vorzustellen, wie sie die Kinder mit einem Messer verletzt. „Irgendwann“, sagt sie, „dachte ich, dass ich sie allein durch Anschauen auch wirklich verletze.“

Oft sind auch die Eltern von Betroffenen zwanghafte Menschen, die ihre Kinder rigide und starr erziehen. Der Geschirrspüler etwa muss in solchen Elternhäusern stets auf eine ganz bestimmte Weise eingeräumt sein. Charlotte Behring erzählt, dass ihre Eltern immer wieder verlangt hätten, Einser aus der Schule nach Hause zu bringen. Und wenn sie putzte, wurde genau nachgeprüft und kontrolliert. „So wurde ich selbst perfektionistisch.“ Eva Kischkel spricht von einer familiären Häufung bei Zwangserkrankungen, einer sogenannten genetischen Disposition.

Es gibt Möglichkeiten, den Patienten zu helfen, etwa mit Medikamenten. Deren Wirkung hält aber nur solange an, wie der Patient sie tatsächlich nimmt. Beratung finden die Betroffenen in Selbsthilfegruppen, die über die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen zu finden sind, einem Verein, in dem sich Betroffene und Experten gemeinsam engagieren. Darüber hinaus kann Zwangserkrankten mit einer Verhaltenstherapie geholfen werden. Sie sind, sagt Eva Kischkel, notwendig, wenn jemand sehr unter dem Zwang leidet oder mehr als eine Stunde am Tag mit der Zwangshandlung verbringt. Zunächst muss der Patient einsehen, dass der Zwang nicht von allein wieder verschwinde. Und er muss bereit sein, es mit einer Exposition zu versuchen. Das Prinzip der Exposition kann man besonders einfach für den Waschzwang erklären: Die Patienten haben Angst, Krankheitskeime weiterzugeben. Sie glauben an das Prinzip der „unendlichen Verdünnbarkeit“. Der angebliche Giftstoff an Toiletten und Türklinken bleibt für sie auch dann noch gefährlich, wenn sie einen Großteil davon schon von ihren Händen abgewaschen haben. Berühren sie andere, „kontaminieren“ sie sie in ihrer Vorstellung. Bei der Exposition setzt die Therapeutin den Patienten einer besonders schlimmen Situation aus: Sie fährt mit ihm S-Bahn, er muss Türen und Stangen anfassen und sich auf die Sitze setzen. Wieder zu Hause, muss er mit der in der S-Bahn getragenen Hose sein Bett „kontaminieren“. „In so einer Situation schnellt die Angst zuerst nach oben und lässt dann einfach wieder nach“, sagt Eva Kischkel. „Der Körper kann nicht so lange angespannt sein.“ Zwei bis drei solcher vierstündigen Übungen gehörten zur Therapie, die insgesamt rund eineinhalb Jahre dauert.

Charlotte Behring sagt, ihre Zwänge seien immer extremer geworden. Schließlich verließ sie das Haus nicht mehr, bat ihren Freund, sie einzusperren, zum Schutz für sie selbst und andere. Sie stellte sich vor, sie würde sich an einem Bettlaken aus dem Fenster abseilen, zum Bahnhof laufen, unterwegs ihren Freund verletzen und sich schließlich vor einen Zug werfen. Wie zuvor konnte sie nicht unterscheiden, was sie nur gedacht und was sie tatsächlich getan hatte oder tun würde. „Im Kopf wusste ich, was richtig und was falsch ist. Aber ich habe meinem Gefühl vertraut.“ Doch das Gefühl machte aus jeder Situation das Schlimmste. Sie besuchte eine Therapie, in der sie lernte, ihrem Kopf zu vertrauen, indem sie ein brennendes Feuerzeug in die Nähe einer Gardine hielt. Sie sollte so lange stehen bleiben, bis die Angst nachließ.

Es war hart, aber hilfreich. Auf ähnliche Weise übte sie die Konfrontation mit Situationen wie Bahnfahren und Autofahren. Acht Jahre nach dem ersten „komischen Gedanken“ dachte sie zum ersten Mal: „Es geht mir gut.“

Weitere Informationen im Internet unter www.psychologie.hu-berlin.de und www. zwaenge.de

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