Gesundheit : Zwei Mal Berlin

Zum Tod des Judaisten Herbert A. Strauss

Kurt Kutzler

Der Gründungsdirektor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, Herbert A. Strauss, ist nach kurzer Krankheit am 11. März in New York gestorben. Als er 1982 nach Berlin berufen wurde, bezweifelten skeptische Stimmen, dass ein solches, in Europa einmaliges Institut fundierte wissenschaftliche Arbeit leisten könnte. Es kennzeichnet die große Aufbauleistung von Herbert Strauss, dass er dem Zentrum durch innovative Forschungsprojekte schnell breite wissenschaftliche Anerkennung im In- und Ausland verschaffte. Durch zahlreiche Veranstaltungen wie Ringvorlesungen und Lerntage gelang es ihm zugleich, die universitäre wie die Berliner Öffentlichkeit zu erreichen.

Im Wirken von Herbert Strauss verbanden sich wissenschaftliche Rationalität und Moralität mit der Verpflichtung auf liberale Werte. Dies ist nicht zuletzt Resultat seines besonderen Lebensweges gewesen. 1918 in Würzburg geboren, ging er 1936 in die Großstadt Berlin, wo er bis 1942 Judaistik und Geisteswissenschaften an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums studierte. Als Hilfsrabbiner und Zwangsarbeiter musste er die Zerstörung des Judentums durch die nationalsozialistische Verfolgungspolitik mit ansehen. Er selbst und seine spätere Frau Lotte überlebten im Untergrund und durch eine abenteuerliche Flucht in die Schweiz. Strauss leistete wichtige Beiträge zur jüdischen Emigrations- und Wissenschaftsgeschichte, zur Geschichte der Judenemanzipation in Preußen und der Judenverfolgung im Nationalsozialismus.

Diese Forschungsschwerpunkte bestimmten sein Programm am Zentrum für Antisemitismusforschung: Projekte zum Antisemitismus in der deutschen Volkskultur des Vormärz, zur Wissenschaftsemigration nach 1933 und zur gegenwartsbezogenen empirischen soziologischen Antisemitismusforschung. Neben der Interdiziplinarität prägt auch der von Herbert A. Strauss ausgehende Ansatz, den Antisemitismus im allgemeineren Kontext der Vorurteils- und Konfliktforschung zu sehen, bis heute die Arbeit des Instituts.

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